Eine Flüchtlings-Oper in Palermo

Europas Spiegel

„Winter Journey“ – ein Musiktheater über die Mittelmeer-Flüchtlinge von Ludovico Einaudi wurde im Teatro Massimo in Palermo uraufgeführt

Von Thomas Migge

(Palermo, 4-8. Oktober 2019) Auf einer riesigen Filmleinwand ist ein stürmisches Meer zu sehen. Darin schwimmt ein Afrikaner, der sich an ein Stück Holz klammert. Auf der Filmleinwand folgt ein Bildwechsel. Zu sehen ist eine urbane Ruinenlandschaft. Es fallen Schüsse. In einer zerschossenen Wohnung leben Menschen. „Es gibt keine Träume an einem Ort wie diesen hier“, sagt sie. Ihre Worte richten sich an das Publikum. Und an ihren Mann, der zuvor im Meer zu sehen war, der seine Heimat verlassen hat, in dem Bürgerkrieg herrscht, um nach Europa zu gelangen, um dort eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten und dann seine Frau und den gemeinsamen Sohn nachzuholen. Die Frau hat seit Wochen nichts mehr von ihrem Mann gehört. Ihre Angst drückt sich in einem traurigen Lied aus ihrer afrikanischen Heimat aus.

Man mag denken wie man will über die oftmals gefällig wirkende Mainstreammusik des italienischen Komponisten Ludovico Einaudi. Mit „Winter Journey“ ist ihm ein Coup gelungen. Einaudi spricht von einer „Oper“, aber vielmehr handelt es sich um Musiktheater mit zahlreichen Rezitativen und Liedern aus Afrika. Das Teatro Massimo in Palermo, eine der avantgardistischsten Opernbühnen Italiens, hat Einaudi mit einer Komposition beauftragt, die das Thema Migration aufgreift. Es handelt sich in Italien um die erste musikalische Umsetzung dieses Themas. Ludovico Einaudi war gleich begeistert von der Idee. „Mit Matteo Salvini als Innenminister erreichten wir in Italien einen absoluten Tiefstand in Sachen Mitmenschlichkeit“, erklärte Einaudi bei einem Gespräch in Palermo ohne Umschweife. „Wie er mit dem Thema Einwanderung umging, war erschreckend“.

„Winter Journey“ erzählt die Reise eines Flüchtlings, der im Winter über das Meer in ein kaltes Italien kommt. Die Musik ist minimalistisch, rhythmisiert durch wiederkehrende Melodien, ohne jede Süßlichkeit. Sie erinnert durchaus an Filmkompositionen des Briten Max Richter oder des Isländers Olafur Arnalds. Ambient-inspirierte Musik, die aber das ergreifende Libretto des irischen Schriftstellers Colm Toibin auf überzeugende Weise in Musik, Gesang und Rezitative umsetzt.

Neben den Protagonisten aus Afrika, den Sängern Rokia Traoré und Badara Seck, lassen Einaudi und Toibin als Bösewicht einen Politiker auftreten, dargestellt von dem Schauspieler Jonathan Moore, eine Art Matteo Salvini, der an fremdenfeindliche Instinkte appelliert. Der Chor ist das Volk, das sich von ihm verführen lässt.

Die Regie von Roberto Andò bietet einen schnellen Wechsel von Bühnenbildern, Tanz und Filmeinblendungen. Es ist bewegend, wenn das Ehepaar endlich miteinander telefonieren kann. Die Oper erzählt die Gefühle dieses afrikanischen Ehepaares, das sich getrennt hat, um auf die Suche nach einem besseren Leben für seine Familie zu gehen. Die Texte des Librettos werden vor allem rezitativ vorgetragenen. In Form von SMS, die sich die Eheleute schicken und ihren wenigen Telefongesprächen, in denen sie sich erzählen, was sie von der Zukunft erwarten.

Einaudis „Winter Journey“ zeichnet weniger ein Bild afrikanischen Flüchtlingselends – sondern hält den Europäern einen Spiegel vor. Am Ende der Oper zählt eine Frauenstimme, der Schauspielerin Elle van Knoll, die großen Erfolge Europas auf: Erfindungen, Kathedralen, Opern von Wagner und auch die Möglichkeit, zwischen dutzenden von Joghurtsorten wählen zu können. Doch was in diesem Europa fehle sei, so Toibin in seinem Libretto, das ist die Fähigkeit Mitleid zu empfinden und aus Mitleid heraus zu handeln.

Einaudis „Winter Journay“ appelliert in diesem Sinn an unser Mitgefühl. Er fordert uns auf, die Fähigkeit zu entwickeln, uns in jene Menschen hineinzuversetzen, die alles riskieren, um eine bessere Zukunft zu haben. Bleibt zu wünschen, dass diese Ko-Produktion mit dem Teatro San Carlo in Neapel auch in Deutschland oder zumindest in ARTE oder einem anderen Kulturkanal zu sehen sein wird.

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