Free Kirill

Die Hexe ist das System

Der unter Hausarrest stehende Kirill Serebrennikow konnte „Hänsel und Gretel“ in Stuttgart zwar nicht inszenieren, Humperdincks Oper kommt dort aber dennoch auf die Bühne – auch als Protestaktion gegen die Inhaftierung des Regisseurs

Von Klaus Kalchschmid

(Stuttgart, 22. Oktober 2017) Alles, was wir nun kennen, ist ein im April in Ruanda gedrehter, abendfüllender Film als integraler Bestandteil einer Aufführung, die nicht wie geplant stattfinden konnte. Er steht, dem Verlauf der Handlung und der Musik angepasst von Cutter Ilya Shagalov und Dramaturgin Ann-Christine Mecke, im Zentrum von „Hänsel und Gretel – Ein Märchen von Hoffnung und Not, erzählt von Kirill Serebrennikov“. Der Film läuft vor dem auf der Bühne sitzenden Orchester ab, das sich so unter Georg Fritzsch klar, fein und frei entfalten kann.

Wie Kirill Serebrennikow, der in Stuttgart schon eine fulminante „Salome“ inszeniert hat und seit 23. August in Moskau wegen dubioser Vorwürfe, eine Million Fördergelder unterschlagen zu haben, unter Hausarrest steht, den Film mit der konkreten Szene und der Musik verknüpft oder als Widerspruch gesetzt hätte, bleibt im Dunkeln der schwarz ausgeschlagenen Bühne, einer Art Konzertzimmer. Denn das bereits fertige Bühnenbild ist eingelagert, Entwürfe für die Kostüme sind gleichfalls unter Verschluss, gespielt wird in Alltagskleidung, Gretel trägt ein T-Shirt mit dem Gesicht Serebrennikows und dem Schriftzug FREE KIRILL; man kann es vor der Vorstellung kaufen und einige tragen es auch im Publikum. Vorab heißt es, diese Version, in der „Hänsel und Gretel“ jetzt auf die Bühne kommt, sei vom Regisseur abgesegnet, kommuniziert über seinen Anwalt, der als Einziger Kontakt zu ihm hat.

Während der Ouvertüre sehen wir im Film zwei Männer in einem Boot in Ruanda. Was wie eine Luftmatratze aussieht, enthält ein Musikinstrument, das wir später auch kurz hören. Dann spielen ein Mädchen und ein Junge mit einem improvisierten Ball aus Zweigen; Milch wird versehentlich vergossen und die Kinder in den Wald geschickt. Wenn der (betrunkene) Vater kommt, gibt es – anders als bei Humperdinck – erst einmal Geld, dann ein üppiges Mahl der Eltern mit viel Fleisch am Spieß. Wieder beobachten wir die Kinder, die, auf einem Truck versteckt, in die Hauptstadt Kigali fahren. Ein Kleinwüchsiger, der Sandmann, streut ihnen nicht Sand in die Augen, sondern bestreicht sie liebevoll mit Mehl.

Beim Abendsegen leuchtet der blaue Sternzeichen-Himmel der Stuttgarter Staatsoper auf und zur wunderbar aufblühenden Nachtmusik Humperdincks sehen wir den (Alp-)Traum der beiden Kinder: An eine Wand gepinnte Fotos zeigen Menschen jeden Alters und Geschlechts – Opfer des Genozids in Ruanda – einst deutsche Kolonie -, der 800.000 Menschen das Leben kostete. Gezeigt werden auch Kinder in einem Maisfeld, die allesamt traditionellen Masken vor dem Gesicht tragen, sie nun einzeln abnehmen und in die Kamera strahlen. Dieses poetische, anrührende Bild kehrt am Ende wieder, wenn der weißgekleidete Kinderchor der Stuttgarter Staatsoper vor dem Film sitzt und den Kindern auf der Leinwand eine Stimme gibt.

Doch erst einmal werden der Junge und das Mädchen aus Ruanda am Stuttgarter Flughafen nicht vom Taumännchen, sondern von einer resoluten farbigen Putzfrau aufgescheucht und finden sich bald im Süßigkeiten-Eldorado der Stadt wieder, der Schriftzug „Candy & Company“ kommt ins Bild sowie jede Menge Bonbons, Lutscher, Torten und Kuchen. Mit dem Auftritt der Hexe und ihrem „Halt!“ geht die Leinwand hoch und einer der Darsteller spricht: „Aber eines Tages erwachten die Sänger und hatten keinen Regisseur. Wie soll die Geschichte weitergehen?“ Konsequenterweise hätte man an dieser Stelle die Aufführung abbrechen müssen, zumindest am Tag der Premiere, wo sowieso kein Kind im Publikum saß und die heißersehnte Hexe vermisst hätte. Als das Spiel weitergeht, haben sich drei der Darsteller plötzlich schwarze Strumpfmaske übergezogen, ganz so wie die maskierten Geheimdienstmitarbeiter, die im Mai in Serebrennikows Wohnung standen; einer filmt mit kleiner Kamera.

Die Hexe hätte einzig auf der Bühne ihren Platz haben sollen, oder wie Serebrennikow im Programmheft schreibt: „Die Hexe ist das System, die Ordnung; es ist etwas, das ganz anders ist als du. Die Hexe ist das, vor dem du am allermeisten Angst hast. Das Wichtigste an der Hexe in ‚Hänsel und Gretel‘ aber ist der Sieg über sie.“ Den gibt es nun auch in dieser Produktion, freilich erst nachdem Tenor Daniel Kluge bei seinem Rollendebüt so richtig rampensäuisch die dankbare Partie ausgekostet hat: Er klaut sich aus den großen, bunten Plastik-Taschen, in denen die Kinder für ihren Flug von Ruanda nach Stuttgart versteckt waren, deren Utensilien, verkleidet sich mit afrikanischem Kopftuch zur Frau, reitet auf dem Besen, funktioniert ihn zur Rockgitarre um und bedrängt den Dirigenten von hinten. Derweilen schichtet Gretel einen Scheiterhaufen aus Stühlen, die den ganzen Abend das einzige Mobiliar für die Sänger bildeten. Das Feuer lodert als Projektion im Bühnenhintergrund und unter den Stühlen qualmt es gehörig, bevor die Hexe in die Gasse geschubst wird.

Am Ende sehen wir auf Film, wie die beiden Kinder aus Ruanda in der ehemaligen Königsloge der Stuttgarter Staatsoper sitzen und sich das Geschehen auf der Bühne anschauen, das wir auch gerade sehen – ins Unendliche verlängert. Und dann der schlichte Satz „To be continued“. Soll heißen: Kann sein in einem Jahr, kann sein in zehn Jahren wird Kirill Serebrennikov seine Arbeit an dieser Produktion wieder aufnehmen, nein, sie eigentlich erst beginnen.

Es war sicher richtig, diese Premiere stattfinden zu lassen, als Protest, als Mahnung, als Hoffnungsschimmer. Und zugleich war es richtig, keinen anderen Regisseur eine fertige Inszenierung „nach einem Konzept von Serebrennikov“ abliefern zu lassen. Trotzdem hat das Haus versucht, die gefährlich klaffenden Leerstellen zu füllen: „Ein Musiktheater, gestaltet vom Ensemble der Oper Stuttgart“, heißt es auf dem Programmzettel. Anfangs spielen die Sängerinnen und Sänger rücklings oder seitwärts auf ihren dem Film zugewandten Stühlen sitzend nur wenig, doch dann wird das immer intensiver. Man zeigt mehrfach auf die Leinwand, kommentiert das Geschehen mimisch, und wo Strenge und wenige Gesten signalisiert hätten, dass der Regisseur fehlt, wurde die Flucht nach vorn angetreten in ein manchmal geradezu plastisch drastisches Spiel (die Handlung wird trotz der vielen Bruchstellen insgesamt nachvollziehbar – auch für Kinder).

Am Ende gab es großen Beifall, allen voran für Ester Dierkes und Diana Haller, die als Hänsel und Gretel mit Erfolg debütierten, Aoife Giney vom Opernstudio als charmantes Sand- und Taumännchen, aber auch für Michael Ebbecke (Besenbinder) und Irmgard Vilsmaier (Mutter). Den größten Applaus und Standing Ovations aber gab es aber natürlich für David Niyomugabo und Ariane Gatesi, also Hänsel und Gretel aus Ruanda.

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