Figaro Augsburg

Kunst und Gemüse

Zum Lachen und Feiern in den Keller Foto: Theater Augsburg

Der Schauspielregisseur Jan Philipp Gloger inszeniert Mozarts "Figaro" furios am Theater Augsburg
(Augsburg, 4. Dezember 2010) Am Ende herrscht erotische Verwirrung: Aus Basilio und Bartolo ist ein schwules Paar geworden, die Gräfin drückt noch einmal Susanna einen Kuss auf den Mund und Marzelline hat sich den Gärtner, einen ölverschmierten muskelbepackten Prackl, gegrapscht. Ende eines "tollen Tages" eben, an dem vieles nicht mehr so ist wie noch am Morgen, wenn die Gräfin im seidenen Hausmantel in den Keller steigt, um nicht nur eine Flasche Wasser zu holen, sondern auch um beinahe eine Überdosis Tabletten einzuwerfen. 
Für Mozarts "Figaro", seine erste Operninszenierung, lässt sich Jan Philipp Gloger, der am Münchner Residenztheater "Genannt Gospodin", "Die Unbeständigkeit der Liebe", "Gegen den Fortschritt" und "Viel Lärm um nichts" inszeniert hat, in Augsburg einen hohen, nüchtern modernen, grau-weißen Durchgangsraum von der Küche zum Heizungskeller mit großen Kacheln am Boden, Lüftungsschlitzen und einer Kamin-Schleuse für die Schmutzwäsche bauen (Einheitsbühne: Ben Baur). Aus vier Türen kann das Personal in herrlich schäbig bunter 50er-Jahre-Kleidung (Kostüme: Karin Jud) die Herrschaft belauschen, denn Graf und Gräfin Almaviva müssen sich immer wieder in den Keller zum Personal begeben.  
Gloger hat sich wohl in die herrliche Szene aus Stephen Frears "Queen" verliebt, wo Elisabeth II. sich vom Garten in die Küche von Schloss Windsor begibt, um zwischen dekorativ ausgebreitetem Gemüse mit dem Premierminister zu telefonieren. Denn im ersten Akt spielt Gemüse eine zentrale Rolle. Bartolo (Christopher Busietta) malträtiert einen Kohlkopf während seiner Rachearie demonstrativ und hexelt Tomaten und Gurken, die Marzelline (herrlich überdreht: Mojca Vedernjak) in sich hinein stopft, als hätte sie tagelang nichts gegessen. Und wenn Figaro dem jungen Cherubino (Stephanie Hampl in kurzen Hosen und mit feinem Mezzo) den Ernst des Militärdienstes zeigt, muss er schnippeln, Pfannen putzen und den Boden schrubben. Leider sind das Ersatzhandlungen für prägnante Beziehungen zwischen den Personen und den Mut zu aus der Handlung entwickelter Situationskomik. Da bleibt auch die Idee isoliert, den Grafen, der das "ius primae noctis" wegen Susanna wieder einführen will, mit einer Plakataktion gegen Mobbing und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz zu konfrontieren, in der sich die Frauen schon mal Kissen unter die Kittelschürze gestopft haben.
Doch nach der Pause verdichtet sich die Inszenierung, etwa wenn klar wird, dass Figaro der Sohn von Marzelline und Bartolo ist. Daraus macht Mozart ein absurdes Ensemble, das Gloger in reinsten Slapstick überführt. Und auch die Idee, den Fandango nur von einem einzigen Paar auf einer improvisierten Tafel mit Hochzeitstorte tanzen zu lassen, ist ebenso simpel wie bestechend: Hier dürfen Koch und Putzfrau endlich einmal zeigen, was sie beim Sonntagskurs in Latino-Tänzen so alles gelernt haben!   
Besonders gelungen ist das Versteckspiel des vierten Akts, das ebenfalls im Keller spielt. Aber wo zuvor Neonröhren langweilig an und aus geknipst wurden, entstehen jetzt durch das Licht von Taschenlampen im geheimnisvollen Dunkel bedrohliche Schatten und die Silhouetten der Protagonisten. Hier ist das Streitduett zwischen der eifersüchtigen Susanna (mit vibratoreichem, leicht scharfem Sopran: Sophia Christine Brommer) und dem halbnackten Figaro (Jan Friedrich Eggers spielt und singt ihnen mit umwerfender musikalischer und szenischer Präsenz), der sie bewußt in die Irre führte, eine erotische Soft-Sado-Maso-Szene. Danach bringen die beiden – sie in den Kleidern der Gräfin (Katharina Persicke mit zunehmend schmerzerfüllter Innigkeit) – den Grafen (etwas ungelenk: Seung-Gi Jung) endlich mal mit handfestem Sex aus dem Häuschen.  
Kevin John Edusei aber gelingt mit seinem Orchester ein auch bei den Rezitativen (mit Hammerklavier und Cello) zunehmend plastisch artikulierter Mozart-Ton, trocken moussierend und doch klangvoll ausformuliert und mit feinem, runden Kern.
Klaus Kalchschmid 
Weitere Aufführungen: 8., 12., 23. Dezember 2010; 8., 14. Januar; 26. Februar; 15. März; 10., 17. April 2011 0 Kommentare/von
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