Fidelio

Opernkritik: Fidelio

Befreite Fabrikarbeiter

Foto: Brescia/Amisano © Teatro alla Scala

Ein zeitgemäßer "Fidelio" zur Eröffnung der neuen Scala-Saison
Von Derek Weber

(Mailand, 7. Dezember 2014) Wie soll man Florestan und Leonore besetzen? Diese Frage stellt sich jedes Mal neu, wenn Beethovens große Oper auf den Spielplan gesetzt wird. Zuallererst gibt es da eine "wagnerianische" Tradition, die mit schweren Stimmgeschützen aufzufahren pflegt. Kaum kennt man das Werk anders. Da muß man schon zu Meister Harnoncourt oder verwandten Vertreter der period instruments Schule pilgern, wenn man´s anders hören will. Von daher wäre es natürlich höchst interessant, zu wissen, wie Arturo Toscanini die Oper im Jahr 1927 dirigierte, als sie zum ersten Mal (!) an der Mailänder Scala zu hören war.
Höchst gespannt trat man am 7. Dezember in das Haus ein: Daniel Barenboim – im allgemeinen der traditionellen Aufführungspraxis zuzurechnen – ließ vor der Inaugurazione, der Saisoneröffnungs-Premiere, das italienische Publikum wissen, dass er nicht nur an Stelle der "Fidelio"- die Zweite Leonoren-Ouvertüre dirigieren werde, die eigentlich für die Vor-Version des "Fidelio", namens "Leonore oder der Triumph der ehelichen Liebe" gedacht war, sondern dass er die "wagnerianische" Besetzungstradition für falsch hält und die Oper "näher bei Mozart" angesiedelt sieht.
Natürlich hat er das dann in seiner eigenen Manier umgesetzt und – da es seine letzte Premiere als Musikdirektor der Scala war – das Publikum (oder sagen wir genauer: die loggionisti, sozusagen die Stehplatz-Besucher) in helle Begeisterung versetzt. Ältere italienische Kollegen sagen, sie hätten so etwas noch nie erlebt: eine Inaugurazione ohne Buhs, weder für Sänger, Dirigent noch Regie.
Während es für Barenboim vor allem um die Gattenliebe ging, setzte die Regisseurin Deborah Warner doch eher starke politische Akzente: Das Bühnenbild, eine verlassene, zum Kerker umgewandelte Fabrik, beschwor auch Erinnerungen an Abu Ghraib und der nur hörbare Schuss aus dem dunklen Hintergrund, wohin die Gefangenen den bösen Don Pizzaro (stimmlich schon etwas in die Jahre gekommen: Falk Struckmann) verfolgten, ließ an das Schicksal Muammar al-Gadaffis denken. Wo an der Befreiung gehobelt wird, fallen auch Späne an, könnte man sagen.
Kein fernes Spanien mit schmucken Soldatenuniformen also schwebte der Regie (und der Bühnen- und Kostümbildnerin Chloe Obolensky) vor, sondern eine vielleicht private, kaum an Kleidern kenntlich gemachte Bewachungsmaschinerie. Da verlieren auch alle anderen Personen ihre historische Distanz, und die Geschichte kann näher an die Gegenwart gerückt erzählt werden. Und erstaunlicherweise darf bei all dem der Duktus der Prosa-Dialoge sein altes Pathos entfalten, ohne antiquiert oder aufdringlich zu wirken.
Vor allem gilt das natürlich für die Leonore Anja Kampes, eine Figur, die als mutige Frau von nebenan (oder als Bräutigam für die Tochter) durchzugehen vermöchte, keine Heroine, sondern jemand, der beim Kettenschleppen an die Grenzen seiner Kraft gerät. Stimmlich zeigt die Kampe nur dort ein kleines Disagio, wenn das tiefe Register gefordert ist. Aber das hat eben nichts – wie manche Unzufriedene meinten – mit Kraft, sondern mit Tonumfang zu tun.
Passend dazu präsentierte sich Klaus Florian Vogt als tadelloser, unheroischer Florestan. Peter Mattei war ein eleganter Don Fernando und Kwangchul Youn wurde als Rocco vom Publikum mit viel Applaus bedacht. Mojca Erdmann und Florian Hoffmann blieben als Marzelline und Jaquino blass und ohne bleibenden Eindruck. Und der vom vielen Wagner-Singen gezeichnete Falk Struckmann zeigte zumindest im nachdrücklichen Forte, was noch immer in ihm steckt.
Der wahre Protagonist freilich war der Chor der Scala. Und natürlich das Orchester, das mit bestem Willen ausführte, was Barenboim vorgab: Viele langsame Tempi und zarteste Pianissimi von der Ouvertüre an und scharf konturierte Forti als natürlichen Kontrast dazu. Die Zweite Leonoren-Ouvertüre, die ja die Handlung vorabbildet, passt durchaus zur Fassung von 1814, wenn man – so wie Barenboim – darauf verzichtet, die Dritte Ouvertüre vor dem Finale einzuschieben, wohin sie von Gustav Mahler ja nur gerückt wurde, weil man zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen so grundlegenden und raschen Szenenwechsel nicht zustande brachte. 
Der noch vor seinem Amtsantritt von sechs Jahren auf 15 Monate zurechtgestutzte neue Intendant der Scala, Alexander Pereira, hielt sich am 7. Dezember dezent im Hintergrund. Er hat ja diese Premiere auch nicht zu verantworten. Sie kommt noch von der vorherigen Leitung, die offensichtlich ebenso wenig anwesend war wie der neue, ab dem 1. Jänner amtierende Musikdirektor, Riccardo Chailly.
Pereira war ja wohl geholt worden, weil man ihm organisatorisches Geschick und die Fähigkeit zur geschickten Konversation mit den Sponsoren nachsagt. Nur hat er den Fehler begangen, vier Produktionen aus Salzburg an die Scala weiterzuverkaufen – ohne vorherige Absprache mit dem Aufsichtsrat der Scala-Stiftung. Und da man als Intendant in Mailand nie ohne Feinde ist, hat die gegnerische Fraktion sofort ihre Messer gezückt.
Aber noch ist für Pereira nicht alles verloren. In wenigen Wochen wird der Aufsichtsrat neu bestellt, der entscheiden muss, wie es weitergeht.
Überhaupt ist 2015 ein wichtiges Jahr für Mailand und seine Oper. Die EXPO steht an, und das bedeutet, dass die Scala buchstäblich jeden Tag eine Vorstellung anbieten muß, ob Oper, Ballett, oder Konzert. Eröffnet wird der Reigen am 1. Mai (dem Tag der EXPO-Eröffnung) mit Puccinis "Turandot". Und da der neue Musikdirektor ein Mann mit Geschmack ist, wird die Oper mit dem von Luciano Berio komponierten Schluss zu hören sein.
Natürlich gibt man sich auch populär. "Aida" kommt, dirigiert von Zubin Mehta, der den verstorbenen Lorin Maazel ersetzt (Regie: Peter Stein), "Simon Boccanegra" mit Placido Domingo in der Titelrolle kommt heraus, "Carmen" etc. Insgesamt werden in der neuen Saison 20 Opern auf dem Spielplan stehen. Auch die Wiener Philharmoniker fehlen nicht. Sie werden unter der Leitung von Mariss Jansons Mahlers Dritte Symphonie spielen.
Pereira wird also seine Fähigkeiten als Dompteur eines großen Reitstalls unter Beweis stellen und gewiss Gutpunkte sammeln können. Ob rechtzeitig genug, um die voreilige Scharte auszuwetzen, wird sich zeigen.
In Italien ist man zurzeit sehr auf den guten Eindruck bedacht. Das hat auch Pereira zu spüren bekommen. So wurde denn auch diesmal besonders betont, dass die seit Jahrzehnten ritualisierten Proteste vor dem Theater unschicklich seien. Auch im Zuschauerraum war alles ein bisschen anders. Die politische Prominenz fehlte: Der Präsident der Republik, der fast 90jährige Giorgio Napolitano, ist krank, der Premier Matteo Renzi ist mit seinem Haushalt und den europäischen Konflikten beschäftigt. Blieben die Männer der zweiten Linie, die regionale Prominenz, der Kulturminister und der Präsident des Senates.  Die italienisches Hymne, der "Inno di Mameli", wurde – wohl als Geste der Solidarität mit Napolitano, der sich in den letzten Jahren als Turm in den Niederungen der italienischen Politik erwiesen hat – dennoch gespielt.
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