Faust-Szenen zur Wiedereröffnung der Berliner Staatsoper

Nichts Halbes und nichts Ganzes

Die Berliner Staatsoper feiert ihre Vorab-Wiedereröffnung mit Schumanns „Faust-Szenen“, launig bearbeitet von Jürgen Flimm

Von Antje Rößler

(Berlin, 3. Oktober 2017) Die Prominenz stolziert über den weiträumig abgesperrten roten Teppich, hinter weit entfernten Metallzäunen äugt das gemeine Volk. Sieben Jahre war die Berliner Staatsoper im Schiller-Theater-Exil. Endlich haben die ursprünglich auf drei Jahre angesetzten Umbauten ein Ende gefunden, so dass man nun symbolträchtig am Einheitsfeiertag das sanierte Haus eröffnen kann. Nun strahlt sie wieder, die Rokoko-Pracht im Farbdreiklang aus Elfenbein, Gold und Dunkelrot.

Gern wird dabei vergessen, dass eigentlich ein moderner Entwurf für den Zuschauersaal die Ausschreibung des Senats gewann. Doch die Sponsoren wetterten gegen „Zerstörung“; und Daniel Barenboim drohte, die Zelte in Berlin abzubrechen. Die Nostalgiker schafften es, dass Richard Paulicks historisierende Neuschöpfung aus den Fünfzigern erhalten bleibt, die sich am Dekor des Schlosses Sanssouci orientiert.

Inzwischen reiht sich die Lindenoper neben dem Berliner Großflughafen, der Hamburger Elbphilharmonie und dem Stuttgarter Bahnhof in die Reihe gigantomanisch fehlkalkulierter Projekte ein. Fast 400 Millionen, doppelt so viel wie veranschlagt, hat die Sanierung gekostet; vor allem der Bau der unterirdischen Räume im märkischen Sand hat die Kosten in die Höhe getrieben. In den Eröffnungsgrußworten von Berlin-Bürgermeister Müller und Kulturstaatsministerin Grütters war jedoch nicht der Hauch von Selbstkritik angesichts dieses schlampigen Umgangs mit Steuergeldern zu vernehmen.

Die Eröffnung ist auch ein Triumpf des fast 75-jährigen Barenboim, für dessen Bedürfnisse das Haus quasi maßgeschneidert wurde. Die optimalen 1,6 Sekunden Nachhall werden nun auf akustischem Wege erreicht, was den irrwitzigen Aufwand erforderte, die Decke um fünf Meter anzuheben.

Eröffnet wurde das Haus mit dem wohl deutschesten aller Stoffe, Goethes „Faust“; in einer Vertonung Robert Schumanns. Dessen „Faust-Szenen“ sind ein Zwitter aus Oratorium und Oper, den man notfalls hätte konzertant aufführen können, wäre die Bühne nicht rechtzeitig fertig geworden.
Im fortgeschrittenen Lebensalter, zwischen 1844 und 1853, vertonte Schumann acht Szenen aus Goethes Originaltext. Jedoch gewinnt man den Eindruck, dass der Komponist mit dem oratorischen Breitwandformat fremdelt. So wirkt die Behandlung der Chöre deutlich schlichter als etwa bei Mendelssohn. Und auch die Ouvertüre im streichersatten Tutti-Klang ist sicher keine Musik, die man auf die einsame Insel mitnehmen würde. Gleichwohl genießt man die Akustik des sanierten Raums, der früher einen dumpfen, trockenen Wohnzimmerklang hatte. Nun klingt das Orchester hell, klar und konturiert.

Im ersten Teil geht es vor allem um die Gretchen-Geschichte. Barenboim legt mit nachdrücklichem Schwung los. Er verflüssigt die Musik und kitzelt ihren Charme hervor. Die Staatskapelle Berlin ist dafür ein klangschönes Instrument; mit warmen Farben, duftigen Holzbläsern und gepflegtem Blechbläserton.
Gut, dass man die Rolle des Gretchens dem Nachwuchs überlässt. Elsa Dreisig, die soeben ihr Engagement bei der Staatsoper angetreten hat, ist mit ihrem klangschönen Sopran und jugendlich-inniger Ausstrahlung eine gute Wahl.
Musikalisch wird es interessanter, je weiter der Abend voran schreitet. Prachtvoll glänzt die Staatskapelle in der Sonnenaufgangsszene, mit einem Horizont aus Streicherwellen und daraus wie Strahlen aufblitzenden Bläserakkorden. In seiner Schilderung der eisigen Hochgebirgswelt und der schaurigen Lemuren-Szene dringt Schumann in neue atmosphärische Bereiche vor. Barenboim rückt diese Klänge in die Nähe von Wagners Musikdramen.

Für Sänger ist das Werk nicht besonders dankbar, sind doch die Partien wenig arios. Roman Trekel, in Blümchenweste und Kniehosen, singt den Faust kraftvoll und unbeugsam. Das Gewaltsame, Machtversessene und Skrupellose, das auch zum „Faustischen“ gehört, geht ihm aber ab.
René Pape überzeugt als Mephisto. Sein klarer, sonorer Bass zeigt den Teufel als abgeklärten Zyniker. Konterkariert wird das jedoch von der Regie, die ihn zum zapplig-nervösen Lustmolch macht.


René Pape (Mephistopheles), Elsa Dreisig (Gretchen), Meike Droste (Gretchen), André Jung (Faust), Katharina Kammerloher (Marthe) und Chor Foto: Hermann und Clärchen Baus

Schumanns tiefsinniges Werk erweist sich auf der Bühne als zäh. Regisseur und Noch-Intendant Flimm schiebt daher Goethes Sprechszenen ein. Die werden damit quasi zu Rezitativen degradiert, wogegen sie sich mit ihrem ästhetischen und dramatischen Eigengewicht sträuben. Jede Hauptfigur wird von einem Sänger und von einem Schauspieler verkörpert. Diese Verdopplung unterstreicht ein Guckkastentheater auf der Bühne (Markus Lüpertz).

Was Flimm eigentlich will, bleibt offen. Er wechselt impulsiv zwischen Klamauk und Moritat; inklusive Schockeffekten wie Gretchens blutgetränkter Unterhose. Zweifellos enthält der Goethe-Faust so viel Fantastisches, dass ein solches Ausschweifen nicht unstatthaft ist. Aber bei Flimm gerät es beliebig und harmlos; wie etwa jene Mannschaft von Feuerwehrmännern und Notärzten, die nach dem Erdbeben in die Biedermeiergesellschaft einzieht.

Die Aufführung ist nichts Halbes und nichts Ganzes – so wie auch die Wiedereröffnung nur eine halbe ist. Für den letzten Schliff wird das Haus erneut zwei Monate geschlossen. Die weitere Saison ist dann wenig experimentierfreudig: Wagner, Strauss und Verdi – fast alle Premieren gelten Repertoirewerken.

Die Spielzeit wird mit einem Konzert zum 275. Geburtstag der Staatsoper Unter den Linden am 7. Dezember fortgesetzt. Das anschließende Premierenwochenende bietet Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ (8. Dezember) und Claudio Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“ (9. Dezember). Der Vorverkauf für die Spielzeit beginnt am 7. Oktober.

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