Esa-Pekka Salonen und die BR-Symphoniker

Faszinierend düster

Esa-Pekka Salonen und die BR-Symphoniker begeistern mit einem komplett finnischen Programm

Von Klaus Kalchschmid

(München, 5. Oktober 2017) Schon für dieses exquisite, rein finnische Programm müsste man den Dirigenten und Komponisten Esa-Pekka Salonen überschwänglich loben. Denn neben den letzten beiden Symphonien von Jean Sibelius gab es in der Philharmonie zu Beginn Kaija Saariahos „Lumière et Pesanteur“ und als aufregendes Werk im Zentrum Salonens Violinkonzert mit dem großartigen Anton Barakhovsky – Sologeiger des Orchesters – als Solisten. Mit seinen Händen und Armen aber hatte Salonen den ganzen Abend ohne Taktstock die Musiker des BR-Symphonieorchesters zu leuchtendem Glanz animiert; hatte er Klänge, Phrasen, Verläufe wie ein unermüdlicher Schlangenbeschwörer modelliert oder Zäsuren gesetzt, angetrieben oder innehalten lassen.

In den vier Sätzen des Violinkonzerts wird eine Welt in Musik erschaffen, wie sie vielgestaltiger nicht sein könnte. In „Mirage – Luftspiegelung“ verfällt der Solist über düsteren Orchesterklängen oftmals in wilden, atemlosen Aktionismus, während „Puls I“ den Herzschlag imaginiert, den man spürt, wenn jemand neben einem schläft, zugleich aber fast auskomponierten Stillstand darstellt. „Puls II“ dagegen erzählt von lautem, bizarrem Leben in der Stadt, das, angeheizt von einem Drum Set, hektisch pulsiert, bevor mit „Adieu“ ein vielfacher Abschied zelebriert wird. Teils geschieht dies im Dialog der wehmütigen Geige mit anderen Soloinstrumenten oder Gruppen: allen voran das Englischhorn, gefolgt von Bratsche, Cello, aber auch Klarinette oder Flöte. Immer aber herrscht die Atmosphäre sinnlicher Nachtluft. Und der letzte Akkord, der sogar den Komponisten selbst verblüffte, nachdem er ihn niedergeschrieben hatte, ist von einer derart berückenden, geheimnisvoll rätselhaften Schönheit, dass er Herz und Sinne öffnet.

Danach möchte man eigentlich beseelt nach Hause gehen, aber mit der siebten und letzten Symphonie von Sibelius setzt Salonen fort, was er mit der Sechsten vor der Pause beredt begonnen hatte. Was dort in vier Sätzen entfaltet wird – faszinierende klangliche Steigerungen, melodische Formen, wie sie fremdartiger und zugleich unmittelbarer schwer denkbar sind – wird nun komprimiert, übereinandergelagert, dann wieder voneinander gelöst und neu beleuchtet, bevor nach wenig mehr als 20 Minuten das Ganze fast ohne Vorwarnung vorbei ist; freilich ohne einen so schillernd leuchtend in der Luft hängenden magischen Akkord wie zuvor am Ende von Salonens.

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