Frühlingserwachen

Pubertieren mit Orchesterbegleitung

Der Opernversion von Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ in Brüssel fehlt Spannung und Konsequenz
15 Ur- und Erstaufführungen gab es in der Brüsseler Oper La Monnaie während der Intendanz von Bernard Foccroulle. Auch wenn man bedenkt, dass Focroulle die Monnaie seit anderthalb Jahrzehnten leitet, ist das eine stolze Zahl. Im Sommer wechselt Foccroulle nach Aix-en-Provence und übernimmt das Musikfestival dort. Die letzte von ihm bestellte Uraufführung ist eine Opernversion von „Frühlings Erwachen“, Frank Wedekinds skandalumwittertem Jugendstück, das der Autor selbst eine „Kindertragödie“ nannte. Komponist ist der 1964 geborene Belgier Benoit Mernier.
Wendla beklagt sich. Warum wird man als Mädchen eigentlich 14, wenn das Kleid trotzdem lang bleiben muss? Auf der Schauspielbühne ist die Debatte mit ihrer Mutter ein Streitgespräch, auf dem Musiktheater ein Solo. Im Libretto von Jacques de Decker ist das Prinzip. Die Erwachsenen sind kaum sichtbar, wenn sie singen, tun sie das von der Hinterbühne. Später diskutieren die Eltern des jungen Melchior, ob ihr Sohn in eine Korrekturanstalt muss. Melchior hat Wendla vergewaltigt. Vater und Mutter sind nur als Schatten zu sehen, bedrohlich, unangreifbar. Während der von Gewissensbissen geplagte Melchior vor Angst fast vergeht.
Einige gute Ideen stecken in der Opernversion von Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“. Benoit Merniers Stück ist nicht die erste Vertonung dieses ebenso provokanten wie poetischen Dramas über das Erwachsenwerden. 1928 wurde eine Bearbeitung des weitgehend vergessenen Komponisten Max Ettinger aufgeführt. Und vor wenigen Wochen erprobte der Regisseur Nuran Calis am Schauspiel Hannover „Frühlings Erwachen“ als Stück von heute mit Rapeinlagen. Das Stück heute zu veropern, ist ein waghalsiges Unternehmen. Denn kaum eine Musikform liegt den meisten Jugendlichen ferner. Die Musik muss eine Brücke schlagen, nicht nur zwischen den Generationen, sondern auch zwischen ästhetischen Vorstellungen. Sie muss emotionale Unmittelbarkeit mit kompositorischem Niveau verbinden. Wedekinds Text braucht einen experimentierfreudigen, mutigen Komponisten.
Benoit Mernier kennt sich gut aus in der Musikgeschichte. Bei einer Beerdigung singt ein Kinderchor im Stile Palestrinas, das Liebesduett zweier schwuler Knaben ist melodiöser Schmusebarock. Verdi und Bartók klingen an, die meiste Zeit jedoch komponiert Bernier im Stile eines sanft dissonanten, gelegentlich mit ruppigen Akzenten garnierten Spätexpressionismus. Er betont die surrealen Elemente und schafft eine flirrende, künstliche Atmosphäre. Dadurch verliert das Stück seine Direktheit, zumal die meisten Szenen der mehr als dreistündigen Oper viel zu lang sind. Ein ausgedehntes Orchesterzwischenspiel kurz vor dem Finale ist pure, effekthascherische Filmmusik, die ohne Bilder einfach nur nervt. Jonas Alber dirigiert das Symphonieorchester der Monnaie souverän, manchmal mit etwas zu wenig Feinarbeit in den dynamischen Abstufungen. Von der Gefahr, dem Wahnsinn, der Todesangst in der Pubertät, die Wedekind beschrieb, erzählt diese Oper nichts. „Frühlings Erwachen“ ist eine Herausforderung an das Musiktheater, das Korsett seiner Konventionen zu verlassen, rau, spontan, impulsiv zu sein. In Brüssel sieht und hört man zwar durchweg gutes Opernhandwerk, aber das ist hier nicht genug.
Thomas Blondella singt Melchior Gabor mit kraftvollem, heldisches Format andeutendem Tenor und spielt auch sehr natürlich. Auch Kerstin Avemo als Wendla und Nikolay Borchev als in seinen Trieben verrannter Selbstmörder Moritz Stiefel sind ausgezeichnete Singschauspieler. Am Ensemble liegt es nicht, dass es Schwerarbeit ist, sich die Brüsseler Aufführung anzusehen. Wie der Komponist drückt sich auch Regisseur Vincent Bousard vor den Momenten, auf die es ankommt. Wenn Melchior Wendla schlägt, wenn Moritz sich erschießt, wenn Wendla an den Folgen einer falsch durchgeführten Abtreibung verreckt, geht einfach das Licht aus. Eine Masturbationsszene zeigt Boussard als slapstickartiges Gerubbel im Wandschrank. Niemals geht es wirklich um was, Wedekinds bis heute verstörender Text wird entschärft, in hübsche Bilder wie aus expressionistischen Stummfilmen gegossen und zur biederen Literaturoper verharmlost.
Dass bei 15 Uraufführungen in 15 Jahren mittelmäßige Stücke dabei sind, ist klar. Bei der Rückschau auf das Zeitgenössische währen der Intendanz Bernard Focroulles in Brüssel schälen sich zwei Stränge heraus. Einmal hat Focroulle den Versuch unternommen, neue Opern aus den Fängen eines immer kleiner werdenden Expertenpublikums zu lösen. Er hat Komponisten wie Philippe Boesmans oder Luca Francesconi zu großen Formen und spannenden Stoffen angeregt, zu Vertonungen von Shakespeare, Schnitzler oder Strindberg. Einige der besten Regisseure haben diese Uraufführungen inszeniert, Luc Bondy zum Beispiel oder Achim Freyer, der mit Francesconis Schaueroper „Ballata“ das Opernhaus in eine stilisierte, faszinierende Geisterbahn verwandelte. Das war eine der besten Uraufführungen der letzten Jahre überhaupt. Focroulle hat ein Publikum für große zeitgenössische Opern gefunden. Auch Repertoirevorstellungen sind in Brüssel ausverkauft, kaum einer geht in der Pause. Die Kammeroper erhielt ebenfalls während seiner Intendanz wichtige Impulse. Salvatore Sciarrino, dessen Name inzwischen fast ein Markenzeichen für leise, subkutane Klänge an der Schwelle des Hörbaren geworden ist, brachte in Brüssel eine seiner besten Kompositionen heraus: „Luci mie traditrici“, die in deutschen Aufführungen „Die tödliche Blume“ heißt. Allerdings gab es auch im kleinen Format einige Flops. Erst vor wenigen Monaten enttäuschte die Pirandello-Vertonung „L´Uomo dal Fiore in Bocca“ – Der Mann mit der Blume im Mund. Die zarte, absurde, völlig unspektakuläre Geschichte zweier Männer am Bahnhof eignet sich überhaupt nicht für die große Bühne und versank in purer Langeweile. Luc Brewaeys hat dazu ein musikalisches Rinnsal geschrieben, das ständig zu versickern scheint.
Vielleicht musste Focroulle am Ende seiner Amtszeit noch Verpflichtungen gegenüber belgischen Komponisten erfüllen. So endet die Serie seiner Brüsseler Uraufführungen ziemlich glanzlos. Trotzdem überwiegen die Verdienste, denn wenige Intendanten bekennen sich so klar zur Oper als lebendiger Kunstform. Focroulles Mut macht Hoffnung, dass es im Musiktheater bald einen Aufbruch zu neuen Formen, ein wahrhaftiges „Frühlings Erwachen“ geben könnte.
Infos und Karten: 0032 – 70 233 939
Internet: www.lamonnaie.be
Stefan Keim

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