Festival zu Ehren des Barockkomponisten Alessandro Stradella

Theaterkulissen für die Kunst und das Leben

Das Festival Barocco Alessandro Stradella in Viterbo und Nepi nördlich von Rom feiert italienische Musik- und Lebenskultur

Von Laszlo Molnar

(Viterbo, 1. und 2. September 2018) Wer käme wohl auf den Gedanken, wegen eines Musikfestivals, das den Namen des bei uns kaum bekannten Komponisten Alessandro Stradella trägt, nach Viterbo zu fahren? Fragen wir einmal anders herum: warum eigentlich nicht? Viterbo, etwa 80 km nördlich von Rom gelegen, ist auf jeden Fall ein Reise wert. Eine stattliche Stadt, auf Hügeln rund um ein Tal gelegen, deren Geschichte zurückgeht bis zu den Etruskern. Hier residierten im 13. Jahrhundert acht Päpste und bestimmten neue Päpste. Dafür bauten sie sich in prominentester Hü-gellage einen Palast, gleich neben dem Wunderwerk der Kathedrale von Viterbo, die Ende des 12., Anfang des 13. Jahrhunderts errichtet wurde. Eine einzigartige, er-hebende Einheit von Form und Ausdruck, die den Betrachter durch ihre Klarheit der Formensprache beeindruckt. Die mittelalterliche Stadt auf dem Kathedralhügel scheint hinter jeder Ecke Geheimnisse zu verbergen. Aus dieser finsteren Seitengasse könnte Don Giovanni hervorstürmen. Auf dem Balkon dort hinten im Halbschatten könnte gleich Julia auftauchen. Eine Theaterkulisse für das tägliche Leben.

Denn wie jede historische Stadt Italiens, ist auch Viterbo mit ihren knapp 70.000 Einwohnern erfüllt vom Leben des Alltags. Vor allen entlang der Einkaufsstraßen drängt sich jung und alt, auf den charmanten Plätzen sitzen die Menschen in Cafés und Bars unter Schirmen und Pinien. Weil Viterbo mit seinen Schönheiten dem Be-sucher nicht so ins Gesicht springt wie Florenz, Venedig oder Verona, sind die Tou-ristenströme dort noch nicht hingelangt. Vielleicht ist es den Viterbesen auch recht so. Ihre Lokale zeigen sich weitgehend selbstbewusst und setzen eine gewisse Kenntnis der Gepflogenheiten voraus. Keine grell schreienden Plakate, kaum ein Menu turistico. Die Kellner, die einen hereinbitten, geben im selben Moment einen klangvol-len Monolog über all die Spezialitäten von sich, die nicht auf der Karte stehen. Slow food allerorten. Den Stress der italienischen Touristenmetropolen wird man hier nicht erleben und gerade deshalb voll seine Italiensehnsucht befriedigen können. Aber richtig ist auch: Viterbo liegt gut versteckt. Ist man nicht mit dem Mietwagen ab Rom unterwegs, dauert das Gebummel mit dem Regionalzug – vorbei am Lago di Bracciano und den dortigen Wochenendvillen wohlhabender Römer – ab Rom Tiburtina o-der Trastevere gut zwei Stunden. Man sollte also mindestens eine Übernachtung einplanen.

Oder mehrere, wenn man seinen Besuch auf die Zeit des Festival Barocco Alessandro Stradella legen möchte. Der Name ist vielleicht ein wenig irreführend. Das Programm ist nicht alleine diesem Komponisten gewidmet. Er kommt daher, dass vergangenes Jahr, 2017, das Festival Barocco di Viterbo mit dem Festival Alessandro Stradella in dessen nahegelegenen Geburtsstadt Nepi zusammengelegt wurden. Was letztlich perfekt passt, ist doch Stradella mit seiner Lebenszeit von 1639 bis 1682 ein Vertreter des Frühbarock in der Musik. Zu seinem Schaffen gehören eine riesige Anzahl von Solokantaten, Opern, Oratorien, Madrigale und Instrumentalmusik, mehr als 200 Werke. Daneben führte er als großer Frauenheld ein höchst abenteuerliches Leben, was ihn immer wieder zwang, auch fluchtartig den Ort zu wechseln. Er starb an den Folgen eines Überfalls auf offener Straße. Stradellas Geburtsort Nepi hatte sich mit einem eigenen Festival wohl doch etwas zu viel vorgenommen. Oder dessen künstlerischer Leiter, der Dirigent und Kontrabassist Andrea de Carlo, hatte ohnehin schon sein Auge auf das vierzigjährige Festival in Viterbo geworfen. Jedenfalls sind jetzt beide Festivals unter seiner Leitung vereint. Das neue Gemeinschaftsprojekt – es wird von der Region Latium, der Provinz Viterbo und der Stadt finanziell getragen – bietet Programme an beiden Orten an.

Ensemble Mare Nostrum mit Stradellas Oratorium „Ester“ Foto: Festival

Das Programm 2018 hat vergangenes Wochenende mit zwei Konzerten in Viterbo begonnen. Bis zum 16. September sind überwiegend Kammerkonzerte zu hören. In Viterbo liegt ein besonderer Reiz im Aufführungsort. Die Kirche San Silvestro liegt mitten in der Stadt an einem aussergewöhnlich hübschen Platz. Sie ist nichts weiter als ein leicht rechteckiger Raum, der den Besucher nicht ablenkt. Weder von der geistigen Einkehr, noch von der Versenkung in die Musik. Dort, bei geringer Beleuchtung und entsprechend meditativer Stimmung, fand am Sonntag Abend das erste Kammerkonzert statt. Gleich zur Eröffnung des Festivals am Samstag Abend hatte Andrea de Carlo darauf hingewiesen, dass man es nicht bei der Barockmusik alleine belassen wolle. Er deutete auf Parallelen zwischen der Musik des Barock, namentlich der Stradellas, und der Neuen Musik unserer Zeit. Stradella habe in einer Epoche des Umbruchs gelebt, zwischen dem Ende der Renaissance und dem Anfang des Barock. Da war viel Platz für Experimente, und Stradella habe ihn genutzt. Ebenso gehe es den Komponisten unserer Zeit.

Als erster stand dafür am Sonntag der Kontrabassist Daniele Roccato. In der Silvestro-Kirche präsentierte er sein Programm „Di Gioia e Tormento – Von der Freude und vom Leiden“, zusammen mit der Tänzerin Ramona Caia. Roccato ist ein international bekannter Kontrabass-Performer, der an den Grenzen der klanglichen Möglichkeiten seines Instrumentes operiert. Entsprechend grummelte, stöhnte, fiepte das Instrument unter seinen Händen, die es zu immer wieder kehrenden Motivformeln zwangen. Ramona Caia schien wie improvisiert auf die Klänge zu reagieren und verwandelte sie in Gesten des Körpers. Mehr als ein musikalisches Erlebnis war das eine Meditationsübung, eine Lektion der Selbstbetrachtung für die Zuhörer. Gioia und Tormento waren ganz nah beieinander.

Das Festival eröffnet hatte sein Chef Andrea de Carlo am Samstag Abend in der Kirche Santa Maria della Veritá. Ein deutlich größerer Raum als San Silvestro, gleich-wohl ähnlich spartanisch ausgestattet. Mit seinem Instrumentalensemble „Mare Nostrum“ und einer Solistengruppe führte er dort Alessandro Stradellas Oratorium „Ester“ auf, das seine Uraufführung 1677 in Rom hatte. Es umfasst etwa eineinhalb Stunden Musik und erzählt eine alttestamentarische Geschichte. Das Entscheidende ist, dass Stradella damit das in Rom geltende Verbot der Oper mit Hilfe eines dramatisierten geistlichen Stoffes umschiffte. So versorgte er den Auftraggeber und die Zuhörer mit jener dramatischen Spannung, die sie erwarteten.

Fünf Solisten und ein mit Harfe, Laute, Theorbe, Orgel und Cembalo üppig besetzter Basso continuo sorgten in Viterbo unter der Leitung von Andrea de Carlo dafür, dass die Gefühle ordentlich aufgewühlt wurden und dass das die Zuhörer auch deutlich mitbekamen. Vielleicht sogar etwas zu deutlich. Das Erregungsniveau der Aufführung war dauerhaft hoch. Zwar war das für die bestens disponierten Solisten Roberta Mameli, Cristina Fanelli, Filippo Mineccia und Salvo Vitale genauso wenig ein Problem wie für die Instrumentalisten von „Mare Nostrum“. Aber dadurch mangelte es der Aufführung an Farbschattierungen und Zwischentönen, wie man sie etwa von Aufführungen unter der Leitung von William Christie kennt. Sicher hätte es dazu viel geholfen, wenn die Sängerinnen und Sänger nicht aus Noten, sondern auswendig gesungen hätten und von einer Regie etwas in Bewegung gebracht worden wären. Der Platz dafür wäre vorhanden.

Mit seinem spezialisierten Angebot präsentiert das Festival Barocco Alessandro Stradella bis 16. September nun an jedem Tag ein Konzert. Das Programm sollte man sich wegen der vielen Details am besten auf der Website des Festivals ansehen, www.festivalstradella.org. Wenn die Witterung so angenehm sommerlich bleibt wie am Eröffnungswochenende, dann wäre ein Besuch in Viterbo eine rundum gewinn-bringende Verlängerung des Sommers.


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