Geschichte der Wiener Philharmoniker

Das dynastische Orchester

Christian Merlin zeichnet in seinem Buch „Die Wiener Philharmoniker – Das Orchester und seine Geschichte von 1842 bis heute“ (Amalthea Verlag) die ganze Geschichte des berühmtesten Orchester Österreichs nach.

Von Robert Jungwirth

Unglaublich, aber wahr: Der Gründer der Wiener Philharmoniker war ein Preuße. 1841 war der Dirigent und spätere Komponist der „Lustigen Weiber von Windsor“ Otto Nicolai zum Hofopernkapellmeister in Wien ernannt worden. Der aus Königsberg stammende Dirigent und Komponist musste erstaunt feststellen, dass es in Wien außer dem Opernorchester kein professionelles Symphonieorchester gab. Und das in der Stadt Mozarts und Beethovens. So kam Nicolai auf die Idee, aus den Musikern des Opernorchesters ein Konzertorchester zu formen – zur Pflege des klassischen Repertoires. Beethoven war zu der Zeit gerade mal 15 Jahre tot und Musiker aus dem Opernorchester hatten noch bei der Uraufführung von Beethovens Neunter Symphonie mitgespielt. Beim ersten Konzert der Wiener Philharmoniker – der Name wurde erst 1908 endgültig gewählt – am 28. März 1842 hatte das Orchester 64 Mitglieder, heute sind es 148.

Schon damals verständigten sich die Mitglieder des Orchesters darauf, dass ein demokratisch gewähltes Orchesterkomitee die Belange des Orchesters vertritt. Eine Praxis, die bis heute beibehalten wird. Auch die Einnahmen aus den Konzerten wurden und werden eigenständig verwaltet. Doch bereits in der ersten Saison kam es zu Streitigkeiten zwischen den Musikern und ihrem Chefdirigenten über Entscheidungsbefugnisse. Ein Streit, der sich bei fast allen nachfolgenden Chefdirigenten wiederholen sollte, bis sich die Wiener Philharmoniker 1933 schließlich dazu entschlossen, keinen Chefdirigenten mehr für die Abonnementkonzerte zu ernennen. Stattdessen arbeitet man seitdem mit wechselnden Gastdirigenten. Christian Merlin kennt alle geschichtlichen Details der 175-jährigen Geschichte der Wiener Philharmoniker – schließlich hat er dazu 2014 an der Pariser Sorbonne eine Habilitationsschrift eingereicht. Und diese bietet er nun gut lesbar und unterhaltsam dem interessierten Leser dar.

1860 hatte das Orchester bereits 86 Mitglieder, in diesem Jahr begannen auch die Abonnementkonzerte, die bis heute existieren. Die basisdemokratischen Gepflogenheiten der Philharmoniker, brachten es mit sich, dass 1862 eine Mehrheit der Musiker die Aufführung von Bruckners 3. Symphonie ablehnte! Im gleichen Jahr trat ein 19-jähriger Hornist in das Orchester ein, der später Chefdirigent wurde und darüber hinaus zu einem der bedeutendsten Dirigenten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Hans Richter, der Uraufführungsdirigent von Wagners „Ring“ in Bayreuth. Damals gab es immer wieder Dirigenten, die aus Orchestermusikern hervorgingen. Neben Richter waren dies beispielsweise auch der ungarische Geiger Arthur Nikisch, der drei Jahre im Tutti spielte und dann als Chefdirigent des Berliner Philharmonischen Orchesters Weltruf erlangte oder später Willi Boskovsky, der von 1954 bis 1979 die Wiener Neujahrskonzerte dirigierte.

Mehr und mehr hat sich das Orchester mit Musikern aus der gesamten K- und K-Monarchie zu einem multiethnischen Ensemble entwickelt. Manche Musiker legten sich sogar einen anderen Namen zu, um ihre Herkunft zu verbergen. 1869 verfügte das Orchester bereits über 100 Mitglieder, und wie bei kaum einen anderen Ensemble wurden Neumitglieder bei den Wiener Philharmonikern bis zum Ende des 20. Jahrhunderts hauptsächlich aus den Reihen der Schüler der Mitglieder oder sogar aus deren Familien rekrutiert. Das sicherte die Weitergabe klanglicher und spieltechnischer Traditionen, deren Wert man sich in Wien überaus bewußt war.

Den geradezu dynastischen Gepflogenheiten in der Besetzungspolitik widmet Christian Merlin in seiner ausführlichen Chronik zum 175. Geburtstag der Wiener Philharmoniker besonderes Augenmerk, er spricht gar vom „Klanggedächtnis“ des Orchesters. Wer wann und weshalb neu ins Orchester kam, das erfährt der Leser sehr detailliert. Nicht jede Personalie wird den Leser indes gleichermaßen interessieren. Der zweite Band enthält dann sogar Kurzbiographien aller Musiker von 1842 bis heute! Die wissenschaftliche Vollständigkeit war hier wohl oberste Prämisse. Auch über spiel- und instrumententechnische Gepflogenheiten und Eigenheiten wird ausführlich informiert, wie etwa das Wiener Horn, die „Erfindung der Wiener Pauke“, die Wiener Oboe oder die „böhmische Kontrabassschule“.

Eine der wichtigsten Neuzugänge in der zweiten Hälfte des 19. Jh. war der Geiger Arnold Rosé, geboren als Arnold Rosenblum in Rumänien. Als 18-Jähriger beeindruckte er das Orchester mit einer Wiedergabe von Goldmarks Violinkonzert derart, dass man ihn im Orchester aufnahm und bald zum Konzertmeister ernannte. 57 Jahre war Rosé mit Unterbrechungen im Orchester als eine der prägenden Persönlichkeiten und wäre auch noch länger geblieben, hätten ihn die Nationalsozialisten 1938 nicht von seinem Posten vertrieben. Daneben war Rosé auch Primarius des nach ihm benannten Streichquartetts, das durch Aufführungen von Werken der sogenannten Zweiten Wiener Schule um Arnold Schönberg Musikgeschichte schrieb. Und Rosé wurde der Schwager von Gustav Mahler.

Am 15. Oktober 1897 hatte Gustav Mahler sein Amt als Direktor der Wiener Hofoper angetreten. Mahler veränderte mit seinem geradezu besessenen Perfektionismus und seinem Reformeifer die Hofoper von Grund auf, machte sie zur führenden Opernbühne im damaligen Europa. Mit Mahler gingen die Philharmoniker im Jahr 1900 auch erstmals auf Auslandsreise: nach Paris. Mahlers Arbeitseifer und seine Ansprüche an die Musiker stießen freilich nicht nur auf Gegenliebe. Es kam immer wieder zu Spannungen zwischen mit einzelnen Musikern, weshalb er nur drei Jahre die Leitung der philharmonischen Konzerte inne hatte und nicht 23 wie sein Vorgänger Hans Richter. Hinzukamen auch antisemitische Angriffe gegen Mahler.

Die Nachfolger von Mahler waren Felix Weingartner, Franz Schalk und Richard Strauss. Letzterer war Mitbegründer der Salzburger Festspiele, bei denen die Wiener Philharmoniker das Hausorchester wurden. 1923 fuhr man mit Strauss auf die erste Südamerikatournee – ein ungeheures Unternehmen für damalige Verhältnisse. 1924 folgte die erste Plattenaufnahme: „An der schönen blauen Donau“.
Die Zeit des Nationalsozialismus ist das dunkelste Kapitel in der Geschichte der Wiener Philharmoniker und wurde vom Orchester erst sehr spät aufgearbeitet. Hierzu sind wichtige Forschungen von Bernadette Mayrhofer, Fritz Trümpi und Oliver Rathkolb gemacht und publiziert worden. Neun Musiker konnten ins Exil gehen, fünf wurden Opfer des Holocausts, darunter der Geiger Viktor Ribitsek, einer der letzten Musiker, die noch von Gustav Mahler selbst engagiert worden waren. Weitere zwei Musiker kamen in Wien als direkte Folge von versuchter Deportation oder Verfolgung ums Leben. Die elf verbliebenen Orchestermitglieder, die als „Halbjuden“ stigmatisiert wurden oder mit Jüdinnen verheiratet waren, lebten in der ständigen Angst des Widerrufs ihrer „Sondergenehmigung“ weiterhin im Orchester spielen zu dürfen.

Keiner der emigrierten Musiker kehrte übrigens nach dem Krieg zu den Wiener Philharmonikern zurück. Das dynastische Prinzip bei der Besetzung freier Stellen setzte sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg fort: 1967 trat Franz Bartolomey als Cellist ins Orchester ein, ein Enkel des Soloklarinettisten von Gustav Mahler und Sohn eines Geigers, der soeben das Orchester verlassen hatte. 1974 waren 70% der Geiger des Orchesters von einem Philharmoniker unterrichtet worden, 76% der Bratschisten und 10 von 13 Kontrabassisten.

Der Übergang ins neue Jahrtausend war geprägt von einer zunehmenden Internationalisierung des Orchesters – 22 Nationalitäten zählten die Philharmoniker 2016 – und der späten Öffnung für Frauen, die man lange Zeit ausgegrenzt hatte. 1963 war zwar bereits eine Harfenistin für das Opernorchester engagiert worden, doch zum Philharmoniker-Mitglied brachte sie es nicht. Erst 1997 sollte dies möglich werden. 2016 waren 14 Frauen im Orchester, darunter sogar eine Konzertmeisterin. Trotz der Internationalisierung des Musikbetriebs sei eine wesentliche Identitätsstiftung der Wiener Philharmoniker nach wie vor ihre Doppelqualifikation als Opern- und Konzertorchester, so Christian Merlin. „Es ist nicht sicher, ob die Philharmoniker sich ihre Besonderheit bewahren könnten, würden sie sich als Opernorchester zurückziehen.“

Doch was ist darüber hinaus nun das Spezifische am Klang der Wiener Philharmoniker? Merlin geht einer genauen Festlegung aus dem Weg, beschränkt sich auf die Würdigung der besonderen Flexibilität, der tänzerischen Leichtigkeit und des kammermusikalischen Zusammenspiels des Orchesters und zitiert den Dirigenten Georg Solti, der meinte, das Hauptmerkmal des Orchesters sei es, auch im kraftvollsten Tutti nobel und warm zu klingen. Merlin endet nach rund 350 Seiten mit einer unerwartet flapsigen Schlussbemerkung: „Die Wiener Philharmoniker sind kein ‚lauwarmes‘ Orchester. Sie können entweder schlampig oder atemberaubend schön und leidenschaftlich, doch nie gleichgültig oder mittelmäßig spielen.“


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