European Jazztival Schloss Elmau

Die Unverwechselbarkeit des Augenblicks

Antonello Salis Foto: Roberto Cifarelli

Das 8. European Jazztival 2007 auf Schloss Elmau

Nach dem spektakulären Brand vor zwei Jahren ist das Kulturschloss-Hotel Elmau in diesem Sommer wiedereröffnet worden. Das European Jazztival ist das erste große Festival seit der Wiedereröffnung.
(Elmau, Ende Oktober 2007) Eigentlich bezeichne er sich nur aus Solidarität als Jazzmusiker, gesteht der holländische Cellist Ernst Reijseger im Gespräch nach seinem Solokonzert beim European Jazztival auf Schloss Elmau. Denn gerade junge Jazz-Musiker hätten es sehr schwer an Engagements zu kommen. Die Veranstalter von sogenannter E-Musik gingen sofort auf Distanz, selbst wenn sie klassisch ausgebildet seien. Das sei ein Dilemma. Für Reijseger seien Klassifizierungen wie Jazz oder Neue Musik ohnehin belanglos. Er spielt mit seinem Cello ebenso in Donaueschingen wie auf Jazzfestivals oder er macht – wie auf seiner neuesten CD „Do you still“ zu hören – Musik für Filme.  

Ernst Reijseger Foto: Moers Festival

Reijsegers Konzert in Elmau war mehr als ein Konzert, es war eine Performance, eine Art Gesamtkunstwerk. In einer Mischung aus Dadaismus und John Cage entlockt der Cellist seinem Instrument Klänge, die man darin niemals vermutet hätte und er bezieht bei seiner Performance nicht nur das Publikum mit ein, sondern auch umherstehende Zimmerpflanzen. Vor allem die Übergänge vom Geräusch zum Ton und umgekehrt, das Variieren eines Klangs durch unterschiedlichste Stricharten interessieren ihn. Dabei gelingt es Reijseger beständig zwischen Witz und Tiefgründigkeit zu changieren und sein Publikum auf faszinierende und intelligente Weise zu verunsichern.
Vermutlich ist die Offenheit gegenüber verschiedensten musikalischen Strömungen ein Hauptcharakteristikum des europäischen Jazz, falls es ihn denn in dieser Klassifizierung überhaupt gibt. Zumindest scheinen die Spielarten in good old Europe vielfältiger zu sein als im Land seiner Erfinder, den USA, wo die Möglichkeiten doch nicht ganz so grenzenlos scheinen.
Demzufolge geht es auch völlig in Ordnung den jungen österreichischen Perkussionsshooting-Star Martin Grubinger zum Jazztival einzuladen. Auch wenn der außer einer Improvisation nur notierte Stücke spielte, etwa die Rebonds von Iannis Xenakis. Ein atemberaubendes Talent, dessen spieltechnisches Niveau derzeit von wohl kaum einem anderen Kollegen übertroffen wird (wieder zu erleben am 18. November im Münchner Prinzregententheater).

Martin Grubinger

Zu Beginn des Elmauer Festivals, das noch bis zum 4. November andauert, gab es für den wegen eines Streiks in Paris hängen gebliebenen französischen Trompeter Erik Truffaz und seines Ensembles einen viel versprechenden Auftritt des Quartetts um den jungen Münchner Saxophonisten Till Martin (mit Geoff Goodman, Gitarre, Andreas Kurz, Baß und Bastian Jütte, Schlagzeug): feinsinnig ausbalancierter, melodiöser und ideenreicher Kammerjazz auf hohem instrumentalen und musikalischen Niveau. Weniger überzeugend geriet der Versuch, Musik des Gitarristen John McLaughlin für Streichquartett zu arrangieren. Dem Wiener Radio.String.Quartet gelang es nicht wirklich, den Vorlagen etwas Substanzielles hinzuzufügen.Bei dem jungen aus Russland stammenden Pianisten Wanja Belaga vermochte man die „Referenzen“ Chopin und Liszt zwar problemlos zu erlauschen, blieb aber beim Versuch aus dem rauschhaften Virtuosenflirren etwas wie eine Melodie oder ein Thema herauszuhören aber eher erfolglos.
Ein Höhepunkt der ersten Tage dagegen war das italienische Klavierduo Stefano Bollani und Antonello Salis, zwei Erzmusikanten, die sich ohne Absprache und ohne sich anzusehen an die Flügel setzen und einfach mal hören, was sich entwickelt. Am Ende war es Lady Madonna von den Beatles in einer hinreißenden Version, die vermutlich keiner von beiden jemals wieder so spielen könnte, weil es diesen Moment so nicht wieder geben wird. Bei solchen Konzerten wird jedem Zuhörer klar, worin die Kraft und der Zauber des Jazz oder der improvisierten Musik liegen kann: in der Unverwechselbarkeit des Augenblicks.
Robert Jungwirth
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