Fidelio München

Freiheit als Illusion

Gefangen im Labyrinth Foto: Wilfried Hösl

Jonas Kaufmann begeistert in Calixto Bieitos zunehmend spannenderem "Fidelio" am Münchner Nationaltheater, Daniele Gatti dirigiert

(München, 21. Dezember 2010) Ein einziger Ton und alles ist anders an diesem Abend. Wenn Jonas Kaufmann als Florestan sein "Gott" zu Beginn des zweiten Teils aus der Tiefe des Herzens und der Unhörbarkeit heraus ins leuchtende Fortissimo steigert, bekommt man bei der Premiere von Beethovens "Fidelio" in der Bayerischen Staatsoper das erste Mal eine Gänsehaut. Kaufmann ist es, der mit der Wandelbarkeit und Ausdruckskraft seines ebenso kernigen, in der Höhe strahlenden und im Piano der Mittellage und der Tiefe wunderbar verschatteten Tenors, vor allem aber auch durch sein faszinierendes Spiel den Abend zum Ereignis werden lässt.
Wie er traumatisiert nach seiner Arie zusammengekauert den Kopf mehrfach auf den Boden schlägt; wie er sich widerstrebend an Beinen oder den gefesselten Armen immer wieder singend über die Bühne zerren lässt; wie er sich zwanghaft wie ein Tier, das sich putzt, die Haare hektisch aus dem Gesicht kämmt; wie er am Ende scheinbar leblos zusammenbricht, als ein Schuss fällt – all das ist große Sing-Schauspiel-Kunst.

Im zweiten Akt läuft auch die anfangs wenig inspirierte Regie von Calixto Bieito, der den musikdramaturgisch problematischen ersten Akt nicht wirklich in den Griff bekam, zu Hochform auf: Rocco ist hier kein Gutmensch, der Florestan seine letzten Stunden erleichtern will. Vielmehr ist er drauf und dran, ihn umzubringen, nachdem er ihm statt des ersehnten Wassers fast mit Hochprozentigem zum Ersticken gebracht hat. Leonore ist die einzige, die noch Menschlichkeit zeigt, aber auch verzweifelten Mut: Dann schlägt sie Pizarro mit der Schnapsflasche k.o. und schüttet ihm Säure ins Gesicht. Anja Kampes "Töt‘ erst sein Weib!" ist  markerschütternder, existentieller Schrei und die "Namenlose Freude" Irritation – während Leonore im blauen Kleid wieder zur Frau wird, sie im Gegenzug Florestan mit ihren Männerkleidern ausstattet (Interview mit Anja Kampe).
Der freilich trägt bis zum Ende seinen abgestreiften hellblauen Häftlingsschlafanzug wie einen Schutz vor sich, ähnlich Jaquino, der seine Kleider im ersten Akt immer halbnackt an seinen Oberkörper presst.

Verzweifelte Herstellung von Normalität signalisiert dieser Kleidertausch, deren Brüchigkeit deutlich wird, wenn Florestan und Leonore ohne Kommunikation mit leerem Blick nebeneinander zusammensinken, während sich Käfige vom Schnürboden senken. In ihnen spielen vier Streicher Beethovens "Heiligen Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit" aus opus 132. Das ist ein ebenso schmerzvolles wie tröstliches und intimes Innehalten, bevor Bieto mit dem Auftritt des Ministers in der Proszeniumsloge einen letzten Coup landet. Denn Steven Humes ist Heath Ledger als teuflischer Joker aus "The Dark Night" täuschend ähnlich! Wenn dann ein Schuss gellt (mit dem Pizarro niedergestreckt wird) fällt auch Florestan, der glaubt, der Schuss gelte ihm, just vor des Ministers "Euch, edle Frau ziemt es, ganz ihn zu befrei’n" und Leonores leiser Antwort "O Gott! Welch ein Augenblick!" Ambivalenter und richtiger kann man das nicht inszenieren. Auch das einzige der leeren weißen Schilder der Choristen, worauf der Minister FREI geschrieben und es Florestan umgehängt hat (der es dann stolz herumzeigt), hinterlässt zum affirmativen Jubel des "Wer ein holdes Weib errungen" einen bitteren Nachgeschmack.

Anja Kampe (Leonore), Jonas Kaufmann (Florestan) Foto: W. Hösl

Schade, dass Bieto den ganzen ersten Akt nicht auf der Höhe dieses zweiten und des aufregenden Beginns bleibt. Denn zur dritten Leonoren-Ouvertüre, die statt der Fidelio-Ouvertüre gespielt wird, klettern Gefangene, Florestan eingeschlossen, verzweifelt durch ein Plexisglas-Labyrinth (die spektakuläre Konstruktion stammt von Rebecca Ringst). Permanent stört, dass alle Protagonisten, die auf den verschiedenen Ebenen des Gefängnislabyrinths singend hin- und herklettern, sich immer wieder mit Stahldrähten an den querlaufenden Seilen aus Metall per Karabinerhaken anleinen, wohl weniger zur Sicherung als um die prekäre Verbindung mit dem Labyrinth zu symbolisieren. Dabei erzeugen die knappen Zwischentexte von Jorge Luis Borges und Cormac McCarthy, die die Figuren statt der Dialoge sprechen, von Anfang an ein Klima der Angst, das der Oper glücklicherweise alles Singspiel-Tändeln nimmt und so direkt das große Quartett "Mir ist so wunderbar" ansteuern lässt.
Der (Männer-)Chor der Bayerischen Staatsoper singt einen verhaltenen, überaus bewegenden Gefangenenchor (Dean Power und Tareq Nazmi sind dabei prägnante Solisten) und ein strahlendes Finale. Laura Tatulescu und Jussi Mylls besitzen als Marzelline bzw. Jacquino die passenden leichten Stimmen, Franz-Josef Selig ist ein intensiver, verdruckster Rocco, während Wolfgang Koch gerade durch seine stimmliche Normalität einen gefährlichen Pizarro darstellt, der am Ende schier wahnsinnig wird vor Hass. Für Anja Kampe ist die Partie der aufoperungsbereiten Leonore eine ideale, auch wenn ihr schlanker, aber durchschlagskräftiger Sopran am Premierenabend nicht optimal disponiert schien.

Daniele Gatti kann der szenischen Indifferenz des ersten Akts wenig entgegenhalten, gar Bühne und Graben manchmal nur mit Not zusammenhalten. Nach der Pause, wenn sich das Labyrinth teilt, eine Hälfte nach hinten fährt, die andere langsam kippt, während von oben rätselhafte Menschen auf ihm herumklettern und zu schweben beginnen, im Verlauf  des zweiten Akts, werden Gatti und das Staatsorchester vom Geschehen auf der Bühne trotz teilweise sehr ruhiger Tempi angespornt. Aber eine mitreißende, im Detail wie im Ganzen aufregende, spannungsgeladene Interpetation von Beethovens heikler einziger Oper will sich daraus nur momentweise ergeben. Doch das leisten am Ende Inszenierung wie Sänger umso intensiver.

Klaus Kalchschmid

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