Figaro in Rom

Ein Elefant in der Oper

Graham Vick inszeniert Mozarts „Le nozze di Figaro“ an der Staatsoper Rom. Eine sehenswerte Inszenierung mit hervorragenden jungen Sängerinnen und Sängern unter der musikalischen Leitung von Stefano Montanari

Von Thomas Migge

(Rom, November 2018) Im Englischen sagt man „an elephant in the room“, ein Elefant im Zimmer, wenn es ein größeres Problem gibt, das sich nicht schnell lösen lässt. Der Regisseur Graham Vick wurde 1953 im englischen Birkenhead geboren und kennt diesen Ausdruck natürlich. Dumm für das Publikum der römischen Staatsoper, dass es sich während der Neuinszenierung von Mozarts „Le nozze di Figaro“ in drei von vier Akten mit einem Elefanten auseinandersetzen musste. Zunächst als großes Gemälde im Salon der Contessa di Almaviva und dann später in Form von vier übernatürlich riesigen Beinen eines gigantischen Elefanten.

Wer hingegen das Programmheft gelesen hatte wusste, was Vick mit dem Elefanten meinte. Seine nahezu permanente Darstellung im Bühnenbild von Ron Howell der schon mehrfach mit Vick zusammengearbeitet hat, ist der Schlüssel zu der Regie des Briten. Für ihn gibt es in dieser Mozartoper ein gewaltiges Problem, symbolisiert durch den Elefanten. Es geht um Macht. Um Macht eines Adligen/Vorgesetzten über sein Volk/Untergebene. Um Macht eines mächtigen Mannes über Frauen, egal ob es sich um die Gattin oder um die Versprochene eines Untergebenen, Figaros Verlobte Susanna, handelt. Es geht also auch um die #Me Too-Bewegung.

Vicks Regie war wahrscheinlich der erste Versuch, das Thema der #Me Too-Bewegung in eine Opernhandlung einzubinden. Und das klappte perfekt, ohne dass er dafür das Libretto überdehnte oder gar allzu gewagt interpretierte.
Auf der Bühne, die während der gesamten Handlung zeitgenössisch „eingerichtet“ war ohne irgendeinen Bezug zu Mozart Zeiten, fanden sich nur wenige Szenografien. Die gesamte Handlung konzentriert sich auf die Musik, den Gesang und die enormen schauspielerischen Qualitäten der einzelnen Darsteller der römischen Neuinszenierung dieses Klassikers.

In dieser Interpretation, die nie anbiedernd zeitgenössisch wirkte, wurde deutlich, wie modern Mozart sein kann. Es handelte sich deshalb sicherlich um eine der gelungensten Regiearbeiten von Graham Vick. Die Besetzung war perfekt. Der moldavische Bariton Andrey Zhilikhovsky war ein ausgezeichneter und überzeugender Conte di Almaviva. Wie ein Hahn im Korb glaubte er, dass jede Frau ihm ergeben sein muss. Die junge Italienerin Federica Lombardi, groß gewachsen und mit einer ganz leicht dunklen Stimme, interpretierte die Contessa. Von ihr wird man sicherlich noch mehr hören, denn sie ist unbestritten eine der besten Stimmen, die Italien seit Jahren hervorgebracht hat. Die Spanierin Elena Sancho Pereg sang eine frech-intelligente Susanna, und Miriam Albano einen stimmlich und schauspielerisch umwerfenden Cherubino; so perfekt an die Rolle angepasst, dass sich nicht wenige im Publikum während der Pause gefragt haben, ob da nun ein Countertenor oder eine Frau singt. Den Figaro interpretierten in zweifacher Besetzung Vito Priante und Simone Del Savio. Beide stimmlich ausgezeichnet. Der eine, Priante, etwas sportlicher, weil schlanker, der andere ein etwas gesetzterer aber ebenfalls pfiffig-gerissener Figaro.

Die musikalische Leitung spaltete das erfahrene Publikum. Stefano Montanari ist ein aufs Barockfach spezialisierter Violinist, der sich seit einiger Zeit auch als fulminanter Dirigent probiert. Für die einen, die Traditionalisten, war er in Rom zu schnell, viel zu schnell. Die anderen, die Mehrheit im Publikum, applaudierte ihn mit standing ovations. Über RAI-Radio kann man die Oper nachhören.

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