Figaro Dudamel Berlin

Opernkritik: Le Nozze di Figaro

Verführung im Strandkorb

„Figaro“ als Klamotte in 20er-Jahre-Klamotten Foto: HCB

An der Berliner Staatsoper schickt Jürgen Flimm Mozarts „Figaro" in die Ferien. Entsprechend ungetrübt klingt die Staatskapelle unter Gustavo Dudamel. Wirklich begeisternd ist beides nicht.
Von Antje Rößler
(Berlin, 7. November 2015) Der Graf zieht in die Sommerfrische. Seine Ausflugsgesellschaft trägt helle Kleider, Hüte und Sonnenbrillen, die vage auf die Zwanziger Jahre hindeuten. Erst einmal werden die Koffer ins Ferienhaus gebracht; die Ouvertüre wird von allerlei Getrappel und Geschleppe übertönt. Jürgen Flimms „Hochzeit des Figaro"-Inszenierung, die am 7. November an der Berliner Staatsoper Premiere hatte, ist eine Slapstick-Komödie zwischen Koffern, Kleiderständern, Liegestühlen und Einbauschränken. Es findet jede Menge Klamauk statt: Der Graf imitiert einen Torero, wenn er Cherubino zum Militär schickt. Dann wieder verhakelt er sich im Liegestuhl, während er Susanna in ihrem gepunkteten Badeanzug angrabscht. Überhaupt werden die zart angedeuteten erotischen Verwicklungen hier ins Vulgäre verzerrt. Wenn Cherubino und Barbarina sich miteinander vergnügen, wackelt der Strandkorb.
Flimm hat die Bühne erweitert durch einen Laufsteg zwischen Orchester und Zuschauerbereich. Der Graben wird weit hochgefahren, so dass jedermann im Parkett den Lockenkopf des Dirigenten im Blick hat. Dudamel folgt den zuweilen hinter ihm agierenden Sängern bis zur Nackensteife; die Unterbrechung des Blickkontakts scheint ihm geradezu körperliche Schmerzen zu bereiten. Für Dudamel steht der Kontakt zu den Sängern im Vordergrund. Meist war sein Blick nach oben gerichtet; das Orchester breitete einen federnden, dezenten Klangteppich aus, der den Sängern stets den Vortritt ließ.
Angesichts des Erfahrungsvorsprungs der Musiker kann Dudamel wohl nur wenig Eigenes beisteuern. Der 34-jährige Venezolaner hat bislang kaum im Bereich Oper gearbeitet. An der Berliner Staatsoper war er das zweite Mal im Graben. Vor ein paar Jahren hat er hier einige Vorstellungen von Peter Mussbachs „Don Giovanni" gegeben, der ursprünglich für die Scala entstand.
Erinnert man sich an das expressive Feuer, mit dem sich Dudamel in seinen ersten Jahren am Pult verausgabte, staunt man nun über die solide Korrektheit seiner Interpretation. Dudamels akkurate, differenzierte Schlagtechnik sorgt für präzises Zusammenspiel und eine ausgewogene Balance zwischen Streichern und Bläsern. Man genoss die plastische Artikulation und die feinstufige Dynamik. Aber den „Figaro" würde man sich durchaus frischer, impulsiver, erotisch knisternder wünschen. Auch dürften die Höhepunkte gern zügiger, mit symphonischem Nachdruck angesteuert werden.
Die Gesangssolisten zeigten viel Spielfreude, Elan sowie komödiantisches Talent. Einzig Dorothea Röschmann vermag als Gräfin die Ernsthaftigkeit ihrer Figur zu bewahren. Ihr glanzvoller Sopran strahlt Einsamkeit und mühsam aufrechterhaltene Würde aus. Die Regie stört jedoch die anrührenden Momente ihrer Erinnerung an vergangenes Liebesglück – im Hintergrund sortieren die Dienstboten das Gepäck.
Als Graf erfüllt Ildebrando D’Arcangelo das Klischee des mediterranen Machos, der im Tobsuchtsanfall noch auf den richtigen Sitz von Scheitel und Pulloversaum achtet. Sein herrlich lüstern-kraftstrotzender Gesang läuft jedoch ins Leere, wenn der Verführungsversuch in Ringelshirt, kurzer Hose und rutschenden Strümpfen erfolgt. Susanna, gespielt von der stimmlich vollkommen souveränen Anna Prohaska, kommt hier vor allem durchtrieben und kokett daher. Lauri Vasar gibt den Figaro als Tölpel in Knickerbockern und Hosenträgern; der estnische Bariton singt die Partie jedoch allzu grob und massiv.
Ein solches Karikaturen-Ensemble erlaubt kaum Zwischentöne. Alles soll immerzu komisch wirken, was letztlich zu umso größerer Eintönigkeit führt. Figaros Eifersucht, die Wut des Grafen, die Angst des sich versteckenden Cherubino, der übrigens von Marianne Crebassa mit entzückendem Charme dargestellt wird – das Gefühlskarussell des „tollen Tages" wirkt hier wie valium-gedämpft. Das liegt ebenfalls an Dudamels Dirigat, das sich auf bloßen Schönklang beschränkt. Im Finale macht das übertrieben pathetische Gehabe des Grafen dann auch die Versöhnungsszene kaputt. Am Ende gab es wohlwollenden Applaus – mit musikalischer Solidität und szenischer Harmlosigkeit entfacht man keine Begeisterungsstürme.
Weitere Vorstellungen am 9., 11., 13., 15., 19. und 21. November; jeweils 19 Uhr. Die Aufführung am 13. November wird von arte zeitversetzt um 20:15 Uhr in Fernsehen und Internet übertragen.

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