Eröffnung der Ballettfestwoche in München

Begriff der Leere

Das Bayerische Staatsballett eröffnet seine Ballettfestwoche mit drei Stücken von Wayne McGregor

Von Christian Gohlke

(München, 14. April 2018) Die zweite Premiere dieser Saison widmete das Bayerische Staatsballett dem 1970 geborenen britischen Choreographen Wayne McGregor. Der Künstler hat in den letzten Jahren für die großen Ballett-Kompanien in Mailand, Stuttgart, New York, Paris und London gearbeitet, war aber auch als sogenannter Movement Director im Filmgeschäft zum Beispiel bei „Harry Potter“ oder „The Legend of Tarzan“ tätig. Nun hat McGregor in London auch sein eigenes Studio gegründet, in dem Tanz, bildende Kunst und Film miteinader in kreative Beziehung gesetzt werden sollen. Dass gerade er vom Chef des Bayerischen Staatsballetts, Igor Zelensky, mit einem Portrait geehrt wird, ist einigermaßen überraschend, liegt der Schwerpunkt der Münchner Compagnie in den letzten beiden Jahren doch eindeutig beim klassischen Tanz russischer Schule.

Der Abend, der die Münchner Ballett-Festwoche im Nationaltheater eröffnete, setzt sich aus drei jeweils ungefähr halbstündigen Choreographien zusammen. Das erste dieser Kurz-Ballette, Kairos betitelt, wurde 2014 in Zürich uraufgeführt. Max Richters Bearbeitung von Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, die McGregor dafür auswählte, greift immer wieder einzelne bekannte Melodien und Motive auf, verfremdet sie aber mit technischen Mitteln. Fünf Tänzerinnen und fünf Tänzer bewegen sich zu diesen vom Bayerischen Staatsorchester unter der Leitung von Koen Kessels zwar live gespielten, aber technisch verstärkten und darum fremd und artifiziell wirkenden Klängen. Äußerst dezente Kostüme (Moritz Junge) und das klare, ansprechende Bühnendesign von Idris Khan (zart erkennbare Notenlinien zieren zunächst einen Gazevorhang am Bühnenportal und sind später im Hintergrund wiederzufinden) erlauben eine vollständige Konzentration auf die Schönheit des Tanzes. McGregors Choreographie greift dabei teils die Dynamik der Musik auf und übersetzt sie in Bewegung, zum Teil stellt sie sich mit scharfen, kantig wirkenden Gesten gegen sie. Wie Richter in seiner Komposition, so greift auch McGregor immer wieder Elemente der klassischen Formensprache auf, vermischt sie aber mit modernen Bewegungsabläufen. Jonah Cook und Laurette Summerscales überzeugten hier besonders mit Präzision und Grazie. Den Passagen, die vom ganzen oder halben Ensemble getanzt wurden, fehlte es mitunter an Dynamik, wie zum Beispiel der gegen ein graues Halbrund im Bühnenhintergrund getanzten Sequenz der fünf Tänzerinnen, die man sich entschiedener im Ausdruck gewünscht hätte.

Dennoch war dieses verhältnismäßig konventionelle kleine Stück überzeugender als die Uraufführung, die sich anschloss. Der Titel Sunyata bezeichnet ein buddhistisches Konzept, das vom Begriff der Leere ausgeht. An Fernöstliches erinnert denn auch das dekorative Bühnenbild von McGregor und Catherine Smith: Eine Art von Lackzeichnung mit orientalischen Mustern, in deren Mitte ein rot spiegelnder Kreis eingebracht ist, liegt gekiptt auf der Bühne. Der Kreis öffnet sich nach und nach und gibt schließlich den Blick auf den schwarzen Hintergrund frei. Auch die Kompositon „Circle Map“ von Kaijo Saariaho mutet diffus östlich an, bezieht sie sich doch auf persiche Lyrik, die (zum Teil in englischer Übersetzung) elektronisch verzerrt in die Musik einfließt. „Circle Map“ erweist sich nun aber gerade als Problem. Gleichförmig fließt die Kompostion in ihrer strukturlos wirkenden Flächigkeit dahin und versetzt den Hörer so in einen Dämmerzustand, der zwar zum Konzept der Leere passt, der Aufnahmefähigkeit aber nicht eben zuträglich ist. McGregors Choreographie ertrinkt gleichsam in diesem mystisch allzu wohlfeil wabernden Klangschwall, der aus dem Orchestergraben flutet. Kaum ein Bild prägt sich ein. Immerhin bleibt der Auftritt von Erik Murzagaliyev und Ksenia Ryzhkova, der Sunyata beschließt, als mit bravour getanzter Pas de deux in Erinnerung.

Borderlands ist schließlich der Titel der dritten Choreographie. Sie wurde 2013 in San Francisco uraufgeführt und jetzt zum ersten Mal in Deutschland gezeigt. Dass der Arbeit am Ballett eine „intensive Recherche-Phase in den Archiven der Josef Albers Foundation“ voranging, ist dem von Carmen Kovacs verantworteten Programmbuch zu entnehmen, der Aufführung selbst aber kaum anzumerken. Einzig ein Rechteck, das auf der bläulich grauen Bühne im Hintergrund zu sehen ist, erinnert vage an die Arbeiten Albers, die für ihre strenge geometrische Abstraktion und intensive Farbgebung in den 1950er Jahren berühmt wurden.

Grenzen zum Fließen zu bringen, sie zu verwischen und ineinander übergehen zu lassen, ist das Thema von Borderlands. Es zeigt sich im Lichtdesign von Lucy Carter, das sich immer wieder unmerklich ändert. Es wird gewissermaßen auch in der Musik von Joel Cadburry und Paul Stoney wahrnehmbar, die vom Tonband in einer solchen Lautstärke erklingt, dass die Grenze zwischen intensivem Klang und schmerzendem Lärm bisweilen überschritten wird. Das Thema spiegelt sich aber eben auch in der Bewegungssprache McGregors. Klare Konturen und scharf gezeichnete Gesten einerseits, fließende Übergänge zwischen Ensembleszenen und Pas de deux‘ oder solistischen Auftritten andererseits. Die temporeiche und auch der vielen Sprünge und Drehungen wegen kraftzehrende Choreographie wurde von den zwölf Tänzern des Staatsballetts mit großer Energie und technischer Meisterschaft realisiert. Mit katzenhafter Geschmeidigkeit glänzte hier besonders Osiel Guneo in einer solistischen Passage.

So ist das „Portrait Wayne McGregor“ zwar nicht durchweg überzeugend. Doch ein willkommener Farbtupfer im mitunter ein wenig sepiafarbenen Repertoire des Staatsballetts ist diese Neuproduktion auf alle Fälle.

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