Fidelio Paris

Im Bestrafungslabyrinth

Angela Denoke und Jonas Kaufmann Foto: Opéra de Paris

Tut der Oper gut: „Fidelio“ in Martin Mosebachs erweiterter Textfassung am Pariser Palais Garnier
(Paris, 25. November 2008) Strafe ist eine Systemfrage. Für die Feststellung von Straftatbeständen, für Schuldzuweisung und daraus resultierende Maßnahmen gibt es ein ineinander greifendes System aus Polizei, Justiz und Vollzug. Gegen dessen kalte Logik steht die Freiheit, für deren Utopie Beethoven und seine Oper „Fidelio“ stehen. Dass an dem Abend einiges anders wird, lässt sich schon daran erahnen, dass er mit der frühen, fantasieartigen „Leonore I“-Ouvertüre beginnt. Marzellines Arie kommt dem Dialog mit Jaquino zuvor, ein Terzett aus der Erstfassung wird eingeschoben. Grundlegend Neues aber bringt die Bearbeitung des Librettos durch den Büchner-Preisträger Martin Mosebach. Ein mutiger Schritt hinein in die Problematik eines Werks, dessen Textqualität nicht über alle Zweifel erhaben ist.
Mosebachs Texte tun der Oper gut. So plaudert Rocco in der „Straf-Fabrik“ über seine Arbeit: „Wir stellen Strafe her.“ Deutlicher kann ein stumpfsinniger Funktionär kaum charakterisiert werden. Pizarro bezeichnet seine Absicht Florestan umzubringen als „Säuberung“. Der zweideutige und belastete Begriff weist ihn als schrecklichen Verbrecher aus. Und Fidelio schleppt statt nur Ketten ein ganzes Arsenal von Bestrafungswerkzeugen an: Handschellen, Zwingen, Folterinstrumente… Größer, stärker, mehr. Funktionierende Systeme haben die Tendenz zu expandieren. Auch Jan Versweyvelds Bühnen-Gefängnis hat keinen Anfang und kein Ende. Statt unter freiem Himmel singt der Gefangenenchor unter Lüftungsschlitzen von „freier Luft“. Das Licht kommt aus der Steckdose, Türen sind nur mit Chipkarte zu öffnen und auf Überwachungsmonitoren sieht man Florestan, der sich irgendwo in diesem wuchernden Bestrafungslabyrinth befinden muss. Duette, Terzette, Quartette. Es gibt keine Oper, in der häufiger mit- oder gegeneinander gesungen wird.
Das Ungewöhnliche ist von Sylvain Cambreling zur Stärke ausgebaut. An den Ensembles wurde deutlich gearbeitet, Artikulation und der Kontakt zwischen Sängern und Orchester sind exzellent. Cambreling nimmt die Tempi langsam, was die Verständlichkeit erhöht und bereits dem ersten Quartett starkes musikalisches Gewicht verleiht. Die Ensembles sind die Knotenpunkte, in denen sich zeigt, wie alles in diesem Gefängnis miteinander verbunden ist: unterschiedliche Absichten, zeitgleich vorgebracht, durch Harmonik und Rhythmus „systematisiert“. Reflexionsebene, Bühne und Musik kommen sich im Pariser „Fidelio“ auf beunruhigende Weise nah. „In des Lebens Frühlingstagen“: nach zwei Jahren Einzelhaft eine solche Arie singen zu können, gehört zu den schönen Inkonsequenzen der Oper. Jonas Kaufmann tut’s mit bestens kontrollierter, ebenmäßiger Stimme. Angela Denoke bewährt sich als im Wortsinne beherzt liebende Leonore, kommt intonatorisch aber an Grenzen. Exquisit die restliche Besetzung darunter Franz-Josef Selig als Rocco und Julia Kleiter als Marzelline. Alan Helds Pizarro überzeugt auch schauspielerisch und schafft es, die Spannung zwischen Sprechtext und Gesang in seiner Figur zusammenzuzwängen. Aus dem Orchestergraben hören wir eine scharf artikulierte Partitur, weitab von jedem romantischen Mischklang. Forte und Piano beißen sich. Cambreling lässt streng spielen, eckig. Umso schöner dazwischen die lyrischen Momente.
Im Finale wird die Lautstärke brutal. Jubel und Ekstase mit Fragezeichen. Es kommt zum Befreiungsakt im Keller. Gegen Leonores kamikazemäßigen Mut und ihre Pistole ist Pizarro unterlegen, der Minister wird angekündigt, alle sind baff. Über dem opernhaften Trubel geht das Konzept dann flöten. Florestan fragt seine Befreierin noch interessiert, was sie gemacht hätte, wenn der ministrale deus ex machina nicht aufgetaucht wäre. Doch spätestens hier kollidieren die Utopie der Oper, der Wunsch nach dem lieto fine und die Hingabe an die mitreißende Musik mit dem kritischen, zynischen Text. Regie hilf! Das könnte, das müsste man stärker zusammenbringen. Denn, dass jemand an einem „Heiligtum“ wie „Fidelio“ kratzt, dem Stoff neue Brisanz gibt, ist eine große Chance. Es ist zu hoffen, dass die „Mosebach-Fassung“ in der Diskussion bleibt. Weil sie sich der Oper und ihren Beschränkungen so wunderbar entgegenstellt. Eine Bewährungsprobe, vor der kein „Fidelio“ zurückschrecken muss.
Benjamin Herzog

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