Faust Stuttgart

Mephisto à Paris

Foto: Thomas Aurin

Frank Castorf entdeckt in Stuttgart die sinnlichen Abgründe in Gounods „Faust“, auch gesungen und musiziert wird großartig
Von Klaus Kalchschmid
(Stuttgart, 30. Oktober 2016) Als kleiner Junge besaß man diese wunderschönen Kaleidoskope, deren farbig schillernde Muster sich immer wieder verwandelten, wenn man sie beim Hineinschauen drehte. Nicht so symmetrisch und perfekt ebenmäßig, dafür aber herrlich vieldeutig, welthaltig und assoziationsreich funktioniert immer wieder die Drehbühne von Alexander Denić für eine Inszenierung von Frank Castorf. Und weil Charles Gounods „Faust“ 1859 in Paris uraufgeführt wurde und von einer freien französischen Bearbeitung des Goethe-Dramas inspiriert ist, die auch durchlässig ist für das Boulevard-Theater der Zeit, repräsentiert die mehrstöckige „Raumskulptur“ auf der Bühne der Stuttgarter Staatsoper „tout Paris“: ein Haus Mansarde, darüber Kamine und Antennen, ein Bistro mit dem schönen Namen CAFÉ OR NOIR, eine Tierhandlung mit Terrarium, der Eingang zur U-Bahn „Stalingrad“, eine geheimnisvolle Tür mit der Ziffer 13, Straßenlaternen, eine alte Telefon-Zelle. Und natürlich ist da, alles überragend, auch befremdlicherweise nur ein Turm von „Notre Dame“ zu sehen samt seinen charakteristischen Wasserspeiern mit Teufelsmaske; dazu Straßenschilder und diverse andere Texte an Glaswänden und Werbetafeln; eine vage an den Coca-Cola-Schriftzug erinnernde Leuchtreklame sieht aus, als hätte sie Mephisto höchst persönlich zur Feuerschrift verbogen.  
Je länger man in drei Stunden reine Spielzeit auf dieses Vexierspiel schaut und dazu Gounods so gar nicht einheitliche Musik hört, die mal wie Operette in den martialischen Männerchören (herrlich draufgängerisch viril: die Männer der Stuttgarter Staatsoper) oder exzessive Walzer klingt, dann ganz französische Noblesse besitzt oder schon Massenet’sche Üppigkeit – wie zu Beginn des vierten Akts in der Szene der verzweifelten, von Faust verlassenen hochschwangeren Marguerite; je länger man also die Bilder, auch in Form von vielfältigen (meist Live-)Videos, Musik und Szene immer wieder neu im Kopf montiert, desto reicher erscheint Castorfs Deutung der Tragödie bis hin zum Moment, als Marguerite nach einem vermeintlichen Todeskuss Mephistos zu Boden fällt, aber während der Schlussapotheose aufsteht, sich ein letztes Mal – und jetzt allein – an den Bistrotisch setzt, ins Sektglas eine Überdosis Schlaftabletten schüttet und versonnen ins Glas schaut.
Wieder sehen wir dieses Geschehen sowohl auf der Bühne wie als Großaufnahme auf der Leinwand. Diese Videos (Kamera und Bildgestaltung: Tobias Dusche, Daniel Keller) sind ein Markenzeichen Castorfs und sie sind eine echte Bereicherung: Mal schaut man dabei hinter die Fenster der Mansarde, mal von drinnen aus dem Bistro heraus auf eine Straßenszene im nächtlichen Paris von heute. Mal konterkariert Castorf das Liebesduett zwischen Faust und Marguerite mit einer rasend komischen 60er-Jahre Werbung für eine Bürste zum Autowaschen (und gestattet dann doch den beiden das Ende ohne Verfremdung), mal laufen kurze Ausschnitte aus Spielfilmen, die das Geschehen auf der Bühne kommentieren, mal wird mit den Sängern eine Szene im Wald nachgedreht. Immer wieder taucht auf diesen (Film-)Bildern eine echte Natter auf, die als Verkörperung des Teufels nicht nur Marthe Schwertlein und Marguerite umzüngelt.
Dieser Teufel ist in Gestalt des jungen, gerade mal 33 Jahre alten Bassisten Adam Palka eine Wucht: sexy (nicht nur wenn er, mit allerlei Amuletten auf der nackten Brust behängt, Marguerite in der Kirche bedrängt), fies in jedem Zucken der Mundwinkel, seiner sinnlichen Lippen und üppigen Augenbrauen, dabei aber immer mit soviel bassgewaltiger Wucht, dass sie aus dem eigentlich fast schmächtigen Körper hervorbricht wie eine Urgewalt. Ihm zur Seite als Faust hat sich Atalla Ayan für sein Rollendebüt – wie alle anderen Sänger auch – das französische Idiom seiner Partie perfekt angeeignet, verkörpert aber auch den am Leben Verzweifelten, den Liebhaber, Zweifler und Zauderer im Wechsel großartig. Gezim Myshketa als Valentin und Bruder Marguerites – auch er ein Prachtkerl von Mannsbild in Stimme, Erscheinung und Spiel – gönnt Castorf einen ergreifend realistischen Tod: von seiner Schwester mit blutüberströmten Händen nur durch die Tür der Telefonzelle und doch durch Welten getrennt, weil er sie auf übelste Art beschimpft und verflucht.   
Mandy Friedrich ist diese Marguerite: Anfangs noch etwas zögerlich und in der Stimme nicht ganz fokussiert, steigert sie sich immens und singt immer ausdrucksvoller, runder und erfüllter mit einem gehaltvollen und doch beweglichen Sopran. Keineswegs ein schüchternes Hascherl, ist sie elegant und schmuckbehangen schon bevor Faust ihr entsprechende Geschenke macht. Doch mit Kopf umhüllendem Diadem, Halskette und rotem Glitzerkleid – das sich dann freilich Marthe Schwertlein greift (Iris Vermillion mit der Klasse einer Klytemnästra oder Herodias) – ist sie den Paradies-Vögeln ebenbürtig, die Castorf so liebt und sie auch hier als Revue-Girls leicht bekleidet und in High Heels über die Bühne tänzeln lässt (vom exzellenten Damenchor der Staatsoper mit viel Lust umgesetzt).
Der junge in Marguerite verliebte Siebel ist hier keine Hosenrolle, sondern eine auch optisch junge Frau (Josy Santos) mit schwarzen Wuschelhaaren, der Wagner (sehr präsent trotz kleiner Partie: Michael Nagl) am Anfang die blutverschmierten Füße im heißen Wasser wäscht und sich dann an der Lauge aufgeilt, ebenso wie Marthe Schwertlein ihr unverhohlen erotische Avancen macht.
Zusammengehalten, aber auch zugespitzt, wird dieses nach allen Seiten offene und sich verzweigende Geschehen – mehrfache Rezitation zur Musik von Texten Baudelaires und Rimbauds sowie über de Gaulle eingeschlossen – von Marc Soustrout mit dem bestens präparierten Staatsorchester Stuttgart. Immer hart auf der Kante zu allzu viel Schärfe, verströmten die Musiker doch auch Leichtigkeit und Charme, immer wieder konterkariert von nicht selten gepfefferten  Einschlägen.  



Münchner Philharmoniker


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