Drei Klavierabende von Claudio Arrau

Zeitlos faszinierend

Claudio Arrau live in drei faszinierenden Recitals

Von Klaus Kalchschmid

Noch bevor Anfang März auf 80 CDs die kompletten Philips/Decca-(Studio-)Aufnahmen in einer Box erscheinen, kann man aufs Bezwingendste das ganze Spektrum des großen chilenischen Pianisten Claudio Arrau (1903-1991) in den erstmals komplett veröffentlichten Mitschnitten von drei Klavierabenden zwischen 1954 und 1963 aus Ludwigsburg und Schwetzingen erleben. Der SWR hat sie mitgeschnitten und nach digitalem Remastering nun wunderbar plastisch und klar, dabei so rauscharm wie nur möglich in einer 5-CD-Box beim hauseigenen Label herausgebracht.

Das Recital vom 12. März 1960 ist ausschließlich Frédéric Chopin gewidmet, beginnend mit den Balladen Nr. 3 und 4 und dem Scherzo op. 54; auf die h-moll-Sonate folgen die 24 Préludes. Und es scheint, als wäre die Zeit spurlos an diesen Aufnahmen vorbeigegangen, so atemlos vibriert das Scherzo, so tief atmet der langsame Satz der Sonate, so vielfältig ist jedes der 24 Préludes ausgeformt und abgetönt: „Claudio Arrau ist ein Hohepriester absoluter Textverwirklichung“, schrieb denn einst Joachim Kaiser in „Große Pianisten unserer Zeit“ absolut zu Recht.

Das Konzert am 27. März 1954 folgt der musikgeschichtlichen Chronologie: Auf das Mozart-Rondo D-Dur (KV 485) folgt eine elektrisierende, wilde Beethovensche „Appassionata“ und Schumanns C-Dur-Fantasie. Claude Debussys „Pour le Piano“ leuchten mal kraftvoll hell, mal wie verschattet, bevor Maurice Ravels „Jeux d’eau“ orchestral und „Alborada del gracioso“ spanisch aufgeheizt schillert. Am Ende drei feine Zugaben von Mendelssohn, Chopin und Liszt.

Enorm der Bogen im letzten der drei Konzerte: Nach einleitender Beethoven-Petitesse (G-Dur-Rondo op. 51/2) spielt Arrau dessen erste seiner späten Sonaten, also op. 101 mit einem glasklaren Furor, einer Verdichtung und zugleich hellsichtig klar, wie das nur dieser Pianist konnte. Auf brillant abgewandelte Händel-Variationen von Johannes Brahms folgt der von Claudio Arrau stets so unvergleichlich gespielte „Carnaval“ von Robert Schumann. Nach der gewaltig aufgetürmten Fuge am Ende von Brahms‘ op. 24 wirken diese 21 kleinen Charakterstücke op. 9 noch exzentrischer und beweisen ein letztes Mal Joachim Kaisers Wort von Arraus hohen „Hitzegraden des objektiven Espressivos“ und seinem Ausdrucksideal „texttreuer ‚Reinheit‘“, auch wenn hier am Ende leichte Ermüdungserscheinungen nicht zu überhören sind.

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1 Antwort
  1. Heiner Müller
    Heiner Müller says:

    „Claudio Abbado ist ein Hohepriester absoluter Textverwirklichung“, schrieb denn einst Joachim Kaiser in „Große Pianisten unserer Zeit“ absolut zu Recht.“
    Hat er so sicherlich NICHT geschrieben. Abbado?

    Antworten

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