Fledermaus Stuttgart

In den Trümmern der bürgerlichen Wohlanständigkeit

Foto: Martin Sigmund

Philipp Stölzls geniale Inszenierung der "Fledermaus" in Stuttgart

(Stuttgart, 30. Oktober 2010) Der dritte Akt ist die Achilles-Ferse jeder Inszenierung der "Fledermaus" von Johann Strauß. Kalauert der betrunkene Gefängniswärter zu wenig, kann es fad werden, wird die kabarettistische Schiene zu stark bedient, sprengt das die Handlung, die hier sowieso musikarm gefährlich stagniert und oft nur noch im doppelten Sinne Katerstimmung verbreitet. Klug geht Philipp Stölzl – dessen Film über den jungen Goethe als Popstar gerade die Gemüter erhitzt – einen anderen Weg: sein Frosch ist ein melancholischer, virtuos nuschelnder Hintertreppen-Philosoph, der schon mitten im Festtreiben des zweiten Akts eingeführt wird – mit einem grandiosen Monolog à la Hamlet über den Schlaf! Er ist ein Bruder im Geiste des von Melancholie angekränkelten Prinzen Orlowsky, gewissermaßen das realistische Gegenstück zum hier aus der Zeit gefallenen, geschlechts- und alterslosenlosen Renaissance-Prinzen Orlowsky (wunderbar schräg: Helene Schneiderman), der als sein eigener Hofnarr auch den Puck in seinem "Mittsommernachtstraum"-Wald spielen könnte. Wie Josef Ostendorf – zuletzt am Hamburger Thalia-Theater tatsächlich in "Hamlet" zu erleben – als Frosch zusammen mit dem erzkomödiantischen Oliver Zwarg als Gefängnisdirektor Frank aus  alkoholschwangerem Delirieren Welttheater macht, das ist die ganz große Kunst hintersinnigen Slapsticks.

Ihn kitzelt Philipp Stölzl schon zu Beginn aus seinen allesamt großartigen Singschauspielern. Da wird der immer wieder als running gag in der Standuhr versteckten Liebhaber Alfred ("Eine Uhr die singt!") bei César Gutiérrez zur großartigen Parodie eines eitlen, notgeilen italienischen Tenors. Auch das sonst manchmal etwas bemüht klingende Jammern und Greinen der Kammerzofe Adele, die den Abend für das Fest bei Orlowsky frei haben möchte und eine alte, sterbenskranke Tante erfindet, ist bei Anna Palimina das absurd-musikalisches Kabinettstück einer nicht endenwollenden Wein-und Grein-Arie. Ihr "Mein Herr Marquis", besonders aber das Couplet im dritten Akt wird bei Palimina zur grandiosen Nummer. Höhepunkt: die grotesk komponierte Anmut und Grazie einer Königin, gespielt als tatteriges Wrack aus dem Obdachlosen-Milieu!

Stölzl drückt sich nicht um die allseits bekannten Kalauer, sondern zelebriert sie geradezu, oder setzt ihnen immer wieder ein Krönchen auf. So dem Dialog zwischen Falke und Frank, der als Schlagabtausch vermeintlicher Muttersprachler mit französischen Allerweltswörtern beginnt, dann aber hier in Deutsch mit perfektem französischen Akzent fortgesetzt wird. So dreht Stölzl den Dialog immer noch eine Schraube weiter und schärft auch die Musiknummern. Ernster nehmen und zugleich satirischer auf die Spitze treiben kann man Operette nicht. Allenfalls einem Christoph Marthaler ist das noch gelungen und dessen schwarzer, schräger Humor blickt denn auch nicht selten um die Ecke.

Keine Frage, dass bei Stölzl der zweite Akt die ganze Doppelmoral aller Beteiligten offenbart, tritt doch keiner mit seiner wahren Identität auf. Also tragen alle über schwarzer Reizwäsche (Damen) und perfektem Frack (Männer) Tiermasken, der Eselskopf Zettels und das Hirschgeweih Falstaffs lassen grüßen! Das großbürgerliche weiße Speisezimmer bei Eisensteins – im ersten Akt noch anheimelnd mit Kachelofen und Standuhr – rotiert beim Uhren(!)-Duett Eisensteins (Paul Armin Edelmann) mit seiner – nicht als solcher erkannten – Gattin Rosalinde (Adriane Queiroz) im zweiten Akt, aber erst wenn darin Ballett getanzt wird, offenbart der drehbare, in den Zauberwald Orlowskys à la Shakespeare wie eine Fledermaus hineingehängte Würfel seine ganze Absurdität.

Im dritten – sonst im Gefängnis spielenden – Akt hat dann eine Bombe eingeschlagen und alle müssen über die Reste des Mobiliars staksen. Die Brasilianerin Adriane Queiroz (Rosalinde), Paul Armin Edelmann (Eisenstein verkleidet als Advokat) und César Gutiérrez (Alfred) singen das alle Lügen offenbarende Terzett denn auch buchstäblich über den Trümmern der bürgerlichen Wohlanständigkeit. Der untreue Gatte aber tritt endlich seinen Arrest an – für ewig in der Standuhr festgehalten, in der schon sein Rivale immer wieder beinahe erstickt ist!

Manfred Honeck gelingt am Pult des Staatsorchesters Stuttgart der gleiche Spagat wie dem Regisseur: einerseits süffige Walzerklänge und wirbelden Polkas, aber dann auch immer wieder der Blick in den Abgrund – mit teils sehr forschen Tempi, aggressiven Mittelstimmen und explosiv grellen Farben.
Klaus Kalchschmid

Weitere Aufführungen: 3., 6., 13., 20. November; 9., 23., 27., 31. Dezember 2010; 8., 10., 15., 23, 26. Januar 2011
www.staatstheater-stuttgart.de

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.