Festkonzert, Parsifal DOB

Zur Kreuzigung?

Klaus Florian Vogt als Parsifal Foto: Matthias Baus

Die Deutsche Oper Berlin feiert ihr 100-jähriges Bestehen mit einem Jubiläumskonzert, einer Henze-Uraufführung und der Neuinszenierung von Wagners "Parsifal"

(Berlin, 20./21. Oktober 2012) Ein ganz besonderes Jubiläumskonzert hatte es werden sollen. Gleich drei Dirigenten waren anlässlich des 100. Geburtstags der Deutschen Oper Berlin versammelt und die teilten sich die ausgewählten Vorspiele, Arien und Ensembleszenen untereinander auf: der amtierende Generalmusikdirektor Donald Runnicles, dessen ehrwürdiger Kollege Jesús López Cobos, der das Orchester von 1981 bis 1990 erfolgreich leitete, sowie der Rossini-Experte und derzeit wohl beliebteste Gastdirigent des Hauses Alberto Zedda. Das gibt es wahrlich nicht alle Tage. Zudem stand mit einer eigens für diesen Anlass komponierten Ouvertüre von Hans Werner Henze die Uraufführung eines der bedeutendsten Komponisten der Gegenwart auf dem Programm.
Und doch, oh je, wollte sich eine festliche Stimmung so gar nicht einstellen. Das lag vor allem daran, dass mit Tita von Hardenberg eine unbedarfte und obendrein schlecht vorbereitete, Opernunkundige moderierte, die sich mit falschen Bemerkungen bis auf die Knochen blamierte. Mit dem neuen Intendanten Dietmar Schwarz, Donald Runnicles sowie dem Berliner Bürgermeister Wowereit und Finanzminister Schäuble führte sie nichtssagende Interviews. Der ehemalige, großartige Chorleiter Walter-Hagen Groll aber, ebenfalls im Publikum anwesend, wurde mit keiner Silbe erwähnt. Peinlich!
Da war man froh, als endlich der mittlerweile 84-jährige Alberto Zedda die trübe Stimmung mit einer leichtfüßigen, elastischen Wiedergabe der Ouvertüre zu Rossinis "Semiramide" aufhellte. Doch waren die musikalischen Beiträge zu kurz, um das substanzlose Geplauder vergessen zu lassen, auch wenn die uraufgeführte  "Ouvertüre zu einem Theater" von Hans Werner Henze – eine Musik, die wie Richard Strauss‘ "Ariadne auf Naxos" den Kontrast zwischen der ernsten Dramatik der Opera seria und dem leichten Charme der Opera buffa sucht – zum Besten zählt, was der lieblose Abend zu bieten hatte. 
Über den ernüchternden Gesamteindruck konnte trotz hoch motiviertem Chor (Einstudierung: William Spaulding) auch eine solide, aber nicht herausragende konzertante Aufführung des zweiten Akts aus Beethovens "Fidelio" nicht hinwegtäuschen. Just mit dieser Oper wurde 1912 das vormals Deutsche Opernhaus, das im Zweiten Weltkrieg zerbombt wurde, feierlich eröffnet. Zum jüngsten Festkonzert gestaltete zwar jeder Solist (Anja Kampe, Scott MacAllister, Matti Salminen, Markus Brück u.a.) seinen Part mit viel Herzblut, doch blieb jede Arie, jedes Duett, jedes Ensemble eine Nummer für sich. Es fehlte der große Atem über dem Ganzen, die musikalischen Emotionen blieben selbst in den emphatischen Schlusschören an der Oberfläche.
Wie bei diesem Festkonzert legte auch tags darauf zur Premiere von Wagners "Parsifal" das blendend disponierte Opernorchester den größten Ehrgeiz an den Tag. Neigt Generalmusikdirektor Donald Runnicles gewöhnlich eher dazu, grob zu dynamisieren, so hat er diesmal hörbar subtil an klanglichen Nuancen gefeilt. Vor allem der homogene, überwiegend samtene Streicherklang ist eine Wonne. Mal tönt es geheimnisvoll mystisch, mal schauermärchenhaft düster, und wenn sich die Geschichte auf Klingsors Burg hochdramatisch zuspitzt, dann kesselt es derart im Graben, dass einem fast das Herz still steht.
Philipp Stölzl wählt dazu für seine Inszenierung einen diffizilen, heiklen Ansatz. Ihn interessiert die religiöse, mystische Bedeutung des Bühnenweihfestspiels, das selbst unter Wagners Zeitgenossen oftmals falsch verstanden wurde, selbst von einer Kapazität wie Friedrich Nietzsche, der den Komponisten für sein vermeintlich "zuckersüßes Bimbambaumeln" verspottete.
Wie religiös nun ist dieser "Parsifal"?  Richard Wagner war weder ein Atheist noch ein frommer Mann, er hatte mit der Kirche nicht viel im Sinn und wollte, wie er selbst es formulierte mit seinem "Parsifal"  den "Kern der Religion retten". Wie aber ist das zu verstehen? Philipp Stölzl schießt wohl etwas über das Ziel hinaus, wenn er vorführen will, dass das Christentum mit seinem Leidensdogma ein deformiertes Machtinstrument ist. Nicht allein der verwundete Amfortas wird hier zur großen Leidensfigur, sondern auch alle anderen Gralsritter, die sich beinahe obsessiv für ihre Sünden geißeln. Damit nicht genug. Stölzl bringt gleich zu den ersten Klängen die biblische Passionsgeschichte ins Spiel. Leicht kann so ein Versuch in Blasphemie abgleiten oder in sakralen Kitsch. Dieser Gefahr erliegt der Regisseur zum Glück nicht. Zeitlupenartig verlangsamt, mit dezenter Gebärdensprache und ohne falsche pathetische Gesten gestaltet er die Kreuzigung als ein tableau vivant, das stark an Lech Majewskis preisgekrönten Film "Die Mühle und das Kreuz" erinnert, der wiederum Pieter Breughels  "Kreuztragung Christi" von 1564 in lebende Bilder übersetzt.
Auch die folgenden Akte beginnen düster mit einem solchen lebendig geworden Bild. Im zweiten Akt thront Klingsor als Sieger über einem ermordeten Gralsritter. Der heilige Speer steckt dem toten Jüngling noch in der Wunde, eine Pietà an seiner Seite verharrt im lautlosen Schrei, plötzlich öffnen Klingsors Gehilfen den toten Körper und entnehmen das Herz. Im dritten Akt schließlich sind aus den einstigen edlen mittelalterlichen Gralsrittern müde, geschundene, resignierte Figuren einer Endzeit geworden. Sogar Parsifal, der Erlöser erreicht mit letzter Kraft sein Ziel, erschöpft bricht er vor Gurnemanz‘ Füßen zusammen. So gesehen scheint es fast konsequent, wenn Amfortas den von Parsifal zurückeroberten heiligen Speer tief in seine Wunde hineinbohrt, die er eigentlich schließen soll. Allein der Tod kann ihn von aller Lebensqual erlösen.
So konsequent Stölzl seine Geschichte erzählt – restlos überzeugen will sie nicht. Wagner lässt in seinem Textbuch keinen Zweifel daran, dass Amfortas geheilt wird, seine Musik spricht eine entsprechend verklärte Sprache. So gesehen scheitert der vom Premierenpublikum gnadenlos ausgebuhte Regisseur – aber auf hohem Niveau.
Ein starker Trumpf ist die Besetzung: Allen voran ist Klaus Florian Vogt mit seinem hellen, unschuldigen, schönen Timbre und kultiviertem Vortrag in der Partie des einfältigen Toren nahezu unübertroffen. Matti Salminen meistert mit enormen stimmlichen Reserven noch im Alter von 67 Jahren die gewichtige Partie des Gurnemanz, ebenso nimmt Evelyn Herlitzius mit großem Volumen und sonorer Tiefe für sich ein. Thomas Jesatko gibt einen profunden Klingsor, und Thomas Johannes Mayer ist als Amfortas mit seinem kraftvollen, in allen Registern schlank geführten Bariton vielleicht die Entdeckung des Abends. Vor allem aber das Orchester erfreut sich zum besten Anlass endlich einmal ebenso großer Ovationen wie der charismatische, erfolgsverwöhnte Opernchor.
Kirsten Liese

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