Drei Finalisten im Fach Geige

Die ersten Entscheidungen beim ARD-Musikwettbewerb

Von Klaus Kalchschmid

(München, 3. September 2017) – Welch ein Kontrast: Zuerst drei Mozart-Violinkonzerte mit dem Münchener Kammerorchester und danach von denselben Musikern dreimal das aufregende, horrend schwere, aber auch dankbare und effektvolle zeitgenössische Auftragswerk von Avner Dorman- und nach der Pause dasselbe noch einmal. Selbst wer Mozarts D-Dur-Konzert KV 271a mit wunderbar natürlichem, plastischem Ton spielte; dem im langsamen Satz ein traumhaftes Legato gelang; der im Schlusssatz voller Leben, Kraft und einer Spur Frechheit sprühte; selbst der war, wie Fedor Rudin, mit Avner Dormans schlicht „For Solo Violin“ genanntem 12-Minüter überfordert. Und das kostete ihn wohl auch den Einzug ins Finale.

Dieses Stück hat es wahrlich in sich: Es beginn mit einem schnellen immer vertrackter skandierenden, wilden und auch „Feroce“ überschriebenen ersten Satz, dem ein verhältnismäßig langsamer „Canon, lyrico con espressione“ folgt. Er beginnt mit heiklen, choralartigen Doppelgriffen, um dann eine nicht minder schwierige Zweistimmigkeit, eben den Kanon, folgen zu lassen. Die wüsten, anfangs pianopianissimo zu spielenden 32tel-Arpeggien des dritten Satzes gehen in höchstes Flageolett über, bevor mit Dynamikwechseln auf engstem Raum gespickte, mehr oder minder chromatisch auf und abwärts laufende, irre schnelle Läufe folgen, die sich zu höchster Lautstärke steigern. Aus einem in sich kreisendes Vierton-Motiv entwickelt sich in einem erneut langsamen (vierten) Satz („Adagio con espressione“) eine Drei- und Vierstimmigkeit in Akkorden, die bereits atemraubend wäre, käme nicht noch ein Presto, das dem Ganze die Spitze aufsetzt und eine mit variablen Betonungen strukturierte Mehrstimmigkeit suggeriert, die – gut gespielt – schier überwältigt.

So konnte man dies am faszinierendsten beim 23-jährigen Italiener Andrea Obiso erleben, der nicht nur technisch brillant alle Fallstricke dieser Komposition meisterte, sondern auch eine grandiose musikalische Deutung hörbar machte. Er war auch der einzige von sechs Semifinalisten (drei Frauen, drei Männer), der etwa den Kanon als solchen hörbar machen konnte und immer traumhaft sicher Höhepunkte anpeilte und auskostete, aber auch kleine Einheiten plastisch auszuformen wusste. Zuvor spielte er ein wunderbares Mozart-G-Dur-Konzert (KV 216), das perfekt für ihn passte: Im Kopfsatz bei aller Eleganz mit einer gehörigen Portion Wildheit und virilem Charme („ein Lippizianer auf Krack“ meinte der Sitznachbar), bevor er im Adagio eine Wehmut verströmte, die tiefes Gefühl, großen Ernst und ein ebensolches Herz offenbarte, aber nie Gefahr lied, Sentimentaliät auch nur zu streifen.

Zuvor hatte die Deutsche Sarah Christian nicht minder überzeugend gespielt. Schon nach ihren ersten sanften, seidigen, traumverlorenen Tönen, die einer langen Generalpause nach der Intro des Orchesters folgen, war klar, dass ihr A-Dur-Konzert KV 219 ein Ereignis würde: Was für ein sehniger, feuriger und doch immer kontrollierter Ton im „Allegro aperto“, welch ein traumhaft schönes „Adagio“, gekrönt von einem Rondo, dessen plötzlich einbrechendes „alla turca“ Solistin und Orchester mit einer Schärfe und Intensität boten, die auf den Rest vielfach abfärbten.

Vor der Pause musizierte Kristine Balanas aus Lettland auf dem gleichen hohen Niveau das D-Dur-Konzert KV 218 und überstrahlte damit die steife, kühle Bulgarin Liya Petrova, die mit demselben Konzert das Semifinale begann – und ausschied. Balanas spielte zwar durchweg mit viel, aber sehr gut eingesetztem Vibrato, was nicht nur ihrer großen, romantischen Kadenz im Kopfsatzgut anstand, sondern auch dem „Andante cantabile“. Und anders als zu Beginn spürte man auch, wie Solistin und Orchester auf einem Atem musizierten und dabei spürbar Lust empfanden. Punkten konnte die Lettin auch mit einem technisch untadelig gemeisterten Auftragswerk.

Das Finale Geige am 6. September (18 Uhr) in der Musikhochschule (auch im Video-Livestream via www.ard-musikwettbewerb.de),in dem Kristine Balanas, Sarah Christian und Andrea Obiso jeweils das erste Violinkonzert von Sergej Prokofjew spielen werden, dürfte also spannend werden.

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