Edward II.

Der König und sein Liebhaber

Michael Nagy Foto: Monika Rittershaus

„Edward II.“ nach Marlowe erstmals als Oper von Lorenzo Scartazzini – Uraufführung an der Deutschen Oper Berlin mit Michael Nagy in der Titelpartie
Von Klaus Kalchschmid
(Berlin, 19. Februar 2017) Derek Jarman hat 1992 mit „Edward II.“ eine brillante, ausnehmend moderne und doch sehr poetische und berührende Verfilmung des Stücks von Christopher Marlowe gedreht und den Stoff ins 20. Jahrhundert ausstrahlen lassen. Erst vor einem Jahr wagte die Theaterakademie August Everding in München das Stück erfolgreich als Musical mit Songs von Sting. Nun also als Uraufführung die erste Oper nach der berühmten Vorlage („Edward II. The troublesome raigne and lamentable death of Edward the second, King of England with the tragicall of proud Mortimer“), das auch schon Bert Brecht 1923/24 als „Leben Eduards des Zweiten von England“ für die deutsche Bühne bearbeitet hat.
Der Dramatiker und Regisseur Thomas Jonigk hat neben dem Schauspiel von 1593 diverse Chroniken als Quelle benutzt, aber das Geschehen immer wieder sehr frei ins 21. Jahrhunderts katapultiert. Da ist dann von „Homo“ und „Arschficker“ und dem „175er“ die Rede, da treten in komisch gemeinten Szenen zwei Männer (Gideon Poppe, Markus Brück) als Soldaten, Räte, Geistliche, Wärter oder gar Tour Guides in einem Museum von heute auf und Letztere versichern ihren Besuchern: „Aufgrund seiner sexuellen Orientierung und der Diskriminierung und Kriminalisierung seiner Person ist Edward II. bis heute eine identitätsstiftende Figur der Homosexuellenbewegung sowie Inspiration für Historiker und Künstler.“ So platt, so unscharf.
Jonigk will Marlowes Stück offensichtlich aufbrechen, will die Geschichte eines Mannes, der einen andern liebt und von der Gesellschaft dafür haftbar gemacht wird, über die Jahrhunderte hinweg erzählen. Am Ende heftet er dem grausamen Mord an Edward mit einer glühenden Eisenstange, die ihm in den Anus gestoßen wird, ein offenes Ende an und alle schauen ins Publikum wie weiland am Ende von Patrice Chéreaus Inszenierung der „Götterdämmerung“ in Bayreuth. Jonigks Libretto in zehn Szenen knirscht zwar dramaturgisch immer wieder, vor allem in den und durch die Slapstick-Szenen. Aber wenn Edward, sein Freund Gaveston und eine rätselhafte Engelsfigur – ein attraktiver, bärtiger Mann – in verschiedenen  Konstellationen aufeinander treffen, gelingen ihm leidlich spannende Szenen.
Auch die Traumsequenz, mit der die Oper beginnt und das brutale Ende vorwegnimmt, ist klug erdacht und ausgeführt. Da träumt Edward wie seine Politiker Gaveston vergewaltigt haben, ihn im blutbefleckten Hochzeitskleid mit dem König verheiraten wollen und anschließend beide abschlachten. Später wird es eine ähnliche Szene noch einmal geben, in der Gaveston im Wald verfolgt wird. Aber kaum etwas erfahren wir über die problematische Beziehung von König und Liebhaber, von dessen Eingreifen in die Regierungsgeschäfte, von Edwards Ausreizen seiner Macht. Jonigk zeigt allerdings, wie er zum Berserker wird, als sein kleiner, vielleicht 12-jähriger Sohn (hervorragend: Mattis van Hasselt) ihm detailliert schildern muss, wie grausam Gaveston ums Leben kam.
Und es gibt die Musik von Lorenzo Scartazzini. Und die besitzt Schärfe in den vielfältigen Reibungen von Klangflächen, aber auch luzide Schönheit, hat Kraft und Ausstrahlung, die den Abend doch noch spannend und intensiv machen. Und Thomas Søndergård am Pult des Orchesters der Deutschen Oper sorgt dafür, dass die Partitur in jedem Takt große Leucht- und Durchschlagskraft erhält. Weil Scartazzini auch prägnant und singbar für Stimmen schreiben und das Haus großartige Protagonisten aufbieten kann, ist Bariton Michael Nagy als Edward ein anrührend verzweifelter Mann, der schwer an seinem Amt trägt (symbolisiert durch einen Königsmantel, der ihn fast zu Boden drückt), aber auch leidet an seiner verbotenen Liebe zu – und seiner Angst um – Gaveston. Der ist beim tschechischen Tenor Ladislav Elgr ein eher weicher, empfindsamer Mann, der oft barfuß und in Unterwäsche zugleich verletzlich und verführerisch wirkt, während der auch stimmlich attraktive Jarrett Ott im Glitzerfummel und auf High Heels einen Engel verkörpert, der Edward nicht nur Trost spendet, sondern auch enorme negative Energie entwickeln kann. Agneta Eichholz hat eine ähnliche Bühnenpräsenz als Gemahlin Edwards wie Tilda Swinton im Film von Jarman und singt dazu mit einem manchmal ins Gleissende sich steigernden Sopran-Glanz, der Isabella genauso gefährlich macht wie der junge Andrew Harris den Mortimer, dem er eine baritonale Wucht gibt, vor der man sich fürchten muss. Bleiben der immer wieder exzellente Chor und der großartige Charaktertenor Burkhard Ulrich als Bischof von Coventry.
Die Ruine der dortigen Kathedrale wird auch in der genau modellierten hölzernen Skulptur angedeutet, die sich während des Abends unmerklich einmal um sich dreht und auch Elemente eines Chorgestühls enthält. In einem schwarzen Raum, der Wände und Durchgänge nur erahnen lässt, dominiert diese fein gearbeitete runde Skulptur die Bühne von Annette Kurz geheimnisvoll rätselhaft. Die eher neutralen Kostüme (Klaus Bruns) verorten das Geschehen in unserer Zeit, wie auch Christof Loys Regie unspektakulär, aber doch dezidiert die Verlängerung ins Heute betont, etwa wenn in einer Szene Plakate bei einer Demonstration für die Rechte schwuler Männer werben, und der Museumsführer am Ende in Leder und Harness (also einem Geschirr wie bei Tieren) über nackter Haut seine Gruppe führt.            



Münchner Philharmoniker


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