Gardiner Bach-Biographie

Bach, der Rebell

Der Dirigent John Eliot Gardiner hat eine umfangreiche Bach-Biographie veröffentlicht. Er sieht den Thomaskantor als unangepasstes Genie, nicht als Säulenheiligen oder fünften Evangelisten wie manche seiner Kollegen
Von Robert Jungwirth

(Oktober 2016) Auch wenn Johann Sebastian Bach keine Opern im eigentlichen Sinn komponiert hat, hält John Eliot Gardiner Bachs Passionen und viele seiner Kantaten dennoch für genuines Musiktheater. „Die unglaubliche Dramatik, die in dieser Musik konzentriert ist, und die gewaltige Vorstellungskraft, die sich in ihr Bahn bricht, macht Bachs Passionen großen Bühnendramen ebenbürtig.“ Dementsprechend klingt es auch, wenn Gardiner diese Musik mit seinem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists aufführt. Von einem akademisch-blasierten Bach-Ton, wie er in der viktorianischen Aufführungspraxis gepflegt wurde, hat sich der Dirigent schon früh mit Grausen abgewandt, wie er in seiner gerade erschienenen Bach-Biographie erzählt. Man sich Bach als alten Kapellmeister mit Perücke und Hängebacken vorgestellt und dieses Bild auf seine Musik zu übertragen – „trotz all des jugendlichen Überschwangs und der beispiellosen Lebensfreude, von der seine Musik häufig nur so sprüht.“ Selbst Karl Richter, in den 60er und 70er Jahren eine Instanz in Sachen Bach, konnte Gardiner nicht überzeugen: „Vom Geist der Musik spürte man bei ihm aber auch nicht mehr. Wie in den meisten Aufführungen und Aufnahmen, die ich hörte, wirkte Bachs Musik auch hier düster, trist und seelenlos, ohne Humor und menschliche Züge.“

Gardiner plädiert dafür, sich Bach als einen Rebellen vorstellen, der anerkannte Prinzipien über den Haufen warf. Das habe er mit Luther gemeinsam gehabt, von dem er durchaus beeinflusst gewesen sei. „Die aufbrausende Art, die Luther den Mut gab mit Rom zu brechen und eine neue Vision vom Christentum zu entwickeln, lebt im Werk Bachs wieder auf. Sie wird uns später in der sturen Entschlossenheit wiederbegegnen, mit der er sich sein ganzes Berufsleben lang gegen Widerstände durchgesetzt und gegen Kritik behauptet hat.“
Auch gelte für die Expressivität in Bachs Kirchenmusik das, was schon Luther über die Bedeutung der Kirchenmusik gesagt hat, dass ihre Aufgabe darin besteht, den biblischen Texten zusätzlich Anschaulichkeit und Eindrücklichkeit zu verleihen. Gardiner zeigt in seiner Bach-Biographie, das sich besonders intensiv der Vokalmusik Bachs widmet, wie schier unendlich und immer wieder neu Bachs Erfindungsreichtum in der Veranschaulichung und musikalischen Ausdeutung religiöser Texte war. „Die Kunstfertigkeit, mit der Bach als Komponist und Ausführender in Personalunion beim Ersinnen immer neuer Formen zu Werke ging, ist bisweilen schwer zu begreifen (…) Was für eine Wucht muss diese Musik dann in den Händen jenes Menschen entfaltet haben, der sie geschaffen und als Erster aufgeführt hat.“

Gardiner glaubt, dass die existenzielle Tiefe, die sich in Bachs Musik  – vor allem natürlich in seinen geistlichen Werken ausdrückt – auch mit dem frühen Verlust seiner Eltern zu hat. Auf der anderen Seite habe Bachs Musik aber auch eine enorm positive Energie, wenn man sie denn richtig aufführe. Das heißt, dass sie eben nicht einfach nur bedeutungsschwer und bräsig klingen soll. Bachs Musik müsse tanzen, so Gardiners, das habe er zuerst von Imogen Holst, der Tochter des Komponisten Gustav Holst und Assistentin von Benjamin Britten, gelernt. Mit Bachs Musik ist Gardiner seit seiner Kindheit vertraut. Die Eltern schätzten seine Vokalmusik und führten sie in einem privaten Singkreis auf. „Mit 12 konnte ich von den meisten der sechs Bachmotetten die Sopranstimme mehr oder weniger auswendig.“ Sein Rüstzeug als Musiker erhielt er dann in intensiven Partiturstudien bei der großen Nadia Boulanger in Paris.
So enthält das Buch neben der Bach-Biographie auch eine kleine Gardiner-Biographie, die zum Verständnis der interpretatorischen Herangehensweise bei der Aufführung Bachs Musik durch Gardiner durchaus beiträgt.
Bachs Leben wird von Gardiner nur insoweit nacherzählt wie es für die Werke von Belang ist, dafür aber widmet er der Familie Bach, also der Herkunft des Thomaskantors ein eigenes Kapitel – ebenso der Zeit- und der damaligen Musikgeschichte. Im Kapitel mit der Überschrift „Die ´85er“ widmet er sich den musikalischen Zeitgenossen Händel, Scarlatti und Rameau und stellt Vergleiche an, stellt Unterschiede zwischen ihnen fest.

Spannend sind natürlich vor allem die ausführlichen Betrachtungen der großen Chorwerke Bachs durch die Brille des großen Bach-Interpreten Gardiner. Sie erschließen dem Leser durchaus neue Hörräume und bieten Erklärungen für die Faszinationskraft von Bachs Musik, der man als Laie oft einfach nur sprachlos gegenüber steht. Ein überaus interessantes Bach-Buch, das sich allerdings eher an ein Publikum mit gewissen Bacherfahrungen richtet als an Bach-Einsteiger.

John Eliot Gardiner: „Bach – Musik für die Himmelsburg“. Hanser Verlag, Ca. 750 Seiten € 34,–

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