Forza del destino

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Dietrich Hilsdorf inszeniert in Essen Verdis „Forza del Destino“ als gruseliges Familiendrama
Der Vorhang geht hoch, die Handlung beginnt. Die Ouvertüre zu Giuseppe Verdis „Forza del Destino“ kommt nach dem ersten Akt. Dietrich Hilsdorf liebt es, das Opernpublikum zu überrumpeln. Doch die Zeit, in dem sich ein provokanter Regieeinfall an den anderen reihte, ist vorbei. Heute inszeniert Hilsdorf realistische Geschichten in atmosphärisch dichten, traum- und albtraumartigen Bühnenbildern.
Mit „La Forza del Destino“ (Die Macht des Schicksals) hat sich der bekennende Verdi-Fan ein kaum zu inszenierendes Libretto aufgehalst. Völlig unsinnig ist das Timing. Francesco Maria Piave walzt unwichtige Szenen aus, um dann wichtige Wendungen der Charaktere in Sekunden zu erledigen. Hilsdorf gibt dem spanischen Melodram einen neuen Rahmen und verlegt es in die Entstehungszeit der Oper, in die Mitte des 19. Jahrhunderts.
Der am Anfang zufällig erschossene Vater der romantischen Heldin Leonora steigt kurz darauf aus seinem Sarg. Der Marchese von Calavatra (grandios Diogenes Randes) übernimmt auch die Rolle des Franziskanerpaters Guardian, alle Szenen der Oper spielen in seinem Haus. Er schickt Leonora, die sich in einen Fremden verliebt hat, ohne nach seinem Familienstammbaum zu fragen, nicht in die Einsamkeit, sondern in den Keller. Nicht ohne sie zuvor mit Hilfe seiner Geißelbrüder in einer schaurigen Zeremonie zu bestrafen.
Fast ständig regnet es draußen, das immer mehr verfallende, von Johannes Leiacker entworfene, Herrenhaus entwickelt eine bedrohliche, spukhafte Atmosphäre. Hilsdorf erzählt Verdis Oper als wäre sie von Edgar Allen Poe. Und schafft damit eine über weite Strecken spannende Inszenierung, in die sich nur der als kommender Star gehypte Tenor Frank Porretta nicht einfügt. Er schmettert als heldischer Liebhaber Alvaro zwar einige begeisternde Spitzentöne heraus und hat auch ein schönes Piano, rettet sich dann aber nur noch heiser ins Ziel. Schauspielerisch ist er ein Totalausfall. Ganz im Gegensatz zu Károlyi Szilágyi als Leonoras Bruder Carlos, der seinen stählern schimmernden Kavaliersbariton nutzt, um einen religiösen Fanatiker darzustellen. Dieser Carlos stellt seine vom Vater kritiklos übernommenen extremen Moralvorstellungen über alle Menschlichkeit.
Karine Babajanian singt die lyrischen Bögen Leonoras mit hinreißendem Gespür, und Stefan Soltesz zaubert wieder einmal am Pult der Essener Philharmoniker ein dichtes Geflecht der feinen Abstufungen, gefühlvollen Übergängen und dramatischen Eruptionen. Die Oper könnte ein paar Striche vertragen, aber Soltesz und Hilsdorf haben den Riesenbrocken über weite Strecken gut im Griff.
 www.theater-essen.de
 Stefan Keim

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