Franz Welser-Möst

Pandämonische Eruptionen

Franz Welser-Möst und das Cleveland Orchestra im heimischen Konzertsaal Foto: Roger Mastroianni

Das Cleveland Orchestra unter seinem Chefdirigenten Franz Welser-Möst zu Gast in Köln
(Köln, 30. Oktober 2011) Noch immer ist für viele das Cleveland Orchestra jener Klangkörper, den einst George Szell mit seiner Energie und seiner unerbittlichen Präzision formte. Das Programm, welches der seit einem Jahrzehnt als Musikdirektor fungierende Franz Welser-Möst in der Kölner Philharmonie offerierte, bot jede Gelegenheit, entsprechende Qualitäten unter Beweis zu stellen. Bei der einleitenden "Euryanthe"-Ouvertüre Carl Maria von Webers, wo (anders als bei "Freischütz" oder "Oberon") sogleich "die Post abgeht", erlebte man sie (noch) nicht mit allerletzter Perfektion. Gleichwohl bezwang die Agilität der Streicher, der warm aufschäumende Klang der Holzbläser, die unerschütterliche Sicherheit des Blechs. Das, was man als Mirakulum des Konzertes bezeichnen könnte, ereignete sich dann bei den beiden Großwerken, Peter Tschaikowskys 4. Sinfonie und – vor der Pause – der "Doctor Atomic Symphony" von John Adams.
Mit Erinnerung an die Anfänge der Minimal Music (im Falle Adams wäre das beispielsweise die Oper "Nixon in China"), fand man sich jetzt mit einer weitgehend neuen Stilhaltung konfrontiert, welche kaum noch Elemente des – ohnehin längst ausgeloteten – Minimal-Prinzips aufweist. Diese Entwicklung ist für den Komponisten möglicherweise parallel mit einer zunehmenden Radikalisierung bei der Stoffwahl im Musiktheater-Bereich verlaufen. Es wäre vorstellbar, dass Adams irgendwann das Reaktorunglück von Fukushima aufgreift.
Die "Doctor Atomic Symphony" ist ein in drei pausenlose Teile gegliederter Extrakt aus der namensgleichen Oper, eindeutig in der atmosphärischen Beschreibung, klar im theatralischen Affekt, welcher suggestive Klangbilder entstehen lässt. Nun navigierte Franz Welser-Möst sein wirklich nicht anders als fantastisch zu klassifizierendes Orchester auch mit sicherem Überblick, weitgehend zurückhaltender, zumindest in keinem Moment effekthascherischer Gestik überlegen durch das sich kontrastreich zwischen pandämonischen Eruptionen und beruhigendem Dur-Wohlklang bewegende Werk. Einige Orchestermitglieder taten sich mit eindrucksvollen Soli hervor. Vor allem die blastechnische Souveränität des Trompeters Michael Sachs riss regelrecht vom Hocker. 
Geballte Klang-Power war auch bei Tschaikowskys gerne als "Schicksals-Sinfonie" deklarierter Vierter zu erleben. Die Gruppe der Blechbläser beschwor nachgerade das Jüngste Gericht, man duckte sich förmlich unter der voluminösen Tonentfaltung. Ihr setzte Welser-Möst die filigran-bukolischen Holzbläser-Episoden mit graziösem Feinschliff entgegen, wie er überhaupt eine äußerst subtile Klangauffächerung betrieb. Zu einer Delikatesse für sich geriet das Pizzicato-Scherzo mit einer extrem ausgeloteten Dynamik.
Als wär’s damit nicht genug. Das zugegebene Vorspiel zum dritten "Meistersinger"-Akt verwirklichte einen intensiven, aber klaren, falschem Pathos abholden Wagner-Sound. 
Christoph Zimmermann

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