Sopranistinnen siegen beim Cesti-Gesangswettbewerb

Lautstärke als Qualitätsmerkmal?

Grace Durham, Dioklea Hoxha und Theodora Raftis haben den Cesti-Gesangswettbewerb 2019 der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik gewonnen

Von Robert Jungwirth

(Innsbruck, 8. August 2019) Warum singt sie so laut? Wir sind doch nicht bei einem Verdi-Gesangswettbewerb, sondern bei einem für Barockgesang. Dennoch singt Grace Durham extrem laut. Warum nur? Ganz einfach: weil sie den ersten Preis gewinnen möchte – was ihr schließlich auch gelingt. Natürlich verfügt die 30-Jährige Britin außer über ein hallenfüllendes Forte auch über eine hervorragend ausgebildete Mezzosopranstimme und kann mit makellosen Koloraturen punkten. Aber es war doch enttäuschend, dass die anwesenden Operndirektoren, Festivalleiter und künstlerischen Planer in der Jury des Cesti-Gesangswettbewerbs der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik Lautstärke so offensichtlich als bedeutendes Qualitätsmerkmal ansehen. Vor allem bei einem Wettbewerb für Barockgesang hätte man sich doch andere Kriterien als vorrangig gewünscht.

Auch die anderen neun Teilnehmer des Finales neigten zum Forcieren. Das war schon auffällig und auch für den Rahmen im schönen holzverkleideten Saal des neuen Innsbrucker Hauses der Musik unpassend. Sie wussten aber ganz offensichtlich, worauf es hier ankommt. Auch der deutsche Bariton Yannick Debus zum Beispiel sang viel zu laut – und vor allem durchgängig. Von Abstufungen, Differenzierungen in Händels Arie „Tu sei il cor“ aus dem „Giulio Cesare“ war kaum etwas zu hören. Was aber bitte hat das mit Barockgesang zu tun? Das ist umso unverständlicher, als seine Stimme ebenfalls hervorragend ausgebildet und klangvoll ist. Für einen Preis hat es bei ihm allerdings nicht gereicht. Den haben in diesem Jahr nur Frauen erhalten.

200 Anmeldungen hat es für die zehnte Ausgabe dieses von Festivalleiter Alessandro di Marchi 2009 gegründeten Wettbewerbs gegeben, der längst zu einem wichtigen Sprungbrett für Nachwuchssänger aus der Alten Musik-Szene geworden ist.

Immerhin ging der zweite Preis an die aus dem Kosovo stammende, erst 22 Jahre junge Sopranistin Dioklea Hoxha. Die Entscheidung versöhnte uns mit der Jury, denn Dioklea Hoxhas natürlicher, klarer, für Alte Musik wunderbar geeigneter Sopran ist einfach bezaubernd. Man kann sich die Sängerin bestens in einer Monteverdi-Oper vorstellen. Ein großes Talent, noch dazu mit viel Charme und Ausstrahlung, dem man viele schöne Engagements wünscht. Auch der dritte Preis an die Sopranistin Theodora Raftis (27) aus Zypern war gut gewählt. Ihre Stimme verfügt über einen ganz eigenen Klang, ihre Technik ist fabelhaft, mitunter meint man ein paar Orientalismen oder sagen wir besser Traditionalismen zu vernehmen, was ihre Stimme nur noch interessanter macht.

Die Finalisten des Cesti-Wettbewerbs 2019 Foto: Celina Friedrichs

Auch das Publikum ist beim Cesti-Wettbewerb zu einer Bewertung aufgerufen, was den öffentlichen Wettbewerb für Zuhörer zusätzlich attraktiv macht – und natürlich auch deren Fähigkeiten des vergleichenden Hörens schult. Den Publikumspreis gewann die ebenfalls erst 22-jährige Österreicherin Miriam Kutrowatz. Auch sie ist ein herausragendes Talent mit perfekter Technik, klarer und schön timbrierter Stimme, gerade für Alte Musik. Dazu sieht sie auch noch fabelhaft aus. Der Sonderpreis einer Künstleragentur für sie dürfte davon nicht unbeeinflusst sein. Und Miriam Kutrowatz bekam ein Engagement beim Festival Resonanzen am Wiener Konzerthaus.

Reife Leistungen mit viel Ausdruck und Power boten aber auch die Mezzosopranistin Nataliia Kukhar (27) aus der Ukraine und auch die ungarische Sopranistin Orsolya Nyakas (29), die man sich sehr gut für Mozart-Opern vorstellen kann. Alle Finalteilnehmer hatten zwei Arien vorzutragen, eine aus der Oper „L’empio punito“ von Alessandro Melani, die 2020 im Rahmen der „Barockoper:Jung“ bei den Festwochen aufgeführt wird, und eine freier Wahl, meist von Händel, aber auch Hasse und Vivaldi waren vertreten. Aus dem Rahmen der Soprane fiel der 26-jährige Israeli Maayan Licht (26), der über einen glockenreinen Sopran verfügt und vor allem in die langsame Arie „Gelosia, tu gia rendi l’alma mia“ aus Vivaldis „Ottone in villa“ viel Intensität zu legen vermochte.

Begleitet wurden die Sängerinnen und Sänger übrigens von einem hervorragenden 10-köpfigen Instrumentalensemble aus italienischen Musikern unter der Leitung der Cembalistin Mariangiola Martello. Auch das Orchester hätte an diesem Abend einen Preis verdient. Der erste Preis ist übrigens mit 4000, der zweite mit 3000 und der dritte mit 2000 Euro dotiert. Die Gewinnerin des Publikumspreises erhält 1000 Euro, mit 1500 Euro ist der Nachwuchspreis der Künstleragentur Sorek Artists Management dotiert.

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