Eröffnung Elbphilharmonie

Ein Saal wie ein Instrument

Foto: Michael Zapf

Die Hamburger und viele Gäste feiern mit zwei Konzerten begeistert die Einweihung der Elbphilharmonie – Eindrücke vom zweiten Konzert
Von Robert Jungwirth
(Hamburg, 12. Januar 2016) "Vollendet ist das große Werk, der Schöpfer sieht’s und freuet sich." So singt der Chor in Joseph Haydns "Schöpfung", die bei der Eröffnung der Elbphilharmonie natürlich nicht zu hören war. So anmaßend wollte man trotz aller Begeisterung für das wahrlich große Werk dann doch nicht sein, sich mit dem Schöpfer zu vergleichen. Ganz im Gegenteil: Nicht Pauken und Trompeten erklangen als erstes beim Eröffnungskonzert, sondern eine einsame Oboe (Kalev Kuljus), die Benjamin Brittens sehnsüchtige "Pan"-Kantilenen von einem der Ränge aus durch den Saal schickte. Das war wahrhaft hamburgisches Understatement. Die richtige Jubelekstase gab es erst ganz zum Schluss mit dem Finale aus Beethovens Neunter und dem phänomenalen BR-Chor in trauter musikalischer Zweisamkeit mit dem NDR-Chor und den hervorragenden Solisten Hanna-Elisabeth Müller, Wiebke Lehmkuhl, Pavol Breslik und Bryn Terfel.
Wenngleich man es fast schon als Ausdruck von Ekstase deuten kann, dass Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz auch beim zweiten Eröffnungskonzert am 12. Januar eine Eröffnungsrede hielt, ebenso wie Intendant Christoph Lieben-Seutter. Die Erleichterung der beiden Herren nach so vielen Jahren des Baus und der Verzögerungen und natürlich vor allem der Verteuerungen nun endlich diesen Saal seiner Bestimmung gemäß nutzen zu können, sie war auch bei der zweiten Eröffnungsfeier deutlich zu spüren. Lieben-Seutter meinte gar, dass er es noch immer nicht wirklich glauben könne, dass das Haus nun jeden Tag bespielbar ist. Schön auch, dass der Bürgermeister in seiner Rede mehrfach darauf hinwies, dass dieser mit viel Steuergeld bezahlte Saal seine Bestimmung darin finden sollte, möglichst vielen Menschen unterschiedlicher Schichten den Zugang zur Musik zu bieten oder auch erst zu eröffnen. Dass die vielen verbauten Millionen nicht nur einer kleinen Minderheit zu Gute kommen dürfen, dessen sind sich in Hamburg alle Verantwortlichen glücklicherweise sehr bewusst.
Des großen Staunens, der hundertfachen Ohs und Ahs, war beim Publikum kein Ende, als es die lange Rolltreppe auf die Plaza fuhr – dem Zwischendeck gewissermaßen auf dem Schiff der Töne – und von dort die Treppen weiter durch die verwinkelten, aber doch großzügigen Foyers nach oben zu den Rängen beschritt. Welch eine geschmackvolle Architektur, welch faszinierende Ausblicke auf Stadt und Hafen! Und innen im Saal, welch eleganter Schwung, welch Helligkeit, Leichtigkeit. Wie ein edles Musikinstrument wirkt dieser Raum. Und so sollte er ja auch klingen. Allerdings dauerte es eine Weile bis man beim Konzert seine akustischen Qualitäten wirklich bewerten konnte. Denn das Programm, das der Chefdirigent der NDR Elbphilharmoniker unter der aus Wagners "Parsifal" entlehnten Motto "Zum Raum wird hier die Zeit" kreiert hat, setzt unkonventionell Neutönerisches von Henri Dutillieux und Bernd Alois Zimmermann neben Feingesponnenes aus der Alten Musik – in jedem Fall alles andere als Repertoirewerke, aus denen sich in etwa 85% aller Orchesterkonzerte hierzulande zusammensetzen. Kein Mozart, Haydn, Brahms oder Bruckner, dafür ein Satz aus Olivier Messiaens klangsinnlich überbordender Turangalila-Symphonie und eine Uraufführung von Wolfgang Rihm.
Und alles floss ineinander, Hengelbrock ließ keine Pausen für Applaus, sondern fügte attacca alt auf neu, Harfe auf Riesenorchester, perkussive Exzesse wie in Rolf Liebermanns "Furioso" auf Vokalpolyphonie der Renaissance mit dem Ensemble Praetorius. Die Alte-Musik-Vertreter – unter ihnen der fantastische Sopranist Philippe Jaroussky – ließ Hengelbrock von den Rängen aus singen und spielen, was eine Beurteilung der Akustik ebenfalls erschwerte. Schließlich wurde der Saal mit viel Aufwand für eine optimale Klangwirkung von der Bühne aus konzipiert. Immerhin war festzustellen, dass Jarousskys Soprangirlanden in Arien von Cavalieri und Caccini auch vom Rang aus berückend durch den Raum segelten, das Farbenspektrum bei Messiaen brillant und klar war und Rihms düsterer Expressionismus mit dem phänomenalen Tenor Pavol Breslik als Gesangssolisten trennscharf und plastisch klang. Fragen kann man sich natürlich, ob die Weltabschiedsgedanken, die Rihm in diesem dem Hamburger Schriftsteller Hans Henny Jahnn gewidmeten Werk mit dem gespreizten Titel "Reminiszenz – Triptychon und Spruch in Memoriam Hans Henny Jahnn" musikalisiert hat, dem Anlass einer feierlichen Konzerthauseröffnung gerecht wird. Rihm hatte den Auftrag für dieses Werk ja explizit für die Eröffnung der Elbphilharmonie bekommen. Aber natürlich will sich der gedankenschwere Musikphilosoph nicht als Jubelkomponist andienen, also sprach er im Programmheft.
Da war Beethovens unmittelbar danach folgende Neunte mit dem Beginn "Oh Freunde, nicht diese Töne! Sondern lasst uns angenehmere anstimmen und freudenvollere!" doch ein schöner ironischer Kommentar – und schließlich auch der musikalische Schlusspunkt dieses eigenwilligen Konzertprogramms. (Eine Referenz an Hamburger oder in Hamburg wirkende Musiker wie Keiser, Telemann, Brahms und Mahler wäre auch eine schöne Idee gewesen statt der insgesamt doch etwas anstrengenden 11-teiligen Tour de Force durch die Musikgeschichte mit Schwerpunkt 20. Jahrhundert.)
Das "Parsifal"-Vorspiel, das vor Beethoven noch zu hören war, ließ leider kaum etwas von der für das Konzert titelgebenden Klangmystik aufkommen. Viel zu laut nahm Hengelbrock den verhalten zu spielenden Beginn, lange Pausen zerrissen das Klangkontinuum. Das Zauberisch-Grandiose fehlte gänzlich.
Und die Akustik des Saals? Die ist klar und transparent, hell getönt wie die Optik des Raums. Wohl etwas höhenlastig, sehr direkt, auch nüchtern. Das mag zum Teil vielleicht am Orchester liegen, dessen Klang sicher nicht mit den berühmten Orchestern aus Berlin, Dresden oder München konkurrieren kann. Zum Teil auch am Dirigenten, der sich seine Meriten als Barockinterpret erwarb und eher wenig Interesse an einem satten, dunklen Klang hat. Aber die Elbphilharmoniker werden klanglich sicher noch in diesen Saal hineinwachsen, in dieses schöne und edle Instrument. Vom begeisterten Publikum gab es jedenfalls auch jetzt schon Standing Ovations – vermutlich aber doch in erster Linie für den Saal…
Arte zeigt das Eröffnungskonzert am 15. Januar ab 17.40 Uhr in Ausschnitten, davor um 16.50 Uhr die Dokumentation "Die Elbphilharmonie – Hamburgs neues Wahrzeichen". 3sat sendet das gesamte Eröffnungskonzert am 21. Januar um 20.15 Uhr.


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