Enescus Oedipe bei den Salzburger Festspielen

Was ist der Mensch?

„Oedipe“ von George Enescu bei den Salzburger Festspielen – inszeniert von Achim Freyer, dirigiert von Ingo Metzmacher

Von Robert Jungwirth

(Salzburg, 11. August 2019) Am Anfang ist Ödipus auch nur ein Baby wie alle anderen. Er liegt mit dem Rücken auf dem Boden der Riesenbühne der Felsenreitschule mit riesigem Kopf und wattierten Beinchen und Ärmchen und strampelt vor sich hin. Ein unschuldiges Wesen, und doch ist der Keim seines späteren Unglücks, seine unglaubliche Schuld, die er unwissend und absichtslos auf sich laden wird, in dem kleinen Wesen angelegt wie eine schlechte DNA. Bekanntlich wird er seinen Vater töten, seine Mutter heiraten und mit ihr Kinder zeugen. Und das alles, weil er glaubt ein anderer zu sein…und weil er dem ihm prophezeiten grauenvollen Schicksal dadurch zu entkommen versucht, dass er seine Familie verlässt und in eine andere Stadt zieht – zu seinen wahren Eltern.

Vor über 2400 Jahren hat Sophokles diese Tragödie aller Tragödien geschrieben. Ja, sie prägte überhaupt erst unseren Begriff des Tragischen. Denn tragisch, das ist der, der schuldlos schuldig wird. Doch Ödipus ist auch ein Kämpfer, der es mit seinem Schicksal aufnimmt, sich ihm entgegenstellt, es bezwingen will. Auch das sieht man auf der Salzburger Bühne, wenn das Baby und dann das Kleinkind um sich boxt und Boxershorts anhat. Achim Freyer, der ebenso tiefgründige wie spielerische Maler und Regisseur hat auch mit seinen 85 Jahren noch nichts von seiner bildnerischen und dramatischen Fantasie verloren. Er entfacht auch in diesem „Oedipe“ wieder ein faszinierendes und vielgestaltiges Bilder-Rätseltheater, für das ihn die Besucher am Ende ausgiebig bejubeln.

1909 sah George Enescu das Schauspiel in Paris auf der Bühne und war von der Darstellung des Schauspielers Jean Mounet-Sully so fasziniert, dass er den Plan fasste, aus dem Drama eine Oper zu machen – seine einzige. Etwa 11 Jahre arbeitete Enescu an dem Werk, immer wieder unterbrochen von weltweiter Konzerttätigkeit als Geiger und Dirigent sowie anderen Kompositionen. 1936 wurde die Oper schließlich in Paris mit großem Erfolg uraufgeführt und danach weitgehend vergessen. Denn das Werk passt in keine Schublade, ist stilistisch höchst eigenwillig und heterogen. Man nannte es Symphonie mit Stimmen oder Oratorium. Wie auch immer, es besitzt eine faszinierend vielschichtige Musik, die von Ingo Metzmacher und den Wiener Philharmonikern in dieser Produktion der Salzburger Festspiele mit opulenter Klanglichkeit interpretiert wird. Dabei scheinen Orchester und Dirigent erst so richtig im dritten und vierten Akt den Schlüssel für diese Musik gefunden zu haben oder sie haben zu den nun lyrischeren, ausgedünnteren, introvertierteren Klängen einfach einen besseren Zugang gefunden als zu den mit allerhand Modernismen und Elementen rumänischer Musik durchsetzten spätromantischen des ersten und zweiten Akts. In diesen wird vieles doch eher pauschal musiziert à la großes spätromantisches Klanggemälde, während einzelne Konturen, die gezackte Motivik verwischen. Man kann das auch an Metzmachers Zeichengebung erkennen, die mehr Wischbewegungen sind als Detailanweisungen.

Foto: SF/Monika Rittershaus

Fast über die gesamte Breite und Höhe der Felsenreitschule entfacht Freyer derweil eine Art Welttheater von der Geworfenheit des Menschen, von der Frage nach seinem Schicksal und seiner Vorherbestimmung, von der Kraft des menschlichen Willens, von der Frage nach Schuld und Sühne. Da fliegen Sphinxe von oben als Flugmonster über die Bühne, stakst der riesenhafte blinde Seher Teiresias auf Stelzen einher, züngeln Flammen aus dem Boden, werden magische Zeichen sichtbar, grabbelt eine Riesenheuschrecke am Bühnenrand entlang und winden sich Seile um Ödipus wie sichtbar gewordene Schicksalsfäden, die ihn schließlich vollständig festzurren.

Christopher Maltman (Œdipe)
Foto: SF/Monika Rittershaus

Viel Aktion zwischen den Personen gibt es allerdings nicht – auch nicht bei Enescu, weshalb man tatsächlich etwas den Eindruck eines Oratoriums hat. Zumal der Chor mit dem Volk der Thebaner, denen Ödipus aus seinen Plagen hilft, eine herausragende musikalische Rolle in dieser Oper spielt. Ganz fantastisch agiert hier der Wiener Staatsopernchor. Der Star des Abends aber außer Freyer ist Christopher Maltman als Ödipus. Mit seinem kraftvoll aufbegehrenden, in Leid und Buße zu herzergreifenden Seelentönen fähigen Bariton wächst Maltman in den zentralen Monologen förmlich über sich hinaus. Einmal mehr zeigt dieser außergewöhnliche Sänger wie sehr er die Fähigkeit besitzt, komplexe Bühnenfiguren musikalisch zu gestalten. Michael Colvin als Laios, Anaik Morel als Jocaste und Brian Mulligan als Creon ergänzen das Ensemble mit ebenfalls hervorragenden intensiven stimmlichen Leistungen. John Tomlinson als Teiresias poltert etwas arg, was zu der Rolle aber wiederum ganz gut passt.

Enescus Oper endet nicht mit der Blendung und der Verbannung des Ödipus, sondern greift auf das Drama „Ödipus auf Kolonos zurück“, um im letzten Akt seine Erlösung von der Schuld darzustellen. Hier, wo die Musik eigentlich zu ihrem Höhepunkt findet und sich Schuld und Tragik in eine musikalische Transzendenz auflösen, hätte man vielleicht noch ein wenig mehr Bühnenzauber von Freyer erwartet. Nur kurz huscht einmal ein Farbteppich über die Bühne, sonst bleibt es bei wenig mehr als schwarz und weiß. Aber allzu freudig ist schließlich auch dieses positive Ende für den armen Ödipus nicht. Am Ende liegt er wieder nackt auf der Bühne wie am Anfang. Ein Menschenleben neigt sich dem Ende zu.

 

 

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