Festival für vergessene Opern in Süditalien

Festival der Opernraritäten in Apulien

Zwischen Ferien und Sommerarbeit – Fabio Luisi gräbt beim „Festival della Valle d’Itria“ vergessene Opern aus.

Von Thomas Migge

(Martina Franca, Juli/August 2017) Giacomo Meyerbeers Oper „Margherita d’Anjou“, uraufgeführt 1820 an der Mailänder Scala, war zu ihrer Zeit ein internationaler Erfolg. Doch seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war diese historische Oper vergessen. Ein Werk also, das perfekt zum „Festival della Valle d’Itria“ im apulischen Martina Franca passt.
Auch wenn diese Oper von ihrer Handlung her heute recht bizzarr wirkt, ist es doch ein Verdienst, auch solche vergessenen Werke auf die Bühne zu bringen, die vielleicht nicht ganz ohne Grund in Vergessenheit geraten sind.

Es gibt nur wenige Festivals in Europa, die, wie das in Martina Franca in Apulien, jedes Jahr 5 und sogar 6 Operninszenierungen bieten – unter abendlichem Sommerhimmel, im Innenhof des barocken Palazzo Ducale. Ein akustisch fast perfekter Ort für musikalische Veranstaltungen. Seit 43 Jahren widmet sich das „Festival della Valle d’Itria“ vor allem vergessenen und selten aufgeführten Opern, vom Barock bis heute.

In diesem Jahr außerdem auf dem Programm die Verdi-Rarität „Un giorno di regno“ von 1840. Verdis erste komische Oper. Zu ihrer Zeit ein Riesenflop. Zu Unrecht, wie die Neuinszenierung mit der pfiffig-witzigen Regie von Stefania Bonfadelli und unter der spritzigen musikalischen Leitung des begabten Nachwuchsdirigenten Sesto Quatrini bewies.
In der Hauptrolle des Cavalier Belfiore brillierte der italienische Starbass Vito Priante, der nicht nur eine tief-kräftige, sondern auch musikalisch ungemein geschmeidige Stimme besitzt und, als waschechter Neapolitaner, über ein beispielhaftes schauspielerisches Talent verfügt. Die gesamte Besetzung war so ausgezeichnet, dass es schade ist, dass diese selten zu sehende Oper nicht für eine Videoproduktion aufgezeichnet wurde.

Seit Stardirigent Fabio Luisi in Martina Franca musikalischer Leiter ist, seit zwei Jahren, bietet das zuvor zunehmend enttäuschende Sommerfestival endlich wieder mehr Qualität. Dank Luisis Einfluss stellen Spender mehr Geld zur Verfügung, und das erlaubt es, endlich auch wieder prominente Namen anzulocken – in diesem Jahr die Altsängerin Sonia Prina, in der Hauptrolle von Vivaldis „Orlando Furioso“, und den ausgezeichneten Bass Vito Priante als Cavalier Belfiore in Verdis komischer Oper.

Für die Inszenierung von Vivaldis stimmlich sehr anspruchsvollem Werk „Orlando Furioso“ wurde an nichts gespart. Auch wenn die Opernaufführungen in Martina Franco ausschließlich unter freiem Himmel stattfinden, versucht man immer wieder eine theaterähnliche Atmosphäre zu schaffen. Wie eben bei der diesjährigen Vivaldi-Oper. Über Geschmack mag man streiten, aber die an sehr aufwendigen, kuriosen Kostüme und Kopf- sowie Haardekorationen reiche Inszenierung von Fabio Ceresa und Massimo Checchetto beindruckte. Als Orchester konnte man „I Barocchisti“ unter der Leitung von Diego Fasolis verpflichten. Fasolis Interpretation der Partitur stand in offensichtlichem Gegensatz zur arg barocken Inszenierung. Sein Vivaldi war musikalisch klar und in keiner Weise verspielt.

„Dieses Festival ist sehr wichtig“, erklärt Fabio Luisi. „Es wurde lange unterschätzt, aber es gibt in Italien kein anderes Festival, dass sich vor allem darum bemüht, eher unbekannte Opern der Vergessenheit zu entreißen“. Ein Festival mit einer langen Tradition, „das in den vergangenen 43 Jahren mehr als 50 Opern wieder auf die Bühne brachte, die fast niemand mehr kannte“. Hinzu komme, so der Dirigent und musikalische Leiter in Martina Franca, dass „hier vor allem junge Musiker gefördert werden“.
Wie etwa der inzwischen international bekannte Countertenor Franco Fagioli, dessen Debüt in der Rossinioper „Aureliano in Palmira“, 2011 in Martina Franca, ein Triumph war.

Die Präsenz von Fabio Luisi wirkt sich ungemein positiv auf das Festival aus: Mit ihm kommen mehr große Sängernamen und Opern auf die Bühne, die in Zusammenarbeit mit Opernhäusern entstehen, wie etwa dem La Fenice in Venedig. Das spart viel Geld, daß der qualitativ besseren Besetzung der Hauptrollen in den einzelnen Opern zu Gute kommt.

Luisi braucht übrigens zum Sommerfestival nach Martina Franca nicht extra anzureisen: Der Dirigent und seine Familie urlauben sommers ganz in der Nähe, in ihrem eigenen Ferienhaus. „Casa e bottega“ sagen die Italiener, Wohnung und Arbeitsplatz liegen also beieinander. Ein ganz großer Glücksfall für ein Festival, das mit Luisis Präsenz einer musikalischen Frischzellenkur unterzogen wird.

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