Ernani Salzburg

Opernkritik: Ernani

Verdi auf dem Weg zu sich selbst

Foto: Salzburger Festspiele / Marco Borrelli

Verdis "Ernani" unter Riccardo Muti in Salzburg
Von Derek Weber

(Salzburg, 27. August 2015) Eine feine Räubergeschichte aus dem Sturm-und-Drang-Milieu hat Verdi mit seinem "Ernani" in Musik gesetzt. Es geht auf den ersten Blick um eine Liebesgeschichte. Erst beim zweiten Hinsehen stellt sich heraus, dass auch von falsch verstandener Oberschichten-Moral die Rede ist. Da will ein adeliger Verschwörer – Don Ruy Gomez de Silva – im Zuge einer Ehrengeschichte unbedingt ein Versprechen eingelöst sehen: Der durch den Mord an seinem Vater zum Räuber gewordene Ernani soll sich selbst morden. Natürlich vermischt sich das mit Liebessachen. Ein alter Herr (Silva) stellt Ansprüche auf eine junge Frau (Donna Elvira). Und als alles schon vorbei zu sein scheint, ertönt das Horn, das den in solche Intrigen verstrickten Ernani – er liebt Elvira auch – , daran erinnert, dass er versprochen hat, sich beim nämlichen Hornruf selbst zu meucheln. Und drumherum ist von einem König (Don Carlo) die Rede, der großspurig erklärt, er wolle werden wie einst Karl der Große und dazu müsse erst Verschwörer wie Ernani und Silva aus dem Weg räumen.
Ein bisschen verbogener Sturm und Drang ist das, ausgestattet mit guter Verdi-Musik, die sozusagen auf dem Weg zu sich selbst ist. Musik mit packenden Chören, die integraler Bestandteil der Handlung sind, nicht Steh-Partien, die den Gang des Geschehens zum Erliegen bringen, Chöre freilich, die bis heute hoch geschätzt werden, wie "Va pensiero" aus "Nabucco",  und ausgearbeiteten Sänger-Charakteren, die das Schablonenhafte zu transzendieren begonnen haben.
Bei Aufführungen auf der Bühne kann man oft seine blauen Räuberwunder erleben. Meist stehen sich die Sänger die Beine in den Bauch. Heute – mit den Übertiteln – tun sich die Zuseher zumindest leichter, die verworrene Handlung zu  verstehen und mit der Todessehnsucht des Titelhelden umzugehen: Der, der "außerhalb" steht – das weiß man von Schillers "Räubern", die ja Verdi auch vertont hat – leidet am Todestrieb. Drum gibt es für Ernani auch am Ende keinen anderen Ausweg als den eigenen Dolch. "Ich bin der Bandit Ernani. Ich hasse mich selbst und das Leben", singt der Titelheld, als er sich im 2. Akt zu erkennen gibt.
Die literarische Vorlage, ein zur Entstehungszeit heftig diskutiertes Drama von Victor Hugo, wurde von Verdi und Francesco Maria Piave, dem Regisseur/ Dramaturgen des venezianischen Uraufführungstheaters, des "La Fenice", gründlich bearbeitet. Verdi erhielt so das Textbuch, das er haben wollte. Und das erklärt wohl auch, warum er den Impuls erhielt, in seiner Musik einen großen Schritt vorwärts zu machen.
Kann man sich für eine solche Verdi-Oper einen idealeren Dirigenten vorstellen als Riccardo Muti? Wohl kaum, und vor allem nicht in einem so großen Rahmen wie dem Großen Festspielhaus, wo Chormassen und ein großes Orchester eingesetzt werden müssen. Manch anderem Dirigenten entglitte da die Stabführung. Muti hingegen ist in seinem Element, zaubert ein Pianissimo nach dem anderen hervor und lässt bei den lauten Stellen kein Zucken und Nachzittern zu. Und das Orchestra Giovanile Luigi Cherubini liest ihm ebenso jeden Wunsch von den Augen ab wie die groß besetzte Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor.
Freilich könnte man sich – in einem anderen Rahmen – auch eine viel kleinere Orchester- und Chorbesetzung vorstellen. Auch dafür wäre Muti der richtige Mann. Das hat er oft genug bewiesen. Aber wenn die Stimmen der Solisten über genug Kraft und Reserven verfügen, lässt sich´s gut auch über einen großen Orchesterteppich schreiten.
Bei seinem "Terrassen-Talk" hatte Muti in Salzburg auch über die Schwierigkeit gesprochen, die Titelfigur der Oper rollendeckend zu besetzen. Dieses Problem zu lösen ist ihm glänzend gelungen. Der Salzburger Ernani, Francesco Meli, steuert die akuten Höhen ohne forcierten metallischen Druck an und zeigt sich auch dem Pianissimo gewachsen. Auch die junge koreanische Sopranistin Vittoria Yeo meistert bei ihrem Rollendebüt die Schwierigkeiten der in der Tessitur weit ausgreifenden Partie der Elvira ohne Probleme. Die beiden anderen Protagonisten – Luca Salsi als Don Carlo und Ildar Abdrazakov als Silva – agierten auf anspruchsvollem Niveau, ohne freilich ganz an die Leistungen des Liebespaares heranzukommen. Dem Jubel tat das keinen Abbruch.
Muti, um den seit seinem Rückzug von der römischen Oper im Herbst des letzten Jahres bei den europäischen Opernintendanten ein rechtes „Griss“ herrscht, deutete in Salzburg an, dass er durchaus weiter an szenischen Opernaufführungen interessiert sei, allerdings nur in einem sehr selektiven Ausmaß. In italienischen Zeitungen war vor kurzem davon die Rede, dass er möglicherweise 2017 sogar in Salzburg "Aida" dirigieren könnte. Auf seine so unnachahmlich orakelhafte Art hat er dies rund um den "Ernani" zumindest nicht dementiert. Genauso wie seine Reaktion auf die Avancen aus der Mailänder Scala, wieder einmal eine Oper zu dirigieren  – "Ich habe mich noch nicht entschieden!" – ziemlich stark nach Absage klingt.
Wer einen eleganten und doch höchst dramatischen Verdi liebt, wird wohl nicht anders können, als sich Riccardo Muti am Pult welches Opernhauses auch immer vorzustellen.

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