Evgen Kissin

Seinserfahrung

Foto: Sony BMG Music

Evgeny Kissin mit Prokofjew und Chopin bei den Salzburger Festspielen
(Salzburg, 4. August 2009) Sicher war es ein Virtuosenprogramm, das Evgeny Kissin dem Publikum der Salzburger Festspiele bot, Prokofjew und Chopin, und nur das Schwerste. Aber natürlich ist dieser phänomenale Pianist längst über reines Virtuosengeklingel hinaus. So wurde die achte Klaviersonate von Prokofjew, entstanden 1944 unter Kissins Händen zu einem bebenden Ausdruck existenzieller "Geworfenheit". Die Sonate entstand 1944, also kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Nachbarschaft zur fünften Symphonie.
Das Dolce-Thema des Beginns klang schwer und streng, nichts Süßliches war hier zu vernehmen, der anschließende Allegro-Teil steckte voll Ingrimm und Abgründigkeit. Diesen Eindruck steigerte Kissin noch im Schlusssatz zu einem wahren Hexentanz grotesker Seinserfahrung.
Man merkte in jeder Note den Willen des Interpreten, dieses Werk mit Ausdruck zu durchglühen.
Plastisch, perkussiv, ja reliefartig klangen schon die Drei Stücke aus Romeo und Julia – Bearbeitungen der Ballettmusik, die das Konzert im Großen Festspielhaus eröffneten.
Nach der Pause dann ein reines Chopin-Programm mit der Polonaise-Fantasie As-Dur, drei Mazurken und acht Etüden.
Abgesehen von den Etüden schien hier Kissins harter Zugriff dem Lyrismus der Stücke doch ein wenig von seiner Wirksamkeit zu nehmen. Vor allem in den Mazurken (cis-Moll, As-Dur, a-Moll) klangen zu wenig "Zwischentöne" und "Seelentöne" mit, um den narrativen Ausdruckskosmos dieser fantastischen Werke erblühen zu lassen. Die rechte Hand dominierte fast durchgängig das Geschehen.
Umso beeindruckender gelangen die Etüden (aus op. 10 und op. 25) in einer Mischung aus schier unglaublicher technischer Rafffinesse und einer auf scharfe Kontraste ausgerichteten thematischen Prägnanz.
Hier schien Kissin – wie bei Prokofjew – ganz bei sich zu sein.
Nach der zweiten Zugabe mit "Suggestion Diabolique", op. 4 No. 4, von Prokofiew, bei der Kissin den Flügel beinahe zerlegte, gab es Standing ovations im ausverkauften Saal.
Robert Jungwirth

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