Fiddle, Tin Wistle und Uilleann Pipes

An der Willie Clancy Summer School an der Westküste Irlands wird traditionelle irische Musik unterrichtet

Von Robert Jungwirth

Die meiste Zeit des Jahres ist Milltown Malbay ein kleiner ruhiger Ort an der irischen Westküste, ziemlich genau in der Mitte zwischen Galway im Norden und Limerick im Süden. Zweistöckige bunte Häuser, kleine Läden – manche davon stehen leer. Es gibt zwei Bäcker, einen Metzger, eine Bank, eine Apotheke und etwa ein Dutzend Pubs. Jedes Jahr Anfang Juli verwandelt sich das verschlafene Nest im County Clare jedoch für eine Woche in einen Hexenkessel – einen musikalischen Hexenkessel. Dann öffnet die Willie Clancy Summer School für traditionelle irische Musik ihre Pforten.

Foto: Jungwirth

Aus beinahe jedem Haus der Mainstreet von Milltown Malbay dringt während dieser Woche Musik. Man hört Proben aus den Unterrichtsklassen durch die geöffneten Fenster der Häuser, Musiker spielen nach dem Unterricht in den Pubs oder auf der Straße. Wer die Mainstreet entlangspaziert, gerät in einen regelrechten musikalischen Taumel aus Geigen, Akkordeons, Banjos, Flöten und Uilleann Pipes.
Rund 1000 Teilnehmer kommen jedes Jahr zur Willie Clancy Summer School nach Milltown Malbay – benannt nach einem der berühmtesten Dudelsackspieler Irlands – um Spieltechniken und Stücke der traditionellen irischen Musik zu lernen. Die meisten von ihnen stammen aus Irland, aber es kommen auch viele Besucher aus dem Ausland: aus den USA, aus Frankreich, aus Australien oder Deutschland.
Manche verknüpfen die Summer School mit einem Urlaub an der irischen Westküste. Kinder können an der Willie Clancy Summer School ebenso teilnehmen wie Erwachsene. Von 6-60 Jahren reicht die Altersspanne, erzählt Eamon McGivney, einer der Organisatoren der Willie Clancy Summer School und selbst Geiger, pardon Fiddler – wie man in Irland sagt.
Der Unterricht an der Willie Clancy Summer School erfolgt weitgehend ohne Noten, so wie die traditionelle Musik in Irland lange Zeit überliefert wurde.

Foto: Jungwirth

„Mit unserer Tradition ist es anders als in der klassischen Musik“, erzählt McGivney. „Jeder im Orchester spielt exakt dieselben Noten, die Ludwig van Beethoven oder Bach und all diese Leute geschrieben haben. Aber in unserer Musik ist es unmöglich, das so aufzuschreiben, wie es gespielt wird. Gut, man kann das Stück als solches aufschreiben, aber das ist nur ein Skelett. Verschiedene Leute von unterschiedlichen Gegenden werden es dann ganz unterschiedlich spielen, das ist wie ein Akzent. Es ist die gleiche Freiheit, die es auch in der Jazz-Musik beim Improvisieren gibt. Wir haben oft Leute hier, die von der klassischen Musik kommen und einige von ihnen hören dann auf mit der klassischen Musik, weil sie die Freiheit schätzen, die sie im Orchester nicht haben.“

Unterricht gibt es in den Fächern Fiddel, Uilleann Pipes, Flöte, Banjo bzw. Gitarre, Akkordeon oder Concertina – das ist ein kleines Akkordeon in Form einer Box. Außerdem gibt es Unterricht in Gesang und Tanz.
Die Zahl der Spieler für eine spontane Session im Pub oder auf der Straße ist für die traditionelle irische Musik übrigens ebenso flexibel wie die Besetzung. Vier Banjos können ebenso zusammen spielen wie fünf Geigen oder drei Uilleann Pipes, und selbstverständlich geht es auch in jeder erdenklichen Mischung. Alles ist möglich, nichts ausgeschlossen – einzige Voraussetzung: Man muss sich auf ein Stück einigen. Meistens fängt einer mit einem Stück an und die, die es kennen, steigen mit ein. Und die anderen versuchen es zu lernen oder warten bis ein Stück gespielt wird, das sie kennen.
Nicht selten, dass während der Summerschool in den Pubs die Musiker in drei Reihen hintereinander sitzen oder sogar verschiedene Gruppen gleichzeitig in einem Pub zu hören sind.

Foto: Jungwirth

Es sei Teil der Tradition der Summer School, im Pub zu spielen, sagt McGivney. Es sei eine gute Möglichkeit, andere Musiker zu treffen und Stücke kennenzulernen. „Das ist der soziale Teil der Schule besonders für die jüngeren Teilnehmer; Kinder, die schließen hier Freundschaften fürs Leben durch die Musik. Sie hören Musik von anderen Teilen des Landes, nehmen sie mit ihren Telefonen auf, üben es zuhause, sie bleiben in Kontakt miteinander und kommen nächstes Jahr wieder. So ist es hier…“

Für alle, die sich über traditionelle irische Musik informieren möchten – ob sie nun selbst Musiker sind oder nicht – ist das Musikmuseum von Milltown Malbay mit dem schönen Namen The Music Makers of West Clare eine gute Anlaufstelle. Seamus MacMathuna, selbst Musiker, führt die Besucher kenntnisreich durch die Ausstellung über zwei Etagen.
„Milltown Malbay ist ein Zentrum der traditionellen Musik in Irland“, sagt MacMathuna. „Die Region West Clare ist eine kulturell sehr reiche Gegend. Wegen der isolierten geographischen Lage durch das Meer auf der einen Seite und die Flüsse auf der anderen haben sich hier viele Traditionen erhalten, die es anderswo in Irland nicht mehr gibt, einschließlich der Sprache. 2013 hat man sich überlegt, dass es gut wäre, wenn auch außerhalb der Summer School Besucher etwas über traditionelle irische Musik erfahren können. Und so beschloss man, dieses Besucher-Zentrum, das wir The Music Makers of West Clare nannten, zu gründen. Anhand von 22 Dokumentationstafeln, Instrumenten aus privatem Besitz und viel Material zu den großen Musikerpersönlichkeiten dieser Gegend kann man die Geschichte der Instrumente, die Geschichte der Musik, aber auch die Tradition der Tänze und des Gesangs hier erkunden.“
Ergänzt werden die Schautafeln durch eine kleine Filmdokumentation zur Geschichte der irischen Musik, die man seit kurzem zusätzlich sogar mit einem deutschen Text neben dem englischen hören kann. Und das Museum hat eine schöne Sammlung alter Concertinas aus dem 19. und beginnenden 20. Jahrhundert.

Willie Clancy Foto: Festival

„Wir bieten auch an, hier eine Unterrichtsstunde im Flötespielen zu nehmen. Man kann sich dazu auch eine Tin Wistle kaufen, wenn man möchte. Oder man kann eine Stunde Tanzunterricht in traditionellem Tanz nehmen. Wir haben oben eine Tanzfläche. Viele Leute finden das attraktiver als nur durch die Ausstellung zu gehen und ein wenig Musik zu hören, sondern daran Teil haben und erfahren, wie es sich anfühlt, diese Musik selbst zu machen. Es ist zwar nur eine Stunde, aber man bekommt doch einen Eindruck und wir haben sehr gute Lehrer hier.“
Natürlich erfährt man in dem Museum auch etwas über den Namensgeber der Summer School: Willie Clancy, 1918 in Milltown Malbay geboren, war einer der berühmtesten Uilleann Piper der Insel. Seine Eltern waren ebenfalls begabte Musiker. Die Mutter sang und spielte Concertina, der Vater sang und spielte Concertina, Flöte und Uilleann Pipes. Der Sohn begann mit Tin Wistle und Flöte, dann kam die Geige hinzu und schließlich die Uilleann Pipes. 1947 gewann Clancy seinen ersten nationalen Wettbewerb, bevor er um als Schreiner Arbeit zu finden nach London ging. Dort trat er ebenfalls als Musiker auf und machte seine erste Solo-Plattenaufnahme. 1957 kehrte er nach Irland zurück. Sein Haus in Milltown Malbay wurde zu einer Pilgerstätte für Musiker, die ihn mit ihm musizieren und von ihm lernen wollten.

Der Text der Ausstellung beschreibt Clancys Spiel so:
Zitat: „Willie ist vor allem für seine langsamen Arien bekannt. Der unverwechselbar einsam klingende und doch gemäßigte Ton verleiht seiner Musik eine unvergleichliche Emotionalität. Seine Bewunderung für die einzigartige Schönheit des irischen Gesangs hat seine Interpretation der langsamen Arien und Lamenti, die auch dieser Tradition entstammen, stark beeinflusst.“

1973 ist Willie Clancy im Alter von nur 55 Jahren gestorben. Im gleichen Jahr gründeten seine Fans die nach ihm benannte Summer School. Und es gibt auf der Mainstreet von Milltown Malbay eine Bronzestatue für den berühmten Uilleann Piper. Da sitzt Willie Clancy nun also mit seinen Uilleann Pipes unterm Arm auf seinem Sockel und schaut lächelnd dem munteren Treiben in seiner ehemaligen Heimatstadt zu und hört zu wie zu seinen Füßen Kinder und Jugendliche Musik machen und auf ein paar Euro zur Taschengeldaufbesserung hoffen.

Foto: Jungwirth

An musikalischem Nachwuchs mangelt es ganz offensichtlich nicht in Irland, wenn man sieht wie viele Kinder und Jugendliche an den Sommerkursen teilnehmen. In einem Instrumentenladen demonstriert mir der elfjährige Jimmy seine Fähigkeiten auf der Concertina und sogar der Verkäufer bestätigt, dass der Junge viel Talent habe…
Beim Eröffnungskonzert in der Town Hall des Orts, einer etwas heruntergekommenen Mehrzweckhalle, geben Dozenten der Sommerkurse einen Überblick über die Spielarten der traditionellen irischen Musik. Die Begrüß

ung der Teilnehmer erfolgt ebenfalls sehr traditionell: auf Gälisch…
Während der einwöchigen Summer School gibt es am Vormittag drei Stunden Unterreicht, am Nachmittag kann man sich Vorträge anhören und abends Konzerte. Dazwischen sollten die Teilnehmer natürlich auch noch Zeit zum Üben einplanen. Aber das kann man ja open end abends im Pub machen. In dem Hotel, in dem ich übernachte, und in dem es natürlich auch ein Pub gibt, dauert eine nächtliche Übesession mit überwiegend jungen Musikern einmal bis halb fünf Uhr früh. Schlaf scheinen die Teilnehmer der Willie Clancy Summer School eher nicht zu benötigen.

Für die Instrumentalkurse bei den Sommerkursen an der Willie Clancy Summer School sollten die Teilnehmer natürlich eine gewisse Vorbildung und Fertigkeiten auf ihrem jeweiligen Instrument mitbringen. Eine Ausnahme bilden die Uilleann Pipes. Das komplexe Instrument, das dem schottischen Dudelsack ähnelt, kann man hier auch von Beginn an lernen.
Die Uilleann Pipes wurden im Lauf des 17. Jahrhunderts aus dem einfachen Dudelsack entwickelt und wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Irish union bagpipe in ganz Irland bekannt und beliebt. Im Unterschied zum schottischen Dudelsack muss der Spieler hier nicht durch Blasen Luft in den Balg füllen, sondern er pumpt sie mit dem Ellenbogen in den Blasebalg und drückt sie mit dem anderen Ellenbogen über einen zweiten Balg wieder heraus in die Flötenrohre. Vom irischen Wort für Elle stammt denn auch der Name Uilleann Pipes. Außerdem hat die Uilleann Pipes nicht nur einen Grundton zur Begleitung, sondern es können mehrere Begleittöne produziert werden, so dass sogar mehrstimmiges Spiel möglich ist.

„Am Anfang spielt man nur mit dem Blasebalg und der Melodiepfeife. Später kommen die Bordunpfeifen dazu“, erklärt Tommy Keen, der eine Uilleann Pipes-Klasse bei der Summer School leitet. In den Klassen für Uilleann Pipes trifft man übrigens fast ausschließlich auf Iren. Die Uilleann Pipes sind schließlich so etwas wie das Nationalinstrument der Iren – als solches hat es die Harfe abgelöst, die gleichwohl noch immer Münzen und Reisepässe in Irland ziert.
Auf Harfenspieler trifft man in den Pubs eher selten, vermutlich ist das Instrument hierfür einfach zu leise. Doch gibt es auch für dieses Instrument noch immer zahlreiche Musiker auf der Insel. Und auch bei der Summer School wird Harfe natürlich unterrichtet.
Ein besonderes und auch besonders beliebtes Instrument in der traditionellen irischen Musik ist die Concertina, ein Akkordeon in Miniaturformat. Wenn junge Frauen damit die Straße entlanglaufen, könnte man meinen, sie tragen eine Handtasche oder einen Schminkkoffer.

Das Besondere an der Summer School von Milltown Malbay und an der traditionellen irischen Musik ganz allgemein ist die Ungezwungenheit, mit der musiziert wird. Musikmachen ist in Irland ein kollektives Miteinander unterschiedlicher Generationen und Instrumente, ein lebendiger Austausch von oft ganz fremden Menschen aus unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichen Sprachen.
Die irische Musik und ihre ansteckende Lebendigkeit bringt sie zusammen. Und die Freude und Begeisterung, mit der in Pubs und bei spontanen kleinen Konzerten auf der Straße musiziert wird, ist beeindruckend und begeisternd – für Musiker wie für Zuhörer. Jeder, der sich für traditionelle irische Musik und ihre Spielweisen interessiert, ob aktiv oder passiv sollte vielleicht einmal über einen Besuch der Summer School von Milltown Malbay nachdenken…

Der ultimative Freizeittipp für den Besuch der Küste um Miltown Malbay: eine Küstenwanderung mit Pat Sweeney zu den Cliffs of Moher. Besser als jede Auto-Tour nur zu den Kliffs! Und die Besichtigung der Cliffs vom Schiff aus, z.B. mit den Aran Ferries.

Foto: Jungwirth

Weitere Informationen gibt es bei www.ireland.com

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