Falstaff Scala

Küsse im Altersheim

Ambrogio Maestri als Falstaff Foto: Teatro alla Scala

Zubin Mehta dirigiert den Salzburger „Falstaff“ an der Mailänder Scala
Von Georg Rudiger
(Mailand, 21.Februar 2017) Es ist die dritte Saison von Alexander Pereira als Intendant der Mailänder Scala. Neben guten wirtschaftlichen Zahlen – ein Drittel des 125-Millionen-Euro-Budgets wird von Sponsoren finanziert – kann der Österreicher mit Riccardo Chailly als Generalmusikdirektor einen der derzeit wichtigsten Dirigenten präsentieren. Im Jahr 2015 konnte Pereira zur Mailänder Expo mit vielen Extra-Veranstaltungen wie einem Orchesterfestival auch künstlerische Akzente setzen. Die aktuelle Saison, die am 7. Dezember 2016 mit einer von Chailly dirigierten „Madame Butterfly“ eröffnet wurde (siehe Kritik auf KlassikInfo.de), ist eine Mischung aus beliebten Opern und wenigen Raritäten. Häufig greift der Intendant dabei auf alte Produktionen zurück, insbesondere aus Zürich oder Salzburg, seinen vorhergehenden Wirkungsstätten.
Auch Giuseppe Verdis „Falstaff“ kam 2013 bei den Salzburger Festspielen heraus und wurde nun an der Scala zweitverwertet. Auch bei der Dernière ist das Haus voll belegt. Wie in Salzburg steht auch hier Zubin Mehta am Dirigentenpult. Mit Ambrogio Maestri als Falstaff und Massimo Cavalletti als Ford sind zwei wichtige Partien gleich besetzt. Die Inszenierung von Damiano Michieletto passt gut zu Mailand, weil sie der Regisseur in der „Casa Verdi“, dem von Giuseppe Verdi geschenkten Altenheim für mittellose Musiker an der belebten Piazza Michelangelo Buonarroti im Mailänder Bezirk De Angeli spielen lässt. Der Abend beginnt mit einem Video, das den repräsentativen Backsteinbau im aktuellen Großstadtverkehr zeigt. Allmählich wird hinter der Leinwand der Aufenthaltsraum des Hauses sichtbar (Bühne: Paolo Fantin, Kostüme: Carla Teti). Ein Pianist spielt am Flügel einige Verdi-Hits. Die Hausbewohner haben es sich bequem gemacht. Auf der Couch liegt Ambrogio Maestri und schläft, bis er von einigen Gestalten, die durch das Fenster einsteigen, geweckt wird. Mit dem Aufschrecken des Sängers startet die Oper. Die Melodiefetzen des Beginns, die das Orchestra del Teatro alla Scala unter Zubin Mehta schön kurzatmig spielt, holen ihn in die Wirklichkeit.
Falstaff ist nicht Falstaff, sondern ein alt gewordener Opernsänger, der einmal diese Rolle gespielt hat und nun in der Casa Verdi in seinen Erinnerungen schwelgt; das Falstaff-Kostüm trägt er nur zum Schlussapplaus. Das ist die geniale Grundidee von Damiano Michielettos kluger wie leichter, tiefsinniger wie musikalischer Deutung von Giuseppe Verdis letzter Oper. Er ergänzt die Komödie mit Melancholie und Tragik, die man durchaus im „Falstaff“ entdecken kann. Wenn im dritten Akt im königlichen Park von Windsor, der in Mailand ein Wald von Topfpalmen ist, Nannetta (glockenhell: Giulia Semenzato) und Fenton (etwas knödelnd: Francesco Demuro) ihre junge Liebe besingen, kommen auch in einer berührenden Szene die im Altersheim lebenden Paare zusammen.
Ambrogio Maestri wirkt in der oft gesungenen Partie keineswegs müde, obwohl er inszenierungsbedingt ständig auf dem Sofa einschläft. Mit seinem voluminösen, aber immer beweglichen Bariton verkörpert er die ganze Bandbreite zwischen lüsternem Greis, selbstbewusstem Clown und depressivem Einzelgänger. Im homogen besetzten Ensemble setzen Annalisa Stroppa als selbstbewusste, immer elegante Mrs. Meg Page und Yvonne Naef besondere Akzente, die mit ihrer voluminösen Tiefe Mrs. Quickly das nötige Fundament gibt. Carmen Giannattasio ist eine kristallklare Mrs. Alice Ford, Massimo Cavalletti gibt den immer sonoren Gatten. Obwohl es einige Male klappert zwischen Bühne und Orchestergraben, gelingt Zubin Metha eine bewegliche, differenzierte Lesart von Verdis kleinteiliger Partitur, die keine echten Arien kennt und die Solisten über weite Strecken im Ensemble führt. Das Blech des Scala-Orchesters klingt herrlich farbig nach italienischer Banda. Die Holzbläser haben nicht ganz das gleiche Niveau. Dafür entwickeln die Streicher Kantabilität und Eleganz. Nach verhaltenem Pausenapplaus herrscht am Ende großer Jubel in der Mailänder Scala. Und Zubin Mehta bedankt sich bei jedem Sänger und jeder Sängerin persönlich mit Handschlag, Umarmung oder Kuss.  
Gespannt sein darf man in der weiteren Saison auf einige Neuproduktionen wie die selten gespielte Rossini-Oper „La gazza ladra“ (Riccardo Chailly/Gabriele Salvatores, 12.4.-7.5.), Händels „Tamerlano“ auf alten Instrumenten (Diego Fasolis/Davide Livermore, 12.9.-4.10.) und einen von Matthias Hartmann inszenierten, von Myung-Whun Chung dirigierten „Freischütz“ (10.10.-2.11.). Mit der Uraufführung von Salvatore Sciarrinos neuer Oper „Ti vedo, ti sento, mi perdo“ (14.-16.11.) beschließt Pereira die gediegen-konservative Spielzeit  mit einem Ausrufezeichen.
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