Frau ohne Schatten

Was den Menschen zum Menschen macht

Kaiserin: Manuela Uhl, Amme: Doris Soffel Foto: Marcus Lieberenz

Kirsten Harms inszeniert "Die Frau ohne Schatten" an der Deutsche Oper Berlin
(Berlin, 27. September 2009) Eine untergehende Monarchie und große Armut in den letzten Jahren des Ersten Weltkriegs: Kirsten Harms deutet Richard Strauss‘ "Frau ohne Schatten" sehr wirklichkeitsnah in ihrer Entstehungszeit. Es ist die erste szenische Premiere an der Deutschen Oper Berlin in dieser Spielzeit, die die Intendantin und Regisseurin in einer für sie sehr schwierigen Situation meistert, denn unverhohlen sucht die Berliner Kulturpolitik schon seit Monaten auf Wunsch des neuen Generalmusikdirektors Donald Runnicles einen Nachfolger für sie.
Unbeirrt von einer solchen Belastung hat Kirsten Harms eine durchaus stimmige, schlüssige Inszenierung zuwege gebracht, bei der aus Fantasiefiguren richtige Menschen werden. Der Schatten dient dabei als Metapher für eine Art Menschwerdung: Die Kaiserin lernt es, Verantwortung für sozial Schwächere zu übernehmen, nachdem sie zunächst drauf und dran war, diese auf Anraten ihrer Amme aus Eigennutz ins Unglück zu stürzen.
Einen ähnlichen Ansatz wählte auch Christof Nel 2003 an der Oper Frankfurt. Nur destillierte er mit allzu neuzeitlichen, hässlichen Betonkulissen jegliches Märchenhafte heraus. Dagegen lässt Harms bei allem Realismus auch Raum für Fantasie, Poesie und stimmungsvolle Bilder von edlen, hohen, marmornen Palastgemächern, dominiert von imposanten turmhohen Falken-Statuen, in denen das Motiv der Versteinerung des Kaisers allgegenwärtig ist (Bühne: Bernd Damovsky). Kontrastreich dazu die armselige, enge Behausung der Färber, in der es nicht viel gibt außer einer bescheidenen Feuerstelle, ein paar schäbigen Möbeln, Küchenutensilien und Lumpen. Das letzte Bild schließlich eine bizarre Mondkraterlandschaft im Stile des Surrealisten De Chirico.
Zu sehr bewegenden Momenten kommt es dank einer zwingenden Personenführung, etwa wenn die Färbersfrau – bedroht von dem Einäugigen, dem Buckligen und dem Einarmigen, die ihr zur Strafe für ihre Bereitschaft, ihren Schatten zu verkaufen, einen Sack über dem Kopf ziehen -, um ihr Leben fürchten muss. Oder wenn die Kaiserin mit ihrer ausweglosen Situation hadert, entweder unmoralisch an den Armen handeln oder ihren Mann versteinern sehen zu müssen.
Auch hören lassen kann sich diese Produktion. Musikalisch lag die Latte sehr hoch, denn zuletzt hörte man dieses Musikdrama an diesem Haus vor vier Jahren in einer grandiosen Einstudierung unter Christian Thielemann. Ganz so klangfarbenreich und nuanciert wie damals klingt das Orchester inzwischen zwar nicht mehr, und dann und wann wackelt es auch ein bisschen zwischen Bühne und Graben. Aber der Vergleich mit einem der bedeutendsten Strauss-Dirigenten ist vielleicht auch unfair, zumal Ulf Schirmer durchaus auch ein solider, guter Orchestererzieher ist, der es versteht, Spannung aufzubauen und Momente lyrischer Schönheit zu entfalten.
Beachtlich auch, wie respektabel Kirsten Harms die anspruchsvollen Partien besetzen konnte. Bemerkenswert ist vor allem das Rollendebüt von Manuela Uhl als Kaiserin, deren Stimme sich im Spitzenregister enorm entwickelt hat. Ihr zur Seite steht Doris Soffel als eine sinistre Amme mit großen Stimmgaben. Eva Johannson, die sich im hochdramatischen Wagnerfach weniger durchsetzen konnte, bezeugt diesmal Potenzial, das man ihr kaum zugetraut hätte. Hervorzuheben ist auch der dänische Bariton Johan Reuter als Barak mit seinem profunden, in allen Registern flexiblen Bariton. Einzig der amerikanische Tenor Robert Brubaker stemmt sich etwas angestrengt durch seine Partie als Kaiser.
Das aber verkraftet ein alles in allem erfolgreicher Premierenabend, auch wenn sich ein paar unverständliche Buhs für Harms in den sonst sehr lebhaften Beifall mischten. Diese waren freilich sehr bitter für die Intendantin, die nun offenbar doch kapituliert vor all jenen, die ihr das Leben schwer machen. Am frühen Morgen danach ließ sie bereits bekannt machen, dass sie nach Ablauf ihres Vertrages im Jahr 2011 nicht weiter als Intendantin zur Verfügung stehen werde. Um die Zukunft des Hauses muss man sich nun wieder sorgen.
Kirsten Liese

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