Ganz große Oper – Film

Die unmögliche Kunstform

Beim Münchner Dokumentarfilmfestival hatte der Film „Ganz große Oper“ über die Münchner Oper Premiere – ein flammendes Plädoyer für die Gattung
Von Robert Jungwirth
(München, 7. Mai 2017) Großer Bahnhof für „Ganz große Oper“. Ein Dokumentarfilm in der Bayerischen Staatsoper als Kino, mit Zuschauern im schwarzen Anzug. Man könnte glauben, die Herrschaften haben vielleicht sich im Datum geirrt, denn der große Bühnenvorhang der Münchner Oper gibt tatsächlich nur eine Filmleinwand frei. Auf ihr sieht man dann 90 Minuten Oper nicht nur frontal, sondern gewissermaßen aus allen Ecken und Winkeln dieses riesigen Hauses mit seinen Dutzenden von unterschiedlichen Berufen und Abteilungen und den etwa 800 Festangestellten. Die Kamera fährt durch diese Opernfabrik, schaut vorbei in der Schusterei, bei der Maske, bei Sänger- und Orchesterproben, beim Malersaal, wo auf dem Boden des 80 Meter langen Raums gerade Bühnenbilder gemalt werden. Daneben basteln Schreiner am Altar für Rameaus „Les Indes Galantes“ herum, die im vergangenen Sommer Premiere hatten. Und wenn dem Opernregisseur wieder ein neuer Einfall kommt, muss die ganze Chose wieder umgebaut werden, weil sonst die Statik für die neuen Anforderungen (darauf turnen) nicht funktionieren würde.
Die unmögliche Kunstform Oper macht Unmögliches möglich. Und die daran mitwirken, wo auch immer in dieser Opernfabrik, müssen das können. Es ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel Unmögliches möglich zu machen an einem Haus wie der Bayerischen Staatsoper, die in einer Saison rund 40 verschiedene Opern zeigt und (fast) jeden Abend spielt.
Toni Schmids Dokumentarfilm „Ganz große Oper“ über die Münchner Oper porträtiert den Betrieb aus der Perspektive des staunenden Liebhabers und auch Kenners für eine faszinierende Kunstform, die mit keiner anderen vergleichbar ist.  Schmid, im Hauptberuf Ministerialdirigent im Bayerischen Kultusministerium und als solcher unter anderem zuständig für die staatlichen Musikeinrichtungen in Bayern und allseits geachteter Strippenzieher, aber auch als Filmregisseur bereits in Erscheinung getreten, ist der Faszination Oper seit sehr langer Zeit erlegen.
Kurz bevor er sich in den Ruhestand verabschieden wird, hat er seine Begeisterung für die Oper im Allgemeinen und für die Münchner Oper im Besonderen in diese filmische Hommage gefasst.
Schmids Film vermittelt anhand von drei Opern-Produktionen, „Meistersinger“, „Ballo in Maschera“ und „Les Indes galantes“, einen Einblick, was in diesem Haus in der vergangenen Spielzeit und darüber hinaus geleistet worden ist, angefangen bei den Sängern und Musikern über das technische Personal, das jeden Abend sekundengenau für unzählige Verwandlungen und Lichtwechsel sorgt, bis hin zum Chef des Hauses, Intendant Nikolaus Bachler, der gewohnt eitel, aber auch mit berechtigtem Stolz auf das Erreichte zurück blickt. Etwa auf die enge Zusammenarbeit mit Jonas Kaufmann, die auf sein Konto geht, oder auch auf Kirill Petrenko, den er nach München geholt hat, bevor ihn die Berliner Philharmoniker nun abgeworben haben. Regiemisserfolge, die es in seiner Ägide durchaus viele gibt, nimmt Bachler sportlich, vielleicht etwas zu sportlich. Umso beeindruckender ist in dem Film die Probenarbeit von Dirigenten wie Petrenko, Ivor Bolton oder Zubin Mehta zu beobachten, die fast wie Liebende mit ihren Musikerinnen und Musikern umgehen.
Ganz im Gegensatz zum militärischen Drill einer Probe des neuen Münchner Ballettchefs Igor Zelensky. Die Atmosphäre ist angespannt bis unfreundlich. Ein Spaß ist das hier nicht, das merkt man selbst beim Zuschauen fast körperlich. Man ist froh, wenn man wieder bei der Oper ist. Am angespanntesten wirkt hier der Chef für den Publikumsbereich, der noch schnell frische Blumen in einer riesige Vase drapiert und dabei von seinen vielfältigen Aufgaben und seiner früheren Karriere als Countertenor erzählt. In den Künstlergarderoben und auf der Seitenbühne dagegen geht es auch vor und während den Vorstellungen relativ entspannt zu, auch wenn natürlich höchste Konzentration gefordert ist. Aber es herrscht eine kollegiale und freundschaftliche Atmosphäre unter den Sängern.
Toni Schmid ist mit seinem Film „Ganz große Oper“ eine ebenso charmante, wie atmosphärische, kluge und witzige Liebeserklärung an die Bayerische Staatsoper gelungen, mit vielen auch musikalisch ansprechenden und auch anrührenden Momenten. Es ist ein Verdienst des Films, dass er auch die Musik kenntnisreich zu ihrem Recht kommen läßt und nicht nur auf wirkungsvolle Bilder und O-Töne setzt. Wunderbar, wie bei einer Chorstelle aus Wagners „Meistersingern“ zwischen Probe und Aufführung auf die Note genau hin und her gesprungen wird. Überhaupt sind Regie und Schnitt des Films ganz hervorragend gelungen.
Toni Schmid hat als Ministerialdirigent über Jahrzehnte zweifellos viel Gutes für die Münchner Oper und andere Häuser in Bayern geleistet. Dabei blieb er immer die graue Eminenz im Hintergrund. Mit diesem Film hat er sich nun mal aus der Deckung seines durchaus nicht großen Büros am Salvatorplatz an die Öffentlichkeit gewagt – natürlich für den Zuschauer unsichtbar. Und auch bei der Premiere des Films in der Staatsoper im Rahmen des Münchner Dokumentarfilmfests zeigte er sich nicht auf die Bühne. Wieviel Leidenschaft Toni Schmid tatsächlich für die Oper besitzt, das weiß man, wenn diesen Film gesehen hat. Und diese Leidenschaft überträgt sich auf den Zuschauer.
Der Film ist demnächst in ausgewählten Kinos in Deutschland zu sehen.

Foto: DOK.fest München



Münchner Philharmoniker


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