Gatti Wagner, Mahler, Berg, SO

Wozzecks Trauermarsch

Daniele Gatti dirigierte das Symphonieorchester des BR mit Wagner, Mahler und Berg

(München, 10. November 2011) Lars von Trier verwendet Richard Wagners Tristan-Vorspiel in seinem neuesten Film mehrfach, um die Bedrohung der Erde durch den Planeten Melancholia spürbar zu machen und schließlich das gigantische Näherrücken, den Aufprall und die Auslöschung unseres Planeten zu zeigen. Wer den Film gerade auf großer Leinwand im Kino gesehen hat, musste diese Bilder im Herkulessaal imaginieren, wenn Daniele Gatti nach Alban Bergs "Wozzeck"-Bruchstücken, todtraurigen Soldaten-"Wunderhorn"-Liedern Mahlers und dem Adagio aus dessen 10. Symphonie Vorspiel und "Liebestod" dirigierte – mit ungeheurer Liebe zum Detail, einer Sanftheit und Zärtlichkeit, die über alles ein warmes Herbstlicht zauberte. Trauer und Tod, sie haben ihren Stachel verloren und doch setzt sich da im Zuhörer ein tiefer Schmerz fest.

Ohne auf die Dramaturgie des Büchner-Dramas Rücksicht nehmen zu müssen, zelebriert Gatti in unendlicher Ruhe mit einem phänomenalen BR-Symphonieorchester die 20-minütige Essenz der anderhalbstündigen Berg-Oper, in der nur Marie singen darf, Wozzecks Tod enthalten ist, aber auch die grandiose anschließende Orchestermusik, die sein Leben Revue passieren lässt und ihn mit einer Glorie umgibt, wie Wagner seinen Siegfried im Trauermarsch der Götterdämmerung verklärt. Angela Denoke ist die Ideal- und Traumbesetzung einer Marie – und war in dieser Partie u.a. auch schon an der Bayerischen Staatsoper zu erleben. Wenn sie aber jetzt die Soldaten als schöne Bursch‘ preist und dann ob ihres Ehebruchs mit einem geilen Tambourmajor zerknirscht in der Bibel liest, dann erlebt man bei Denoke in wenigen Sätzen das faszinierende Psychogramm einer sinnlichen Frau, der das Leben nicht geben kann, was sie braucht. Und wenn sich an den Epilog nahtlos die Schlussszene der Oper ohne die Kinderstimmen anfügt, dann klingt dieses Ende wie ein Epitaph für diese Frau und die Vergeblichkeit ihres Lebens.

Der schöne Soldaten-Bursch‘, den Marie besingt, er steht kurze Zeit später im Frack vor dem Orchester – in Gestalt von Michael Nagy, der mit "Wo die schönen Trompeten blasen", "Der Schildwache Nachtlied", "Revelge" und "Der Tamboursg’sell" all die Abgründe in Seele, Herz und Hirn eines Mannes besingt, der andere Männer töten muss, der sich nach der Geliebten sehnt, der schier wahnsinnig wie aus dem Jenseits singt: "Ich schrei mit heller Stimm: von euch ich Urlaub nimm, gute Nacht!" Auch hier grandiose langsame Tempi, dank derer man jedes Detail hört und jeder Trommelwirbel eine abgründige Aura erhält, zumal Nagy mit wunderbarem, in allen Lagen dunkel leuchtenden Bariton singt, als würde er alles gerade erleben und zugleich ganz distanziert darüber Auskunft geben.

Nach der Pause dann das Adagio aus der 10. Symphonie. Und auch hier türmen sich gewaltig dissonante Akkorde auf, im Höhepunkt gar nicht apokalyptisch, sondern offenbaren, wie grandios sie instrumentiert sind, ja wie sie den Zuhörer geradezu ummanteln und ihn hinwegtragen in ein Jenseits, das Gatti uns dann am Ende als ein gar nicht Schreckliches suggeriert.

Klaus Kalchschmid

Liveübertragung der Wiederholung des Konzerts am Freitag, 11. November ab 20.03 Uhr auf BR Klassik 

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