Fliegender Holländer

Mit dem Schlauchboot in die Verdamnis

Ein Gummiboot wird kommen…Bild: Sebastian Hoppe


Calixto Bieito inszeniert in Stuttgart Wagners „Fliegenden Holländer“ als Survival-Training
(Stuttgart, 25. Januar 2008) Zweimal hat der katalanische Regisseur Calixto Bieito in den letzten 12 Monaten schon in Stuttgart inszeniert: eine aufregende, dem Stück angemessen brutale, aber auch höchst intensive „Jenufa“ und ein überbordendes „La fanciulla del West“ von Puccini.
Nun lässt er es in der Metropole Baden-Württembergs erneut krachen: „Der fliegenden Holländer“ geistert bei ihm durch durch eine Managerwelt: Männer in Anzug und Krawatte werden auf Survival-Tour im roten Schlauchboot von einem Animateur in Weiß – dem Steuermann – buchstäblich auf die Bühne (Susanne Gschwender, Rebecca Ringst) gepeitscht – einen auf Sand gebauten, metallverkleideten Bunker, in dem herabtropfendes Wasser große Lachen bildet; dazu flimmern über die Rückwand auf Englisch Parolen zur Optimierung der Arbeitskraft.
Später sitzen blonde Manager-Gattinnen nicht hinter Spinnrädern, sondern schminken sich choreographisch perfekt im Einklang, nebeln sich mit Haarspray ein und parfümieren sich, bevor sie angesichts der heimgekehrten Männer in hysterisches Kreischen verfallen. Diese Exzesse übertrifft nur eine kollektive „Schreitherapie“ am Ende, wenn alle ihrem eigenen dunklen Seelenabgrund statt einem Geisterschiff begegnen, unter Stroboskopgewitter ausrasten und in wilde Zuckungen verfallen.
Eine steht quer zu dieser kranken Welt und wird schon in der Ouvertüre hinter einer Milchglaswand, auf die sie „Rette mich!“ schreibt, von Männern bedrängt und geohrfeigt. Sie verweigert die wasserstoffblonden Perücken der anderen uniformen Mädels, und trägt provozierendes Rot. Aus dem Bild des Holländers, das ihre Fantasie zum Leben erweckt, ist ein kleines Medaillon geworden, der seit Unzeiten über die Meere Getriebene aber ist ebenso Banker wie alle Männer; nur Erik, dem Senta versprochen ist, ist der Loser, der es noch nicht mal zum Büroangestellten geschafft hat. In der hier gespielten Urfassung von 1841 heißt er noch Georg.

Ist das noch Schreitherapie? Foto: Sebastian Hoppe

Aber warum stehen den ganzen Abend Kühlschränke herum, vollgestopft mit blutigen Fleischhälften und Kinderpuppen? Warum werfen die Manager, deren „Kapitän“ mit dem Geld des Holländers perverse Armenspeisung betreibt, pausenlos ihre Papiere durch die Gegend, wackeln und stöckeln drei Playboy-Häschen mit Federboa und Po-Puscheln immer wieder sexy durch den Sand, packen die Manager-Gattinnen am Ende lauter hübsche Haushaltsgeschenke aus? Warum überleben Senta und der Holländer, während das Schlauchboot mit einem stellvertretend erhängten Mann gleichsam gen Himmel fährt? Warum also wird Bieitos mutmaßliches Konzept der Parabel einer kranken Arbeitswelt nicht stringent entfaltet?
Auch aus dem Graben tönt es unter Enrique Mazzola oft laut, diffus und unsauber – vor allen in den Blechbläsern. Yalung Zhang produziert mit eigentlich großer Stimme unterschiedlich präsente Töne, bleibt ein vokales Rollenporträt schuldig, spielt aber einen intensiven Holländer; Lance Ryan verleiht dem Georg solide, manchmal etwas angestrengte Tenor-Emphase; am besten behauptet sich Barbara Schneider-Hofstetter als Senta mit schönem, jugendlich-dramatischen Sopran angesichts der Klangmassen von Wagners „Holländer“-Urfassung.
Klaus Kalchschmid

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.