Düstere Außenseiter-Skizzen.

Eine Academie mit Haydn


Der "Fliegende Holländer" als Landestheater-Produktion im Salzburger Festspielhaus.
Wer sich ständig nur im Umkreis der hehren Premieren der ersten Häuser bewegt, tendiert nur allzu leicht dazu zu vergessen, mit welchen finanziellen (und damit in der Regel auch) Problemen der künstlerischen Umsetzung) sich Stadt- und Landestheater konfrontiert sehen, wenn sie über die Zone der leichter zu besetzenden und umzusetzenden Quasi-Kammeropern hinaus wollen. Das gilt fürs Sängerische, die Orchesterqualität und auch fürs En­gage­ment von Regisseuren der oberen Kategorie. Da heißt es, sich nach der Decke zu strecken und Risiken und Chancen gegeneinander abzuwägen: Insbeson­dere in den Wagner- oder Strauss-Opern sind die tragenden Rollen mit Ensemble­kräften meist nicht oder nur schwer zu besetzen; für zugkräftige Gäste fehlt das Geld. Der Chor ist immens gefordert und die Or­chester sind für diese Opern oft zu klein, oder ringen – zumeist bei den Bläsern – mit dem Limit ihrer Möglich­keiten und Erfah­run­gen. Und gute Regisseure sind auch an den bekannten Opernhäusern Mangelware. Dass das Publikum unver­ständig sei, ist hingegen eine Mär. Gute, nachvollziehbare und handwerklich sauber gearbeitete Pro­duktionen finden – von Ausnahmen abgesehen – immer den Zuspruch, den sie ver­dienen.
In Salzburg gibt es eine lange Tradition des Landestheaters, einmal im Jahr das Große Festspielhaus für eine große Opernproduktion zu nutzen. Nach der durch fortgesetzte Etatkürzungen motivierten Zwangspause und dem Abgang des langjährigen Inten­danten Lutz Hochstrate wurde nun – zum ersten Mal seit 2003 – ein neuer Anlauf ge­nommen. Unter der Ägyde des neuen (und schon wieder weiterziehenden) Opernverantwortlichen Bernd Feuchtner wurde – in Koope­ration mit der rührigen "Salzburger Kulturvereinigung" – ein achtbarer "Fliegender Holländer" aus der Taufe gehoben, der sich durchaus sehen (und hören) lassen kann.
Das liegt zuallererst an der musikalischen Grundierung durch das Salzburger Mozarteumorchester unter der Leitung seines Chefdirigentren Ivor Bolton. Bei seiner ersten Wagner-Oper versteht er es, von der zügig und mit Verve ge­nommenen Ouvertüre an alle Kraftreserven des Klangkörpers zu mobilisieren, dem Schlagwerk eine prominente Rolle zuzu­weisen und den Musikern eine breite Palette von bunten Farben und hochexplosiver Emotio­nalität zu ent­locken, ohne je zu schwergewichtig zu agieren. Die Spannung kommt nie zum Erliegen und mitunter – wie in der Szene um die Ballade der Senta – werden Bögen aufgebaut, die deutlich werden lassen, wie sehr Wagner hier – gespielt wurde die erste Fassung ohne den Erlösungsschluß – noch auf der Suche nach der ihm adäquaten durchgängigen Opernform war. Auch in dem (von Wagner selbst angedachten) Verzicht auf Pausen zwischen den Akten klang dies an.
Der Bühnenbildner Jürgen Kirner war sichtlich vom Riesenraum des Festspiel­hauses inspiriert, nutzte verschiedene Möglichkeiten der Raumgestaltung und eröffnete der etwas statischen Regie Aron Stiehls vielfältige Möglichkeiten zwischen stilisiert-bewegten Chor-Standbildern und einem Realismus der Dar­stellung im Schlußakt. Dominiert wurde die Bilderwelt von fast skizzenhaften, düsteren Pinselzeichnungen auf laubsägeartigen Kulissen mit 3-D-Effekten. Nur ein gelber Mond und ein bedeutungsvolles rotes Element bringen etwas Farbe ins Spiel. Am gelungensten war wohl das Anfangsbild, in dem Dalands Mann­schaft auf einem angedeuteten Schiff zu sehen ist. Hier hatten die ex­zellenten Choristen des verstärkten Chors des Salzburger Landestheaters Gelegenheit, ihre Qualitäten hören zu lassen. Und der einzige hauseigene Sänger, Franz Supper, hielt als Steu­ermann die Ensemblefahne mehr als nur tapfer hoch.
Unter den Stimmen stach Julie Makerovs stattliche, aber nicht immer intona­tionsreine Außenseitergestalt der Senta hervor. Die Holländer-Gestalt (mar­kant: Marcus Jupither) hat ihren ersten Auftritt gleichsam im Auge des Taifuns zu absolvieren. Erik (Jeffrey Lloyd-Roberts) ist etwas plakaktiv als angepaßter Häuselbauer charakterisiert und schlägt sich wacker durch die schwierige Tenor­partie, Bjarni Thor Kristinsson stattet den geldgierigen Daland mit einem markigen Baß aus. Heike Grötzinger erfüllte ihre Rolle als betuliche Leiterin eines Chors, der ein Spinnlied probt, auch vokal mit Leben.
Leider verlief sich das Ende der Oper im Beiläufigen, das auch in den letzten Takten durch die Rück­kehr zum Anfangsbild – einer Bildergalerie, die wohl die Biographie des Hollän­ders  versinnbildlichen wollte – nicht aufgefangen wurde: Das neue aufge­hängte Bild mit einer blauen Gestalt – korrespondierend zum blauen Kostüm Sentas – deutet an, daß die Erlösung des Holländers diesmal fast geglückt wäre. Das hätte man auch einfacher und überzeugender sagen können.

Derek Weber

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