Emerson Quartet

Abgründige Farbspektren

Emerson String Quartet Foto: Lisa Mazzucco

Das Emerson String Quartet mit Werken von Dvorak, Beethoven und Berg zu Gast in der Kölner Philharmonie
Von Christoph Zimmermann
(Köln, 3. März 2017) „Versteht er nicht, wenn eine Sach’ ein End‘ hat?“ Diese Worte der “Rosenkavalier“-Marschallin lassen sich auch auf musikalische Karrieren anwenden. Die menschliche (Gesangs-)Stimme altert naturgemäß, und nur selten gelingt es, diesem Prozess mit besonderen Aktivitäten auszuweichen – so etwa Martha Mödl, Franz Grundheber oder Franz Mazura. Instrumentalisten sind prinzipiell besser gestellt (wie der gerade siebzig gewordene Gidon Kremer), Dirigenten nimmt sogar oft erst der Tod den Taktstock aus der Hand (wie jüngst im Falle Neville Marriners oder Stanislaw Skrowaczewskis).
Bei Orchestern fallen altersbedingte Abgänge einzelner Musiker im großen Kollektiv kaum auf. Anders verhält es sich bei kammermusikalischen Formationen. Hier erfordert eine stabile Karriere nicht nur solistische Perfektion, sondern auch besondere Anpassungsfähigkeit, musikalisch wie menschlich. Vier Jahrzehnte gemeinsamen Musizierens sind in der Regel die Grenze. So war es beispielsweise beim Amadeus- und dem Alban-Berg-Quartett, wo allerdings der Tod des jeweiligen Bratschers den Zeitpunkt des definitiven Aufhörens bestimmte. Mit am längsten blieb das Beaux Arts Trio miteinander verbunden, nämlich sage und schreibe 53 Jahre. Pianist Menahem Pressler (inzwischen 93) arbeitet jetzt solistisch! Er gehört auch zu den Musizierpartnern des Emerson String Quartets, welches seinerseits in der aktuellen Spielzeit das vierzigjährige Bestehen feiert. Das Ensemble gab gerade, gefolgt von einem Münchner Beethoven-Abend (opus 132 und 133), ein Gastspiel in Köln, ebenfalls mit Beethoven (opus 127) sowie Antonin Dvorak (opus 61) und Alban Berg (opus 3).
Dieses Programm war ein relativ moderates, bedenkt man das starke Engagement des Ensembles für zeitgenössische Musik. Als gefällig wird man es gleichwohl nicht bezeichnen wollen. So geht Dvoraks Opus 61 über Naturmelodisches und Harmonisch-Süffiges weit hinaus. Der Urheber slawischer Tänze verleugnet sich zwar auch hier nicht, aber Volkstümliches wird überhöht zu „Bedeutendem, ja Sublimem“, wie bereits eine zeitgenössische Kritikerstimme konstatierte.
Das Emerson String Quartet gab der gestalterisch mutigen Musik gleichwohl fassliche Vitalität mit und betonte im Scherzo tänzerischen Elan. Nicht zu überhören war indes, dass Bratscher Lawrence Dutton und Cellist Paul Watkins (seit 2013 mitwirkend) über ein besonders sonores Tonvolumen verfügen, während bei den Geigern in der Höhe nicht immer alle Töne optimal aufblühten. Eugene Drucker und Philip Setzer wechseln sich übrigens am ersten Pult ab, eine Gepflogenheit seit jeher, die auch anderswo häufiger Platz greifen sollte. Aufgegeben hat man inzwischen allerdings das Spielen im Stehen.
Beethovens mutig aus der Zeit fallendes Quartett opus 127 spielten die Emersons klanglich vollmundig, berücksichtigten aber auch und besonders die dunklen, abgründigen Farbspektren des Werkes, welche das Uraufführungspublikum fraglos ein wenig irritiert haben dürften. Perfekt, die Abstimmung der Musiker bezüglich Rhythmik und Dynamik. Die spielerische Übereinstimmung der Geiger, zumal bei rasanten Tempi, hatte sich bereits im Dvorak-Finale eindrücklich erwiesen.
Das Mittelstück des Abends war Alban Bergs Frühwerk, von seinem Lehrer Arnold Schönberg als „Gesellenstück“ hochgelobt. Der Komponist selbst hing in besonderer Weise an diesem Werk. Man spürt noch Klangverbindungen zu einem romantischen Gestern (in jenen Jahren schrieb Schönberg ja seine noch tonalen „Gurre-Lieder“), aber auch der Aufbruch zu neuen Ufern. Trotz seiner unorthodoxen Zweisätzigkeit wirkt das Quartett großdimensioniert. Die Emerson-Musiker unterstrichen das Sangliche der Musik mit vielen dynamischen Schattierungen. Besonderen Eindruck machten klangfarbliche Details wie Flageoletts oder das harsche Spiel in Griffbrettnähe.
Nach dem finalen Beethoven war Johann Sebastian Bachs kontemplativ ausdrucksvoller Choral „Vor deinen Thron tret‘ ich hiermit“ eine sinnfällige Zugabe.



Münchner Philharmoniker


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