Freiburger Barockorchester Händel

Vorbildliche Kommunikation

Freiburger Barockorchester Foto: FBO

Das Freiburger Barockorchester unter René Jacobs triumphiert mit Händels Oratorium "Il Trionfo del Tempo e del Disinganno" in Köln

(Köln, 15. Februar 2013) Das Oratorium „Il Trionfo del Tempo e del Disinganno“ (1707) beschäftigte Georg Friedrich Händel sein ganzes Leben lang. Bei einer Italienreise konnte der junge Komponist seiner Neigung zur Bühne nicht frönen, da Opernaufführungen päpstlicherseits verboten waren, zumindest in Rom. So konzentrierte er sich auf das Genre des Oratoriums. Das „Trionfi“-Libretto von Kardinal Benedetto Pamphilj setzt so sehr auf moralische Erbauung, dass einer Aufführung gnädigst zugestimmt wurde. Die jetzige Aufführung in der Kölner Philharmonie durch das Freiburger Barockorchester unter René Jacobs bejubelte das Publikum frenetisch.

Händel muss von seiner Komposition sehr überzeugt gewesen sein, denn er griff später immer wieder auf einzelne Nummern zurück. So gelangte die Arie „Lascia la spina“ als „Lascia ch’io pianga“ in die Oper „Rinaldo“, eine herzerweichende Seelenklage. In „Trionfo“ heißt es (übersetzt) lediglich „Lass die Dornen, pflücke die Rose“. Dieser Satz ist eine Aufforderung von Piacere („Das Vergnügen“) an Bellezza („Die Schönheit“), sich Lebensgenuss nicht durch allzu ernste Selbstbefragung verderben zu lassen.

Es bedeutet nicht nur Pikanterie, sondern sogar Tragik, dass der durchaus weltfrohe Händel quasi dieselbe Erfahrung machte wie die Zentralperson seines Oratoriums. Bellezza lässt sich von Disinganno („Die Erkenntnis“) und Tempo („Die Zeit“) zuguterletzt davon überzeugen, dass Lebensgenuss keineswegs das Maß aller Dinge ist. Händel wiederum ereilte das Schicksal der Erblindung. Erste Anzeichen machten sich während der Arbeit an „Jephta“ (1752) bemerkbar. Dennoch unterzog der Komponist „Il Trionfo del Tempo e del Disinganno“ vier Jahre später einer nochmaligen Umarbeitung und Erweiterung zu „Triumph of Time and Truth“ (UA 1757, zwei Jahre vor Händels Tod).

René Jacobs wählte natürlich das Original, welches aber auch in dieser Form eine Aufführungsdauer von drei Stunden beansprucht. Nach flüchtiger Beschäftigung mit der „Handlung“ von „Il Trionfo del Tempo e del Disinganno“ steht eigentlich wenig Aufrüttelndes zu erwarten, eher eine einlullende musikalische Predigt, angereichert mit einer Fülle stereotyper Barock-Affekte. Partiell sind sie tatsächlich vorhanden, doch es dominiert eine geradezu theatralisch erhitzte Inspirationsfülle. Der traditionelle Nummerncharakter wird ausgehebelt durch „durchkomponierte“ Passagen, durch pulsierende, dramatisch geschärfte Rezitative bzw. Dialoge.

Nun ist das mit René Jacobs bestens vertraute Freiburger Barockorchester auch ein Klangkörper der Spitzenklasse. Man gewinnt den Eindruck, dass jeder Instrumentalist förmlich um sein Leben spielt. Gleichzeitig herrscht eine vorbildliche Kommunikation unter den Musikern, eine innere Begeisterung, die sich ständig neu aufzuladen scheint. Mit der eigenwilligen Dirigiergestik von Jacobs sind alle Mitwirkenden offenkundig bestens vertraut, so dass selbst heikelste Parallelverläufe von vokaler Koloratur und instrumentaler Virtuosität minutiös miteinander verzahnt bleiben.

In toto ist die musikalische Widergabe derart erregend, dass man szenische Zutaten nicht vermisst. In jüngster Zeit hat es Inszenierungen von „Il Trionfo del Tempo e del Disinganno“ ja gegeben, so an der Berliner Staatsoper durch Jürgen Flimm (Januar 2012), ein Jahr zuvor in Stuttgart durch Calixto Bieito. Bei Konzert-Aufführungen von René Jacobs wird Bühnendramatik immer nur angedeutet: hier ein Gang, dort eine kleine Geste, dann wieder ein aussagekräftiger Blick. So etwas kann durchaus wirkungsvoller sein als szenischer Aufwand.

Zu den einschlägigen Jacobs-Sängern gehört die koreanische Sopranistin Sunhae Im, nach wie vor ein entzückendes Mädchenbild, in ihrem weißen, weich fließenden Kleid wie Schneewittchen aus dem Märchenland wirkend. Sie singt Bellezza mit delikatem Soubrettenton, leicht kühl, aber immer lyrisch sublimiert. Dennoch dürfte es kaum einen signifikanteren Unterschied im Timbre geben als zu ihrer Fachkollegin, der 23jährigen Russin Julia Lezhneva. Ihr Perlmuttorgan möchte man zunächst dem Mezzofach zuzuschlagen, doch ihre Sopran-Klasse klärt sich schnell, auch wenn der Eindruck einer ausgesprochen warm getönten Stimme bleibt. Bei ihren Koloraturen hält man den Atem an, ebenso bei dem mit raffinierten Fiorituren ausgeschmückten „Lascia la spina“. Der Tenor Jeremy Ovenden (Tempo) ist erste Klasse. Dennoch sei besonderes Lob dem Counter Christophe Dumaux ausgesprochen. Seine Stimme besitzt eine ähnlich dramatische Prägnanz wie die von Max Emanuel Cencic, doch wird sie geschmeidiger und weniger scharf geführt. Der Registeraustausch funktioniert stupend. Schade, dass Dumaux als Disinganno nicht übermäßig viel zu singen hatte.

Christoph Zimmermann

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