Georg Nigl in Köln

Ernste Gesänge

Georg Nigl Foto: www.nafezrerhuf.com

Ein besonderer Liederabend des Baritons Georg Nigl, begleitet von Alexander Melnikow in Köln
Von Christoph Zimmermann
(Köln, 20. September 2016) Angesichts von heutigem Weltgeschehen mag es nicht leicht fallen, in Franz Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ die Sentenz „Sei guten Mut’s. Ich bin nicht wild, bin Freund“ so euphorisch naiv hinzunehmen wie von Matthias Claudius gemeint. Aber das Lied liegt mittlerweile 200 Jahre zurück, und es schildert zudem eine ganz „private“ Situation (ein junges Mädchen hat nicht mehr lange zu leben).
Wenn der eher etwas sonnig wirkende österreichische Bariton Georg Nigl einen ganzen Abend lang musikalische Todesgedanken offeriert (die Kölner Philharmonie war eine der aktuell frequentierten Konzertsäle), ist das freilich durchaus harte Kost. Der als Komponist dominierende Schubert wurde dabei ganz schön in Anspruch genommen. Es hat nur bedingt Beruhigendes, wenn der Programmteil nach dem mittig platzierten „Tod und das Mädchen“ mit „Der Jüngling und der Tod“ einigermaßen beruhigend abschließt. Hier lauten die Worte des Sensenmannes: „Es ruht sich kühl und sanft in meinen Armen. Du rufst! Ich will mich deiner Qual erbarmen.“
Von Georg Nigl heißt es, dass er ein Herz für Einzelgänger und Sonderlinge habe. Zwar verkörpert der (auch als engagierter Darsteller hoch gerühmte) Sänger auch Mozarts Papageno (in Bälde an der Wiener Staatsoper). Aber das tat/tut auch sein Fachkollege Christian Gerhaher. Doch beide fühlen sich fraglos durch komplexere Figuren stärker herausgefordert, etwa den seelisch zerrissenen Wozzeck Alban Bergs. Für Georg Nigl haben inzwischen etliche Komponisten Werke geschrieben. So Pascal Dusapin eine Oper nach Christopher Marlows „Doktor Faustus“, deren Titelfigur dem unmittelbar bevorstehenden Tod ins Auge zu schauen hat. Ein besonders freundschaftliches Verhältnis besteht offenkundig zu Wolfgang Rihm, dessen Lenz der Sänger in einem Jahr an der Berliner Staatsoper neuerlich verkörpern wird
Nun hat ihm Rihm „dort wie hier“ gewissermaßen in die Stimme geschrieben. „Zyklus aus einem Heine-Gedicht“ heißt es im Untertitel. Obwohl authentisch, bleibt diese Formulierung erklärungsbedürftig. „Wo wird … (die) letzte Ruhestätte sein“ heißt es gleich am Textbeginn: auch Heinrich Heine sieht sein Ende vor Augen. Er fühle sich „wandermüde“, wie es auch Joseph von Eichendorff bei „Im Abendrot“ formuliert. Richard Strauss unterstreicht im finalen Gesang seiner „Vier letzten Lieder“ orchestralkoloristisch das Hoffnungs-Jubilieren zweier Lerchen. So geht Tod mit Verklärung zusammen. Heine spricht von einem „Gotteshimmel“, welcher ihn erwartet. Auch ein Hoffnungsschimmer, und offenbar ganz ohne Ironie.
Rihm lässt die drei Strophen sieben Mal hintereinander singen, mit Modifikationen in Ausdruck und Tempo (von „Calmo, sostenuto“ bis „Giusto“), was dem Lamento-Charakter der Musik differenzierte Ausdrucksvarianten abgewinnt. Die Dynamik verbleibt weitestgehend im Pianobereich, die moderat dissonante Musik zielt auf subtile Ausdrucksnuancen. Georg Nigl ist kein kraftmeierischer Bariton, findet seine stärksten Wirkungen in meditativen Ausdrucksbereichen, auch wenn er bei Bedarf um ein kerniges Forte nicht verlegen ist. Sein Begleiter, Alexander Melnikov, ist ebenfalls ein unorthodoxer Musiker, hat starkes Interesse an experimentellen Aufgaben.-Beim Rihm-Zyklus gab er sich aber voll und ganz als sensualistischer, fragile Stimmungen voll auslotender Pianist. Auch bei Schubert begleitete er subtil, mit feiner Pedalisierung, um dann bei den „Vier ernsten Gesängen“ von Johannes Brahms schon mal aufzudrehen.
Aber auch dieses Opus 121 ist ein primär reflektierendes, in sich gekehrtes Werk, vorteilhaft für Georg Nigls Stimme. Hört man ihn zum ersten Mal (wie der Rezensent), wirkt das etwas jungenhafte, mitunter leicht flache Timbre leicht gewöhnungsbedürftig. Und diesmal mussten seine darstellerischen Kräfte ganz aus dem Gesang kommen, wo er mit Farben von Bitternis (Brahms) von Natur aus nicht aufwarten kann. Aber die gestalterische Kompensation von Nigl war enorm, so dass man sich bald auf seine spezifischen Ausdrucksmöglichkeiten widerstandslos einstellte.
Bis auf Josef von Spauns „Der Jüngling und der Tod“ stammten alle Schubert-Liedtexte aus der Feder von Johann Gabriel Seidl. Als Intermezzo gab es drei Lieder von Alban Bergs Opus 2 (dominierendes Melancholie-Wort: Schlafen). „Nach so einem Programm fällt einem nicht mehr viel ein“, meinte der Sänger am Schluss. Schuberts „Abschied“ war dann aber doch ein passender Zugaben-Abschluss. Wolfgang Rihm beehrte die Veranstaltung mit seiner Anwesenheit.



Münchner Philharmoniker


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