Gergievs Antritt in München

Opernkritik: Valery Gergiev

Entwicklungspotentiale

Valery Gergiev Foto: Andrea Huber

Valery Gergiev gab mit drei Konzerten seinen Einstand als neuer Chefdirigent der Münchner Philharmoniker – mal mehr, mal weniger überzeugend
Von Christian Gohlke
(München, am 26. September 2015) Seitdem der Münchner Stadtrat ihn im Januar 2013 zum Nachfolger von Lorin Maazel im Amt des Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker berufen hat, ist die Diskussion darüber, ob der russische Stardirigent Valery Gergiev sich für dieses prestigeträchtige Amt wirklich eignet, nicht abgerissen. Nur selten spielten dabei musikalische Überlegungen eine zentrale Rolle. Eleonore Büning von der FAZ etwa hielt ihn, den Vielbeschäftigten, der außer dem Mariinsky Theater auch noch das London Symphonie Orchestra und diverse Festivals leitet, für „eher den falschen Mann“, weil die Münchner Philharmoniker gerade jetzt einen Chef haben sollten, der kontinuierlich probt und hart arbeitet, um den alten, zuletzt unter Lorin Maazel doch etwas verblassten Glanz des Orchesters wieder aufzufrischen.
Viel häufiger indes als künstlerische Bedenken, wurden andere Vorbehalte gegen Valery Gergiev geäußert. Geradezu leitmotivisch wird er in der Presse als „Freund Putins“ charakterisiert, und seine Haltung in der Krim-Krise (Gergiev bekannte sich ausdrücklich zu Putins Politik) und eine  missverständliche Äußerung über Putins Homosexuellenpolitik führten nicht nur in München zu lautstarken Protesten. Ganz verstummt ist die Kritik an ihm seither nicht, zumal der Dirigent in Interviews kein Blatt vor den Mund nimmt und seine Positionen nachdrücklich vertritt, wie zuletzt nicht nur in einem Interview des Bayerischen Rundfunks, sondern auch in einem ausführlichen Spiegel-Gespräch zu bemerken war.
Von seinen musikalischen Fähigkeiten konnte sich das Münchner Publikum nun bei seinem offiziellen Amtsantritt erneut einen recht guten Eindruck verschaffen. Denn Gergiev, der die sportliche Herausforderung liebt und offenbar braucht, gab nicht nur mit einem, sondern gleich mit drei Konzerten seinen Einstand bei den Philharmonikern. Er hat für diese drei Konzerte Werke der österreichisch-deutschen und der russischen Tradition ausgewählt, womit der Schwerpunkt der künftigen künstlerischen Ausrichtung des Orchesters bezeichnet sein dürfte. Aber nicht nur einen Vorgeschmack auf die kommende Programmgestaltung boten die Eröffnungskonzerte, sie ließen überdies die Möglichkeiten und die Grenzen, die Stärken und die Schwächen (freundlicher und modernen gesagt: die Entwicklungspotentiale) des neuen Chefdirigenten gut erkennen.
Was Valery Gergiev besonders gut kann, ließ sich bereits an einer Äußerlichkeit, die aber eben doch mehr ist als eine bloße Äußerlichkeit, erkennen: Eines der drei Konzerte, nämlich das dritte und letzte am 24. September, dirigierte er auswendig. Sicher kein Zufall, war es doch vor allem dem russischen Repertoire gewidmet. Hier ist Gergiev in seinem Element. Das spürte man vom ersten Takt an. Hier agiert er so frei und souverän, so meisterhaft und umsichtig, dass verständlich wird, warum er zu den großen Dirigenten unserer Zeit gezählt wird. Eine packendere, zugleich aber klanglich ausgewogenere und dynamisch differenziertere Interpretation von Sergej Prokofjews „Romeo und Julia“ lässt sich kaum denken. Gergiev geriet der erste Satz „Die Montagues und die Capulets“ nicht nur laut, sondern tatsächlich dramatisch. „Julia als jünges Mädchen“ erklang leicht und wieselflink, und die brennende Intensität der Streicher im letzten Satz machte den Schmerz Romeos hörbar, wenn er am Grabe Julias steht.
Fast genauso überzeugend gelang Tschaikowskys sechste Symphonie, die „Pathétique“. Gergiev betonte in seiner Lesart die Extreme der Partitur, die er exzellent herausarbeitet. Ein herber, harter Tuttischlag beendete das herrlich, von Gergiev verhältnismäßig langsam, aber wunderbar gesanglich musizierte Seitenthema, und die folgende Durchführung war von geradezu bestürzender Dringlichkeit. Auch für den feierlichen, ganz hervorragend gespielten Blechbläser-Choral des Schluss-Satzes fand Gergiev den richtigen Ton, ehe die Symphonie im kaum noch hörbaren Piano der tiefen Streicher mehr erstarb als ausklang. Kurzum: eine „Pathétique“ von großer Eindringlichkeit und hoher Dramatik.
Die Tondichtung „Don Juan“ von Richard Strauss, die beim selben Konzert ebenfalls auf dem Programm stand, überzeugte, wiewohl vom Orchester glanzvoll gespielt, nicht in gleichem Maße. Hier klang manches doch etwas pauschal und routiniert. Ein Eindruck, der gelegentlich auch während des ersten Konzertes am 17. September aufkam, bei dem Gustav Mahlers zweite Sinfonie in c-Moll gespielt wurde. Sicher waren an diesem Abend, der aufgezeichnet und auf 3sat ausgestrahlt wurde, alle Beteiligten sehr nervös. Im Saal war die Anspannung spürbar, und sie äußertre sich nicht nur in einer Reihe unüberhörbarer Ungenauigkeiten, sondern auch in einem irgendwie angespannt wirkenden, nicht frei fließenden Musizieren. Doch je länger der Abend dauerte, umso gelöster wurde das Orchester. Die Theatralik des fünften Satzes, der zwischen den Extremen „wild herausfahrend“ und „misterioso“ changiert, glückte am besten. Dem fabelhaft einstudierten Philharmonischen Chor (Andreas Herrmann) verdankte man außerdem einen Moment der Gänsehaut beim herrlich homogen klingenden Piano-Einsatz „Auferstehn, ja auferstehn wirst du“. Dem „Urlicht“ hingegen fehlte es an feierlicher Schlichtheit. Olga Borodina legte den Satz zu opernhaft an, als dass er wirklich hätte berühren können. Es war also bestimmt keine schlechte Aufführung der „Auferstehungssinfonie“, aber auch keine, die man als irgendwie herausragend oder besonders lange in Erinnerung behalten wird.
Ähnlich verhielt es sich mit dem Violinkonzert von Brahms, das den zweiten Konzertabend am 22. September eröffnete, zumal Solistin und Dirigent zu keiner so recht übereinstimmenden Lesart des Konzertes fanden. Legte Gergiev den Kopfsatz zunächst allzu breit an, fand er später zu einem flexibleren Ton. Großartig war die Einleitung der Holzbläser zum Adagio, lebhaft der Schluss-Satz „Allegro giocoso“. Janine Jansen spielte den Soloport mit großer Intensität. Nicht immer konnte sie dabei leidenschaftlichen Ausdruck und spieltechnische oder intonatorische Perfektion miteinander vereinen, und gerade im Adagio stimmte ihr gleichsam kämpferisch anmutender Ansatz nicht so mit den lyrischen Vorgaben des Orchesters überein.
Dass Valery Gergiev mit russischem Repertoire glänzt und die große Musik der deutsch-österreichischen Tradition insgesamt überzeugend, wenn auch nicht geradezu überragend interpretiert, ist keine Überraschung. Um dieses Kernrepertoire zwischen Beethoven und Mahler auf gleichem Weltniveau zu präsentieren wie die Musik der russischen Tradition, müsste – Eleonore Bünings Einwand ist sicher nicht unbegründet  – vielleicht wirklich genauer geprobt, härter an Details und Übergängen gearbeitet werden. Eine echte Überraschung war darum die Wiedergabe von Anton Bruckners 4. Sinfonie, die dem Brahmsschen Violinkonzert folgte. Nach einer enttäuschenden Interpretation der 7. Sinfonie, die Gergiev 2013 als Gastdirigent in München vorstellte (siehe Kritik auf KlassikInfo), wirkte die Vierte nun deutlich souveräner und gelassener. Vielleicht gerade weil Gergiev sich jetzt in den Proben mehr Zeit für sie genommen hat? Die großen Bögen und Steigerungswellen klangen jedenfalls organisch, das Fortissimo nicht als schmetternder Selbstzweck, sondern erwachsend aus einem notwendigen dramaturgischen Aufbau. Manchmal, wie etwa im Finale, war Gergiev noch etwas zu ungeduldig. Da könnte er sich noch ein wenig mehr zurücknehmen und seinem Orchester, das ja gerade bei Bruckner über eine sehr reiche Tradition verfügt, noch etwas mehr vertrauen, es atmen und wachsen lassen. Gleichviel, diese Vierte machte – auch, weil die Philharmoniker sie mit sattem Streicherklang und exquisiten Blechbläsern technisch glanzvoll musizierten – neugierig darauf, welches Brucknerbild sich künftig aus der Zusammenarbeit dieses Orchesters mit diesem Dirigenten entwickeln wird.
Freuen darf man sich in München also auf großartige Konzertabende mit Valery Gergiev, vor allem auf eine stärkere Präsenz des von ihm grandios beherrschten russischen Repertoires und vielleicht sogar auf Bruckner-Interpretationen, die an Christian Thielemanns Niveau anschließen. Sicher wird Gergiev München musikalisch bereichern. Und auch für die eine oder andere Diskussion wird er weiterhin sorgen. Welcome, Mr. Gergiev!

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