Eindrücke von der Münchner Musiktheater-Biennale

Das bewegte Publikum

Halbzeit bei der Biennale für neues Musiktheater unter dem Motto „Privatsache“

Von Klaus Kalchschmid

(München, 2.-7. Juni 2018) Nach neun von fünfzehn Premieren stellt sich die Münchner Musiktheater-Biennale unter der Leitung von Daniel Ott und Manos Tsangaris ähnlich durchwachsen dar wie vor zwei Jahren. Nach spannender Eröffnung mit dem absurden, heimelig unheimlichen „Wir aus Glas“, einer geschlossenen Gesellschaft aus einer Handvoll Musikern und singender Schauspieler in der Muffathalle, erreichte dieses Niveau musiktheatraler Verdichtung erst wieder die minimalische und doch so konkret von Hoffnung und der Liebe zu den Dingen im KZ, von Erinnern und Vergessen erzählende diffizile Sprachoper (Libretto, Regie: Katharina Schmitt) für je drei Sängerinnen (Landy Andriamboavonjy, Thérese Wincent, Kathrin Zukowski) und Sänger (Steve Zheng, Dominic Kraemer, Tobias Müller-Kopp) sowie zwei subtile Schlagwerker (Míguel Ángel García Martín, Jeanne Larrouturou) unter dem Titel „Alles klappt“ von Ondřej Adámek im Marstall. „Third Space“ des Komponisten Stefan Prins blieb in der Choreographie von Daniel Linehan und Hiatus bis zuletzt rätselhaft, aber konnte, gerade wenn man auf der Bühne des Carl-Orff-Saals zwischen den Tänzern und Musikern Platz nehmen durfte – auch eine große Spannung aufbauen.

„Wir aus Glas“ von Yasutaki Inamori (Komposition), Gerhild Steinbuch (Text) und David Hermann (Regie) versammelt in Gestalt von Clemens Bieber, Alexandra Hutton, Michelle Daly, Thomas Florio und Steffen Scheumann Archetypen männlichen wie weiblichen Geschlechts, die so gar nichts miteinander zu tun haben, auch wenn sie teilweise offensichtlich verheiratet sind oder einander begehren. Auf einer Art Arche (Bühne: Jo Schramm), wird Alltägliches verrichtet, von Toast und Müsli Verzehren über die morgendliche Dusche bis hin zum Blumengießen, Toilettengang und Schlaf neben wechselnden Partnern im Doppelbett. Dabei werden sie in vielfacher Hinsicht begleitet von Musikern des Opera Lab Berlin, die meistens allein vor sich hin musizieren und sich nur einmal zu einem veritablen Instrumentalstück versammeln, einer Telemann-Verballhornung. Irritierend fährt das Publikum rechts und links dieser langgezogenen, von Stores umgebenen Spielfläche auf Tribünen hin- und her, mal gegenläufig, mal parallel: schon das ist ein Ereignis für sich.

Als herrlich witzig und dabei mit den diversen kleinen Stücken für das Berliner Henosode-Quartett (Sara Hubrich, Benedikt Bindewald, Josa Gerhard, Christoph Hampe) auch als musikalisch konzis und fantasievoll erwies sich TONHALLE (Max-Joseph-Platz 1b), schon mit den kleinen Säulen und Giebelchen eine hellblaue Spiegelung der benachbarten Bayerischen Staatsoper. Lange braucht der Zuhörer, eingequetscht mit 15 anderen Zuhörern auf ein paar Quadratmetern, bis er die verschiedenen akustischen Störmanöver von außen als Fake begreifen konnte, die Komponist und Regisseur Ruedi Häussermann geschickt in seine Geschichte einbaute: ein Quartett, das sich mangels Aufträgen mit seinem einstigen WG-Mitbewohner, der Kultur-Wirt studiert, eigene Auftritts-Möglichkeiten schafft und anregt, doch mehrere Konzert-Sälchen dieser Art in einer Stadt zu etablieren und sie dreimal täglich zu bespielen.

TONHALLE (Max-Joseph-Platz 1b)
Eine musik-theatralische Selbstbehauptung
Foto: Smailovic

Leider blieb das Projekt von Clara Iannotta (Skull ark, upturned with no mast) für zwei Sängerinnen, eine Geigerin und eine Tänzerin, die in einer seltsam filigranen, aber extrem spitz-eckig verwinkelten Raumskulptur gefangen waren, ein in sich hermetisch verschlossenes Projekt. Es erinnerte mit seinen versprengten (Sinus-)Tönen an das interferierende Zwitschern des Transistorradios beim manuellen Verstellen von Sendern oder – noch schmerzhafter – an diverse Geräusche beim Zahnarzt.

Davon verschont wurde man bei „Interdictor“ von Marek Poliks in der Stuck-Villa. Da schien ein in einem Zelt verkabelter, warm angezogener, aber barfuß laufender Mann mit Armen und Händen diffuse Töne und Geräusche zu generieren. Nach langen 50 Minuten vermummte der Mann sich komplett, um aus dem Zelt zu treten, als beträte er als Erster die Oberfläche des Monds.
Richtig ärgerlich wurde es bei „Bubble <3“, bei dem man im Regen erst einmal mehrfach ums Haus gescheucht wurde und sich dabei überlegen durfte, welche Aktion lautstark telefonierender, mit Luftkissen radelnder Menschen oder andere seltsame Aktionen gerade zufällig passierten oder inszeniert waren, um am Ende in einem Raum mit einen riesigen durchsichtigen Ballon zu landen, in dem drei rätselhafte Figuren sich in slow motion bewegten, während die Zuschauer von dieser titelgebenden Blase an die Wand gedrückt wurden – nichts für Phobiker jeglicher Couleur.

Dafür durfte man anlässlich des Besuchs der „Königlichen Membranwerke“ am Starnberger See und dem dort beheimateten fiktiven Unternehmen „Nomictic Solutions“, kurz NOS genannt, viel im Freien marschieren, die Villa Walberta besichtigen, Bus fahren oder – teils im Dunkeln abgeschottet von der Außenwelt – über den See schippern, während diverse Mitarbeiter von NOS ihr gespenstisches audio-sensibles Überwachungssystem mittels automatisierter Sprach- und Stimmerkennung auf Englisch erläuterten oder versprengte Blechbläser ein wenig „Klänge der Heimat“ produzierten. Man wähnte sich – auch dank der futuristisch unheimlichen Neopren-Kostüme von Marie-Sophie Pollak, Eberhard Lorenz, Caroline Ebner oder Martina Koppelstetter – wie in einer Folge von „Raumschiff Enterprise“. Schwer zu sagen, ob die Naherholungssuchenden am Steg und die Anwohner in ihren Bootshäusern als Mitspieler von Miika Hyytäinen (auch Komposition), Nicolas Kuhn, Babylonia Constantinides und Anna Münzner ebenso eingeplant waren wie die riesigen, bis hin zum letzten Grashalm perfekt gestylten Millionärs-Villen, die bei der Busfahrt von Starnberg Nord bis zum Anleger Possenhofen am Fenster vorbeizogen.

Als ultimative Privatsache erwies sich ein Wannenbad, das im Muffat-Studio 15 Minuten unter dem Titel „Bathtube Memory Project“ genossen werden konnte, und danach ein ganz anders geartetes Schwimmen in der benachbarten Isar erlaubte. Zuerst aber wohliges Eintauchen und eigenhändiges Wohltemperieren des Wassers, was hier Kühlen ganz ohne Loriotsche Kompromisse bedeutete. Dann feiner, verführerisch sirenenhafter Gesang einer von zwei griechischen Sängerinnen zu Gamben-Begleitung hinter einer Gaze, auf der Wolken, gelbe Quietsch-Enten und Abenteuer-Schiffe im Zeichentrick Kindheitserinnerungen wachwerden ließen, bevor die Dame den Reißverschluss öffnete und flirtend der Wanne ganz nahe kam. Auch wenn man kaum etwas verstand, machte diese physische und akustische Nähe großen Spaß.

Bis 12. Juni 2218 www.muenchenerbiennale.de

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