Erkki-Sven Tüür

Komponiertes Interview

Erkki-Sven Tüür

Das Münchener Kammerorchester unter Alexander Liebreich mit Gesualdo, Tüür, Zimmermann und Hartmann
(München 6. Dezember 2007) Karl Amadeus Hartmanns Vierte scheint zwar – vor allem in der Besetzung nur mit Streichern – auf den ersten Blick weniger gewichtig zu sein als etwa seine letzten beiden Symphonien. Doch die in jedem Takt geradezu brennende Musik ist von überwältigender Ausdruckskraft und Vielschichtigkeit. Wohl nicht zuletzt geht dies auch darauf zurück, dass der Komponist 1946/47 bereits komponiertes Material, seine 1938 entstandene "Sinfonie für Streichorchester und Sopran" verarbeitete und mutmaßlich verdichtete. Auch wenn die Spuren der Vertontung von Konfuzius‘ "Epitaph auf einen Krieger" verwischt sind, wirkt und brodelt der Text ("Was bleibt vom Heldentum? Ein morscher Hügel, auf dem das Unkraut rot wie Feuer steht") untergründig weiter. Vor allem dann, wenn man die 34 Minuten dieser Musik so großartig und expressiv spielt wie das Münchener Kammerorchester unter Alexander Liebreich im Prinzregententheater. Präziser, plastischer im Detail und zupackender in der großen Emphase kann man das nicht spielen.
Arvo Pärts Epitaph auf einen Freund, den estnischen Präsidenten, Filmregisseur und Schriftsteller Lennart Meri (1929-2006) – von ihm selbst für sein Begräbnis in Auftrag gegeben – war eine schöne Einleitung zur Hartmann-Symphonie, ein siebenminütiger Klagegesang, der ohne Umwege zu Herzen ging. Leider kann man das von der ganzen ersten Konzerthälfte nicht behaupten. Weder von Erkki-Sven-Tüürs opernhafter, ein wenig redseliger Vertonung eines Interviews mit dem Quantenphysiker David Bohm für vier Männerstimmen und Streicher, noch von Bernd Alois Zimmermanns allzu leichtgewichtigem Konzert für Streichorchester (1948).
Die Zweitaufführung von Erkki-Sven Tüürs "Questions…", ein Kompositionsauftrag von Hilliard Ensemble und Kammerorchester, war zwar dem Vokalensemble auf den Leib geschrieben und wurde auch ebenso prägnant gesungen – und vom Kammerorchester gespielt. Aber das Experimennt, einen zivilisationskritisch visionären, gleichwohl in Interview-Form geschriebenen Text, der um die Begriffe "culture", "discussion", "future" kreist und die Notwendigkeit beschreibt, dass die Menschheit in einen umfassenden Dialog treten muss, in Musik zu setzen, dieses Experiment darf zwar in seinem Anspruch als interessant, aber in der Einlösung durch komplexe, aber gleichzeitig plakative Vertonung als zumindest problematisch gewertet werden.
Und warum von Gesualdo anfangs nur die Streicherfassung zweier weltlicher Madrigale zu hören war und nicht auch die Originale, erstaunte angesichts der Verpflichtung des Hilliard Ensembles umso mehr.
Klaus Kalchschmid

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