Entführung Augsburg

Eifersuchtstragödie unter Jugendlichen

Ist das des Bassa Selims Haus? Foto: Theater Augsburg/Schaefer


Tatjana Gürbaca erzählt Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ in Augsburg als Drama von heute
(Augsburg, 6. Januar 2008) Von allen großen Opern Mozart ist seine erste, die „Entführung“ das Problemkind heutiger Regisseure, die die Flucht nach vorne antreten und das vor allem in der Musik sich spiegelnde, reiche Konfliktpotential dieses vermeintlichen „Singspiels“ schärfen; sei es durch ironisch-theatralische Doppelung der Sänger (Hans Neuenfels in Stuttgart), die Einführung einer modernen türkischen Erzählerin (Martin Duncun in München) oder gar in Überhöhung zur virtuosen, bildmächtigen Menschheits-Parabel (Stefan Herheim in Salzburg).
Tatjana Gürbaca ging puristischer zu Werk, las Partitur und Text sehr genau, und verstörte doch das Augsburger Premierenpublikum noch vor der Ouvertüre mit einer eskalierenden Eifersuchtstragödie unter sieben Jugendlichen von heute. Die bereits hier einsetzenden Buhrufe ließen keine störungsfreie Aufführung erwarten. Dennoch blieb es im Zuschauerraum erstaunlich ruhig bis am Ende die Explosion des Stücks unter die Haut fuhr: wenn sich das vermeintliche Happy-End mit dem lärmenden Janitscharen-Chor vom Band überlagert, die Protagonisten in den hellen Zuschauerraum rennen, während auf der Bühne im Arbeitslicht in Windeseile das Szenenbild abgebaut wird.
Tatjana Gürbaca hat die Vorgeschichte des Stücks auf die Spitze getrieben: Selim wurde von Belmonte die Geliebte ausgespannt (im Original „raubt“ sie der Vater Belmontes), sie versucht die Rauferei der Männer zu schlichten und stirbt durch einen unglücklichen Fall auf eine Treppe. Alle Beteiligten der späteren Oper sind dabei, doch nur Konstanze scheint unter diesem – von Belmonte – verursachten Trauma zu leiden, zeichnet später immer wieder die Umrisse der Leiche auf den Boden. Das blutbefleckte Kleid der Toten wird zum Leitmotiv, vor allem der Marternarie, die auch die unbewältigte Trauer des hier ganz jungen Selim thematisiert. Sophia Brommer, die eben erst ihre Ausbildung beendet hat, und Frank Siebenschuh spielen und singen das beeindruckend souverän und vielschichtig.
Doch die Regisseurin verschleiert mit diesem Vorspiel von Statisten, deren Rollen man nicht zuordnen kann – mehr, als sie erklärt. Gürbaca – an Münchens Theaterakademie hat sie erst kürzlich eine bestechende „Così“ erarbeitet – lässt die Drehbühne mit einer Wohnlandschaft aus kubischen Formen und Durchbrüchen, die an ein Labyrinth erinnern sollen, im ersten Teil allzu oft rotieren. Nur selten gelingt es ihr, den vielversprechenden, aber unerfahrenen jungen Sängern eine erhellende Körpersprache und -Spannung beizubringen. Deshalb singt Per Bach Nissen zwar ebenso weich und differenziert wie stimmgewaltig, ist aber ein harmlos tänzelnder und tändelnder Bär, von dem keine Gefahr ausgeht; singt Seung-Hyun Kimm zwar mit schönem, leuchtkräftigen Tenor, steht aber darstellerisch als Belmonte neben sich; wird Anja Metzger (mit heller, lyrischer Stimme immer runder aufblühend) als Blonde zum eindimensional kratzbürstigen Wesen; der Pedrillo des Roman Payer (ein eher dunkler Tenor mit etwas nervöser Höhe) zum zwielichtigen Drahtzieher und Alkoholiker, der nurmehr daran denkt, wie er seine Flachmänner vor Blonde in Sicherheit bringt. Mit solchen und vielen anderen Nebenschauplätzen, mit zahlreichen Auftritten der Jugendlichen als „Schatten der Vergangenheit“ verunklart Gürbaca ihr Konzept, lenkt sie ab, langweilt sie ihre Zuschauer manchmal sogar und erntet am Ende nahezu einhellige Ablehnung.
Erschwerend kam hinzu, dass Dirigent Kevin John Edusei vor der Pause die zahlreichen Tempodifferenzen zwischen Bühne und Graben nicht auffangen konnte und bei aller Präzision des Schlags allzu sanft wirkte und das Orchester – vor allem im ersten Teil – nicht so gut ausbalaciert und inspiriert spielte.
Klaus Kalchschmid
Weitere Aufführungen: 8., 11., 13. Januar; 3., 23. Februar; 9., 13., 26. März. http://theater1.augsburg.de/index_theater.php

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