Eschenbach und Kremer beim Berliner Konzerthausorchester

Musik vom Rande des Abgrunds

Gidon Kremer und Christoph Eschenbach mit Werken von Kissine, Weinberg und Schostakowitsch beim Konzerthausorchester Berlin

Von Bernd Feuchtner

(Berlin, 25. Oktober 2019) In diesem Oktober veranstaltet das Konzerthaus Berlin eine zehntägige Hommage Gidon Kremer. Kremer ist nicht nur ein großartiger Geiger, sondern hat auch zahllose Musiker und Komponisten gefördert – in der Sowjetunion, in Lockenhaus, mit seinem Orchester Kremerata Baltica. Das Programm dieses kleinen Festivals durfte er selbst kuratieren, und es versteht sich von selbst, dass dabei auch ein Kompositionsauftrag an einen von ihm geschätzten Komponisten erteilt wurde. Für das Konzerthausorchester und die Kremerata Baltica zusammen schrieb der 1953 im damaligen Leningrad geborene Kremer-Freund Victor Kissine ein Orchesterwerk mit dem Titel „Another question“, das damit deutlich an die „Unanswered Question“ von Charles Ives anknüpft.

Auch Kissines Stück ist statisch. Es beginnt mit Einzelklängen im Raum, unter denen sich ein Streicherteppich bemerkbar macht. Kremer hat mit seinem Ensemble auf der Rückseite des Saals Aufstellung genommen und liefert ein Echo dieser liegenden Akkorde. Sanft flutet dieses Spiel hin und her. Es ist vor allem das Orchester auf der Hauptbühne, das unter der Leitung seines neuen Chefdirigenten Christoph Eschenbach dann doch nicht an sich halten kann und zusammenhängende Figuren entwirft – mal scheint eine Welle aus Debussys „La mer“ auf, mal jauchzt eine Ravel-Figur, mal gerät Skrjabin außer Fassung. Und das Konzerthausorchester geizt nicht mit Wohlklang. Indem es aus einem Meer des Zweifels schöne Momente historischen Orchesterklangs befreit, könnte das Stück auch „Stolen moments“ heißen. Am Ende versinkt es wieder ins Schweigen, Kremer schreitet langsam durch den Mittelgang nach vorne und lässt das ihm gewidmete Stück mit einem leisen Flageolett verklingen.

Auch für Mieczysław Weinbergs Musik hat Kremer sich immer wieder eingesetzt. In Berlin führte er nun Weinbergs Violinkonzert von 1959 auf – bei der Uraufführung hatten 1961 Leonid Kogan und die Moskauer Philharmonie unter Gennadi Roshdestwenski gespielt. Mit Verve stürzt Kremer sich in die Motorik des Kopfsatzes und mit emsiger Energie donnert das Orchester seine Passagen dazwischen – bis auf eine kleine Episode, die unvermutet zarte Klänge aufblühen lässt – ganz wunderbar dabei die Soloflötistin des Konzerthausorchesters. Die Fingersätze sind für den Solisten sicherlich vertrackt, aber dies ist kein Virtuosenkonzert, sondern eine Musikantengeschichte.

Dass es ein jüdischer Musikant ist, zeigt sich im zweiten Satz, einem melancholischen Walzer. Weinberg war ja die Flucht in die Sowjetunion gelungen, während seine polnisch-jüdische Theaterfamilie von den Nazis umgebracht wurde, und dieses Überleben als Musikant war dadurch seiner Musik für immer eingeschrieben. Gidon Kremer spielt das Konzert denn auch nicht als Virtuose, sondern eher als der alte Hexenmeister, der seine tiefen Geheimnisse ausplaudert. Das Konzerthausorchester hört ihm zu und antwortet mit intensivem und farbenreichem Klang, ohne den Solisten aus der Hoffnungslosigkeit erlösen zu können. Aus einem Largo-Abschnitt leitet der Solist mit einer kleinen Kadenz über zum Adagio, einem innigen Wiegenlied, an dessen Ende die Musik zu einem befriedeten Stillstand kommt.

Mit Pionier-Fröhlichkeit im 12/8-Takt, einem frischen Marsch des munteren Orchesters platzt das Finale in die Ruhe hinein. Jetzt hat Kremer genug Virtuosenfutter, um seine immer noch stupenden Künste zu demonstrieren. Doch die Fröhlichkeit schlägt allmählich um ins Gespenstische und kräftige Paukenschläge bringen den ganzen Komplex zum Einsturz – allein dem Solopauker zuzusehen, wie sinnreich er seine Schläge setzt, wie elegant er seine Akzente gestaltet, war schon reine Musik. Das Konzerthausorchester unter Eschenbach ist Gidon Kremer ein ebenbürtiger Partner, der den wehmütigen, leisen Abschied des ins Nichts verklingenden Liedes des Musikanten zu einem tiefen Erlebnis macht. Als Zugabe spielte Kremer eine eigene Bearbeitung eines Cellopräludiums von Weinberg, eine fröhliche, selbstversunkene Meditation. Großer, herzlicher Applaus.

Nach der Pause Schostakowitschs Fünfte Sinfonie von 1937, die Christoph Eschenbach im Rahmen des Gesamtzyklus der Sinfonien innerhalb von drei Spielzeiten präsentierte. Seine Interpretation verzichtete vollständig auf Äußerlichkeiten, auf den gehobenen Zeigefinger oder irgendwelche Dirigentenmätzchen. Und das Konzerthausorchester liefert ihm seinen vollen, warmen, elektrisierten Klang. So zeigt sich, dass Schostakowitschs Musik nicht wegen seines in Romanen ausgeschlachteten Lebensschicksals und dem Druck des stalinistischen Terrors in den Konzertsälen der Welt so beliebt ist, sondern einfach, weil sie so gute Musik ist. Bei Schostakowitsch ist es auch immer aufschlussreich, den Musikern zuzusehen. Die Holzbläsersolisten des Konzerthausorchesters (des früheren Sanderling-BSO) glänzen mit blühendem Ausdruck, das Duett von Fagott und Kontrafagott hat grimmigen Humor, der Solotrompeter wahrt auch im Getümmel den Schönklang. Und wie eine einfache Aufwärtsfigur der Hörner durch Mark und Bein gehen kann, zeigten uns die vier Hornisten. Ein grandioser Abend, dessen Schlussakkorde ein grausames Fragezeichen setzten, und für den das Publikum mit langem Beifall dankte.

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