Entführung in Genf

Steinbeissers Frust und Leid

Das ist des Bassa Selim Haus Foto: GTG/Vincent Lepresle

Am Grand Théatre Genève ist Belmonte in Mozarts "Entführung" ein Kollege von James Bond

(Genf, 16. November 2011) Sein Name ist Lostados, Belmonte Lostados. Und wie sein Kollege und Bruder im Geiste James Bond arbeitet auch Belmonte mit allerhand Tricks im Kampf für das Gute auf der Welt. Das Gute ist in diesem Fall zunächst erst einmal Belmontes Verlobte Konstanze, die in die Fänge von Goldfinger Bassa Selim geraten ist und von diesem zur Lustdienerin versklavt wurde. Natürlich ist der Festungspalast des Bassa ziemlich uneinnehmbar, also schwebt Special-Agent Belmonte mit einem Fallschirm in das Anwesen und platziert einen kleinen Sprengsatz an einer Tür, hinter der er seine Geliebte vermutet. Er entledigt sich seines Fallschirms und der dazugehörigen Montur und schon steht er proper und adrett im weißen Smoking da, ganz wie sein ansehnlicher Kollege Bond, und zündet sich erstmal eine Zigarette an. Aber die Schergen des Bassa unter Führung von Steinbeisser Osmin haben auch Verstand und den Eindringling natürlich schon längst entdeckt. Und so ist die geplante Befreiungsaktion zunächst erst mal gescheitert.
Daniel Behle spielt diesen Bond-Belmonte mit akkurater filmreifer 007-Gestik und Mimik und selbst die zahlreichen Kampfszenen mit Stangen, Schwertern und dergl. sind wohl trainiert. Dazu ist der 37jährige Behle auch noch einer der derzeit bemerkenswertesten Mozart-Tenöre, seine Stimme ist leicht fließend, hat Glanz und Wärme gleichermaßen (am 8. und 9. Dezember ist er mit dem Weihnachtsoratorium unter Thielemann in Dresden zu hören, in München singt er Ende Dezember den Tamino in der "Zauberflöte").
 
Mira Bartovs Idee, Mozarts Entführung aus dem Serail als James-Bond-Geschichte zu inszenieren, ist mehr als nur ein oberflächlicher Gag. Zum einen hat sie die Idee mit vielen wunderbaren Einfällen bis in kleinste Details durchgearbeitet, zum anderen geht die Bond-Geschichte erstaunlich gut mit Mozarts Singspiel zusammen, einschließlich der Ironie, die ja auch bei guten Bond-Filmen Bestandteil der Dramaturgie ist. Nur gibt es bei Bond selten geläuterte Bösewichte…
So wie Bond nicht gerade durch besondere Treue gegenüber Frauen auffällt, so ist auch Belmonte – pikanterweise nachdem er seiner Konstanze wegen ihrer vermeintlichen Beziehung zum Bassa eine Eifersuchtsszene gemacht hat – einem Flirt mit einem der Bassa-Girls nicht abgeneigt. Zu seiner Arie "Ich baue ganz auf Deine Stärke" tanzt Belomonte mit einem "Bassa-Girl" einen sehr erotischen Tango – eben doch ein "hergelaufener Laffe", der ehrenwerte Herr Belmonte. Herr Osmin ist eben doch ein Menschenkenner…

Nicht gespießt und nicht gehangen, auch wenn’s mal knapp davor ist: Daniel Behle als Belmonte Foto: GTG/Vincent Lepresle

Spielfreude, Witz und eine bewegliche schön timbrierte Stimme zeichnen auch Norbert Ernst als Pedrillo aus, der sich in seinem Aktionismusanfall "Frisch zum Kampfe, frisch zum Streite" in des Bassas Workout-Stube wunderbar komisch an etwas zu gewichtigen Gewicht verhebt (der Diener ist eben kein Bond). Auch seine Späßchen mit Steinbeisser Osmin haben nichts Abgestandenes, Bemühtes, sondern wirken charmant und spontan. Schön auch die Szene, wenn Osmin Konstanze bei ihrer Martern-Arie (Laura Claycomb mit ansprechendem Mozart-Sopran) die Instrumente zeigt und sie ihn dadurch ausbremst, dass sie ihm Folter-Vorschläge macht und -praktiken anbietet – das raubt dem armen Osmin den ganzen Spaß an der Sache, so ein blödes Opfer…Peter Rose gibt den tumben Sklaventreiber mit geradezu sympathisch-verschrobener Bärbeißigkeit und kultiviertem Bass. So hat er es auch nicht nötig, sich mit polternder Stimme in den Vordergrund zu singen – warum er es in seiner letzten großen Arie "Ha, wie will ich triumphieren"  doch noch getan hat, versteht man umso weniger.

Gunnar Ekman hat Mira Bartov für ihre Inszenierung einen fantastisch schicken Glas-Stahl-Bungalow gebaut, der sogar manchen Schweizer Banker blass vor Neid machen dürfte (sehr schön ausgeleuchtet von Kristin Bredal). Im Pool schwimmen Haie und drumherum aalen sich die Liebesdienerinnen des Bassa (für die stilechten "Kostüme" sorgte Kajsa Larsson). Herrlich grotesk auch die Idee, mit den zu nackten Frauen zurechtgestutzten Buxbäumen. Unaufgeregt, und gar auch nicht bräsig, säulenheilig der Bassa Selim von Peter Nikolaus Kante, ein wenig zu zwitschernd und reichlich undeutlich in der Textdeklamation die Blonde von Rachele Gilmore, die kurzfristig für die erkrankte Teodora Gheorghiu eingesprungen ist.

Ein Wermutstropfen dieser originellen und launigen Produktion ist die Orchesterleistung. Johnathan Darlington gelingt es leider nicht, den szenischen Spielwitz auch im Orchestre de la Suisse Romande zu entfachen. Die Musik klingt dumpf, gleichförmig, konturlos – auch wenn Darlington mit seinem reduktionistischen Stil womöglich die Sänger in den Vordergrund rücken wollte…
Dennoch, insgesamt ein Erfolg für die Genfer Oper und ihren im zweiten Jahr amtierenden Intendanten Tobias Richter. Der ist gerade dabei, das Haus, das einmal eine der Vorzeigebühnen der Schweiz war, dann aber in der Bedeutungslosigkeit verschwand und mehr wegen desolater Finanzen von sich reden machte, wieder künstlerisch nach vorne zu bringen. Als nächste Premiere dieser Stagione-Bühne steht im Dezember die Neuinszenierung von Rossinis selten gespielter Oper "Le Comte Ory" an, im Januar gibt es Giorgio Battistellis Oper "Richard III", im Februar Martinus "Juliette", im Juni schließlich inszeniert Christoph Loy Verdis "Macbeth".

Robert Jungwirth

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