Erinnerungen an Harnoncourt

Wahrhaftigkeit in der Musik, Wahrhaftigkeit im Leben

Nikolaus Harnoncourt Foto: Werner Kmetitsch

Eindrücke und Gedanken zu Nikolaus Harnoncourt

Von Laszlo Molnar
Wie begegnet man dem Tod eines Verwandten oder eines Freundes? Am besten, indem man sich in Gedanken darauf vorbereitet hat, sich mit dem Tag beschäftigt hat, an dem einen die unwiderrufliche Nachricht ereilen würde. So ging es mir mit Nikolaus Harnoncourt. Nikolaus Harnoncourt ist in der Nacht vom 5. auf dem 6. März in seinem Haus in St. Georgen in Attergau gestorben, im 87. Lebensjahr.
Wieso trifft mich nun der Tod Harnoncourts so hart, und bei aller Erwartbarkeit unerwartet? Nikolaus Harnoncourt war einer meiner musikalischen Lehrmeister und Wegbegleiter. Mit seiner ersten Aufnahme von Bachs h-Moll-Messe, noch auf Schallplatte, bereitete er mir, als 17-Jährigem mein musikalisches Erweckungserlebnis. Da war alles anders als ich es von den damaligen Bach-Größen kannte, Otto Klemperer etwa, auch Helmuth Rilling, vom maßlos überschätzten Karl Richter gar nicht zu reden. Harnoncourt trieb mir das über alles bewunderte und geschätzte Werk Ton für Ton neu in mein Musikgedächtnis. Wirklich Ton für Ton; denn in seiner klein besetzten, aufs feinste ausmusizierten und ziselierten Interpretation mit dem Concentus Musicus, den Wiener Sängerknaben und einem wundervollen Solistenquintett, darunter der als Bach-Sänger unvergleichliche Tenor Kurt Equiluz, wurden Töne und Klänge hörbar, die den anderen Dirigenten verborgen geblieben waren. Welch kantige Ausgestaltung der Tempi; welch geradezu verquere Tongebung der barocken Blechbläser; welch üppiger, süffiger Klangfluss aus den barocken Oboen!
Harnoncourt hatte Bachs Musik auseinander genommen und komplett neu zusammengesetzt. Für mich begann eine neue musikalische Zeitrechnung. Nikolaus Harnoncourt wurde ihr Taktgeber. Ich folgte ihm auf seinem Weg, zunächst auf Schallplatten zu allen Bachkantaten, die ich in der Einspielung von Harnoncourt und Gustav Leonhardt so lange hörte, bis ich fast alle Arien auswendig konnte. Zu den Opern Monteverdis, die für mich in Harnoncourts Darstellung, mit dem in den Bläsern so reich besetzten Orchester, quasi Urgestalt annahmen und für alle zukünftigen Aufführungen und Einspielungen die Referenz werden sollten. Monatelang hörte ich die Platten wieder und wieder, ein Wunder, dass sie so lange durchhielten. Die Toccata aus dem Orfeo, die bei Harnoncourt halluzinatorisch wollüstige Schlussszene aus der „Poppea“, die Szenen der Freier aus dem „Ulisse“ – sie waren mein musikalisches täglich Brot, meine Wegzehrung an allen Orten. [nächste Seite]

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