Geschichte der Bayreuther Festspiele

Wagners Werk und seiner Nachkommen Beitrag

Oswald Georg Bauer hat mit seiner „Geschichte der Bayreuther Festspiele“ eine beispiellose Quellensammlung zu den Wagner-Festspielen herausgebracht – unbedingt empfehlenswert
Von Robert Jungwirth

Spektakuläre Absagen und flüchtige Dirigenten begleiten die Bayreuther Festspiele seit ihren Anfängen. Schon der Uraufführungsdirigent des „Rings“ Hans Richter war während der Proben ohne Abschied von Bayreuth abgereist, weil Richard Wagner und Cosima ihn beleidigt hatten. So relativiert sich im historischen Kontext so manche aktuelle Aufregung um Absagen oder Umbesetzungen. Diese sind eher die Regel als die Ausnahme in der Geschichte der Bayreuther Festspiele. „Einen ergebenen Mitarbeiter wie Hans Richter betrachtete man wie ein Eigentum und erwartete von ihm völlige Ergebenheit. Das Schema »Meister« und »Jünger« bestand von Anfang an, trotz Wagners Jovialität im Umgang mit seinen Künstlern“, konstatiert Oswald Georg Bauer in seiner Chronik der Bayreuther Festspiele.

Die ersten Bayreuther Festspiele 1876, die damals noch gar nicht so hießen, hatten mit so vielen Schwierigkeiten zu kämpfen, dass man sich ohnehin wundern muss, wie dieses Mammutunternehmen mit vier Opern, davon zwei Uraufführungen, überhaupt über die neu errichtete Bühne gehen konnte. Vor fast unlösbare Aufgaben stellte die Organisation zudem, wie sie die täglich rund eineinhalbtausend Gäste bewirten und transportieren sollten. „Die elegantesten Damen drängten sich vor den gemeinsten Kneipen ohne etwas zu bekommen. Die drei Rheintöchter haben sich neulich in der Weise ihr Mittagsmahl bereitet, indem die eine Wurst, die andere Brot und die dritte das Bier holte“, zitiert Bauer eine zeitgenössische Quelle.

Die nächsten Festspiele 1882 brachten die Uraufführung von Wagners „Parsifal“. Jetzt klappte es auch mit der Versorgung schon besser, und geschäftstüchtige Kaufleute boten sogar „Parsifal-Zigarren“ und „Klingsor-Sekt“ an. Ein Jahr später starb Richard Wagner und seine Witwe Cosima stand vor der Herausforderung, die Festspiele alleine weiterzuführen. Der Kult, den sie fortan um Leben und Werk ihres verstorbenen Gatten betrieb, rückte die Festspiele alsbald in den Rang eines quasi-religiösen Ereignisses – verbunden mit einer zunehmenden nationalistischen und antisemitischen Prägung durch Autoren des sogenannten Bayreuther Kreises. Zum wahren Verständnis von Wagners Werk wird jetzt die „germanische Rassenzugehörigkeit“ vorausgesetzt und die „Weltführerschaft des Germanentums“ proklamiert.

Einer Anpassung der Regie an die Ästhetik der Zeit stand Cosima lange Zeit im Weg. Erst in den 20er Jahren gab es mit dem Bühnenbildner Emil Preetorius eine optische Neuausrichtung, die Cosimas Sohn Siegfried betrieb, allerdings ohne mit den Aufführungs-Traditionen ganz zu brechen. Auch bei den verpflichteten Musikern und Sängern gab man sich nun trotz aller Deutschtümelei international. 1931 dirigierte mit Arturo Toscanini erstmals ein nicht-deutscher Dirigent in Bayreuth, was die deutschnationalen Kreise auf dem Grünen Hügel selbstverständlich kritisch bewerteten. Die Verbindung der Wagner-Familie zu Hitler während der NS-Diktatur ist natürlich ebenso Thema wie die Querelen um den Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg. Überhaupt haben die Streitigkeiten innerhalb des Wagner-Clans um die Leitung der Festspiele ebenfalls eine lange Tradition auf dem Grünen Hügel. Auch die findet sich in Bauers Chronik wider. Dabei argumentiert Bauer sehr ausgewogen im familienpolitischen Minenfeld des Wagner-Clans.

Nach dem 2. Weltkrieg war das Festspielhaus erstmal geschlossen, diente als Unterhaltungsbühne. Die Wagner-Familie hat sich einem Entnazifizierungsverfahren zu unterziehen. Der bisherigen Leiterin Winifred Wagner wurde eine weitere Leitung selbstverständlich untersagt. Aber auch ihre Söhne waren nicht frei von vielfältigen Beziehungen zum Naziregime und zu Hitler persönlich. Auch die Eigentumsverhältnisse waren zu klären.
Parallel dazu setzte in der Öffentlichkeit der Versuch ein, Wagner vom Nationalsozialismus reinzuwaschen. Ein gewisser Graf Kalckreuth schrieb in der Süddeutschen Zeitung: „Wagner war kein Nationalsozialist […] Seine rassischen und völkischen Theaterrequisiten dürften uns nicht mehr irritieren […] Es ist an der Zeit, Wagner vor Verkennung zu schützen.“ So ähnlich sollte das auch noch Joachim Kaiser Jahrzehnte später formulieren.

Vom ideologischen Erbe abgesehen, waren die zu überwindenden finanziellen und ideellen Widerstände für eine Neuauflage der Bayreuther Festspiele enorm. Als schließlich 1950 für das darauffolgende Jahr die ersten Wagner-Festspiele in Bayreuth nach dem Krieg annonciert wurden, war die Kartennachfrage sogleich sehr groß. Ja man nahm sogar zusätzliche Vorstellungen ins Programm, so dass man auf 21 in diesem Sommer 1951 kam. Die Enkel sorgten für „entpolitisierte“ Festspiele und einen „entpolitisierten“ Wagner. „Hier gilt’s der Kunst“, war die Devise. Dennoch zierten die Programmhefte der Jahre 1952 und 1953 die berühmte Wagner-Skulptur des Nazi-Bildhauers Arno Breker – die noch immer im Park vor dem Festspielhaus zu besichtigen ist. Eine übermäßige Sensibilität für das nationalistische und nationalsozialistische Erbe des Hauses Wagner gab es damals also nicht wirklich.
Die leeren Lichträume des Parsifal in der Inszenierung von Wieland Wagner sorgten tatsächlich für einen vollständigen Bruch mit den bisherigen Inszenierungstraditionen und katapultierten Bayreuth ästhetisch in die Avantgarde.

Oswald Georg Bauer liefert in seinen zwei Bänden auf rund 1450 Seiten über die Geschichte der Bayreuther Festspiele die enorm spannend zu lesenden Ergebnisse einer beispiellosen Quellenarbeit. Jede Neuproduktion der Festspiele von Beginn an bis zum Jahr 2000 wird mit Bild- und Textmaterial in ihrer jeweiligen musikalisch-szenischen Eigenheit ausführlich dokumentiert und kenntnisreich kommentiert, ohne dass sich der Autor dabei mit seiner Sichtweise je in den Vordergrund drängen würde. Bauer bietet mit diesen beiden auch optisch sehr schön gestalteten Bänden eine verlässliche und reichhaltige Quelle für nahezu alle Fragen über die künstlerisch-musikalischen, ästhetischen, aber auch gesellschaftlichen und familiären Hintergründe der Bayreuther Festspiele. Für Wagnerianer ein Muss, aber auch für jeden Nicht-Wagnerianer mit Gewinn zu lesen.

Oswald Georg Bauer: Geschichte der Bayreuther Festspiele. Deutscher Kunstverlag. 1450 Seiten, 128 Euro

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