Ein Festival für Stradella in Italien

Barocke Wiederentdeckungen

Das Festival Barocco Alessandro Stradella nördlich von Rom widmet sich diesem zu Unrecht vergessenen Barock-Komponisten

Von Thomas Migge

(Viterbo, September 2017) Barockmusik hat in Italien einen schweren Stand. Festivals nur mit Barockmusik genießen Seltenheitswert. In Italien dominiert nach wie vor der Bel Canto und die italienische Oper des 19. Jahrhunderts.
Umso verdienstvoller der Einsatz von Andrea de Carlo. Der bekannte Barockgambist ist ein Tausendsassa. De Carlo unterrichtet am Konservatorium in l’Aquila, leitet das 2005 von ihm gegründete Ensemble „Mare Nostrum“, spielt fast jedes Jahr eine neue CD ein, die immer wieder internationale Auszeichnungen erhalten, er schreibt Kurzgeschichten, spielt Jazz und gründete 2013 das „Festival Alessandro Stradella“, in der Kleinstadt Nepi, rund eine dreiviertel Autostunde nördlich von Rom gelegen. Hier wurde 1639 der Komponist und Musiker Alessandro Stradella geboren, 1682 starb er in Genua.

Stradella hat es Andrea De Carlo angetan. Ihm ist zu verdanken, dass – CD für CD und Konzert für Konzert – das weitgehend vergessene und nur selten zu hörende Schaffen dieses Komponisten studiert, aufgeführt und eingespielt wird.
Und so verwundert es nicht, dass das dank De Carlo endlich wiederbelebte Barockfestival von Viterbo sich jetzt neu mit dem Namen „Festival Barocco Alessando Stradella“ präsentiert und das Schaffen Stradellas in seinen Mittelpunkt stellt. Vom 2. bis 15. September wurde neben Stradella auch Musik von Pasquini, Sanz, Kapsberger, Corelli und vielen anderen geboten. Dazu gab es Meisterklassen.

Stradella war ein sehr produktiver Komponist. Er schuf Werke aller Gattungen. Immer wieder, und genau das will De Carlo hervorheben, überschritt er die Grenzen der musikalischen Konventionen seiner Zeit. Nur ein Beispiel: die Idee des Concerto Grosso, die durch spätere Komponisten wie Vivaldi und Corelli verbreitet wurde. Stradella gehörte zu den ersten, die Werke komponierten, bei denen es zu einer Gegenüberstellung von Soloviolinen und Orchester kommt.
Nicht nur Stradellas „Sinfonien“ und Serenaden verdienen Interesse, sondern auch seine zu seinen Lebzeiten erfolgreichen Opern und seine sechs (bislang bekannten) Oratorien, die in ihrer musikalischen Gestaltung und in ihrem tonalen Reichtum eher als Opern bezeichnet werden müssen.

Die erste Neuausgabe des „Festival Barocco Alessandro Stradella“ wurde mit der konzertant aufgeführten Stradella-Oper „La Doricela“eröffnet. Andrea De Carlo dirigierte das Orchester Il Pomo d’Oro.
„La Doriclea“ war lange vergessen. Zu Stradellas Zeit war sie ein echter Opernhit. Erst 1938 wurde die Oper wiederentdeckt. Zwei Liebesgeschichten ergeben eine heitere Handlung. 40 Szenen und ungefähr ebenso viele Nummern, darunter 17 Duette und ein Quartett, verbunden durch musikalisch sehr fein gearbeitete und oft ins Ariose gleitende Rezitative. Mit ihren kontrastreichen Rhythmen, ihren gewagten Harmonien, raffinierter Kontrapunktik und leidenschaftlichen Lamento-Arien ist „La Doriclea“ sicherlich eine der musikalisch reizvollsten Opern ihrer Zeit, die es verdient öfter aufgeführt zu werden.

Andrea De Carlo gelang es, das musikalisch feinfühlige, leidenschaftliche und spritzige der Partitur hervorzukitzeln. Die Besetzung, mit Giuseppina Bridelli, Luca Ceroni, Gabriella Martelacci und Riccardo Novara hätte besser nicht sein können: wichtig bei einer Oper, in der vokales und darstellerisches Talent meisterhaft miteinander verwoben sind. Enttäuschend war hingegen der Countertenor Xavier Sabata in der Rolle des Fidalbo: er verfügt weder über das entsprechende Stimmvolumen noch über das vokale Können für eine Rolle, die tonale Gewandtheit und Volumen erfordert. Schade.

De Carlo spielte mit dieser Besetzung und dem Orchester Il Pomo d’Oro die Oper auch auf CD ein, noch während des Festivals. Eine Einspielung, die jedem empfohlen sei, der die faszinierende Musik von Alessandro Stradella entdecken möchte.

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