Frank Peter Zimmermann mit Bach

Musikalische Elementarteilchen

Frank Peter Zimmermann und die Berliner Barock-Solisten sind mit einem maßstabsetzenden Bach-Programm auf Tournee. Eindrücke vom Münchner Gastspiel

Von Laszlo Molnar

(München, 6. Dezember 2017) Bach als Unterhaltungskünstler? Das fällt uns bei diesem Meister der Orgel und der geistlichen Musik vermutlich nicht sofort ein. Allenfalls die sechs „Brandenburgischen Konzerte“ sind in dieser Kategorie bekannt. Wegen ihrer anspruchsvollen Besetzung aber werden auch diese „Hits“ aus dem Bach-Repertoire nur selten live gegeben.

Der Geiger Frank Peter Zimmermann ist gerade mit dem Ensemble Berliner Barock-Solisten auf Tournee. Und eben nicht mit den Brandenburgischen, sondern mit etlichen der vielen anderen Juwelen, die uns aus Bachs Schaffen zum Glück erhalten geblieben sind. Das sind drei Konzerte für eine und zwei Violinen mit Orchester und sechzehn Konzerte für ein bis vier Cembali und Orchester sowie die vier Orchestersuiten. Mit einer Kombination aus alldem haben Geiger und Ensemble ein abendfüllendes Programmpaket geschnürt, das sie in München im Prinzregententheater vor einem zunehmend begeisterten Publikum auspackten. Salopp könnte man sagen: der Geiger und seine Combo heizten mit Bach die Stimmung richtig an.

Die Wette auf „Bach total“ ging rundum auf. Noch bei der zweiten (!) Zugabe waren die Musiker und Musikerinnen mit der gleichen Energie und Lust dabei, die sie sofort beim ersten Ton in Bachs a-Moll-Violinkonzert an den Tag gelegt hatten. Und wie gesagt: Auch bei beiden Zugaben wirkten alle mit, nicht der Solist alleine. Man hätte ja erwarten können, dass Frank Peter Zimmermann alleine Sätze aus einer Sonate oder Partita spielen würde. Mit seinem Solospiel in den Konzerten hatte er die höchsten Erwartungen an seine Darbietung dieser Gipfelwerke der Geigenliteratur geweckt. Aber nein, alle sollten ran, wollten ran und alle bestätigten nochmal, dass es sich bei den Solokonzerten von Bach um mit das Brillanteste an Unterhaltungsmusik überhaupt handelt.

Das lag natürlich daran, dass Zimmermann und die Barock-Solisten – alles übrigens Spitzenmusiker aus dem Umfeld der Berliner Philharmoniker – nicht nur jedes Konzert auf dem Programm, sondern jede Note wie eine Kostbarkeit behandelten. Nicht im Sinne von zelebrieren, sondern im Sinne von ernst nehmen als musikalisches Elementarteilchen. Jeder Ton ist ein Erlebnis! Das gleicht dem Zusammenspiel einer perfekten Jazz-Formation und mit so viel Drive, Impuls und Lebendigkeit.

Die ausgewählten Stücke waren das a-Moll und E-Dur-Violinkonzert – sie sind authentisch überliefert -, die so wundervoll farbige Sinfonia aus der Kantate „Am Abend aber des selbigen Sabbats“, mit ihrer ganz speziellen Besetzung mit zwei Solo-Oboen und Fagott sicher ein Satz aus einem verschollenen Konzert, die Orchestersuite C-Dur für zwei Oboen, Fagott, Streicher und Basso continuo sowie das spektakulärste und längste Solo-Konzert Bachs, das in d-Moll, BWV 1052, in seiner vermutlichen Originalfassung für Violine und Orchester.

Zimmermann sagte einmal in einem Fernsehporträt, an Bach müsse man überhaupt nichts machen, man müsse ihn ganz bei sich belassen. Was er damit meint, das demonstrierten er und die Berliner Barock-Solisten in zwei faszinierenden Stunden. Wenn man weiß, wie man seine Musik spielen soll, dann treten Brillanz und Tiefe ganz von selbst hervor, ohne Nachdruck, ohne „Interpretation“. Jeder im Saal war gebannt von der Schönheit der langsamen Sätze in den Solokonzerten – ohne dass die Musiker im geringsten Druck in Richtung „Schönheit“ oder „Gefühl“ gemacht hätten. Das Bach bei sich Lassen, das ist die höchste Kunst.

Sehr schön war dabei, dass Zimmermann und das Ensemble die schnellen Sätze der Solokonzerte in moderaten Tempi nehmen. Der Effekt bei Bach liegt nicht in der Geschwindigkeit, sondern in der Genauigkeit. Die Sinfonia spielte die Gruppe dann etwas zu schnell, ein Mangel an Tiefe war die Folge. Schade, dass man die Ouvertüre der Suite nicht wiederholte, die Zeit hätte es ja gestattet.

Alles in allem präsentiert die Gruppe Zimmermann – Berliner Barock-Solisten einen Maßstab dafür, was mit und für Bach auf modernen Instrumenten möglich ist. Für alle, die nicht dabei waren: Soeben ist die CD „Bach –Violinkonzerte“ in dieser Besetzung beim Label Hänssler Classic erschienen.

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